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blog / Freitag 11.09.26

APA Check Avatar Preise in Deutschland seit 1998 knapp verdoppelt

APA / dpa / Sebastian Kahnert

Dass Lebensmittelpreise in den vergangenen Jahren gestiegen sind, stimmt. Jedoch werden immer wieder auch falsche Vergleiche verbreitet, die die Lage prekärer darstellen, als sie eigentlich ist. Online werden aktuell wieder vermeintliche Kassenzettel von ALDI SÜD geteilt, die zeigen sollen, wie die Preise für Lebensmittel seit 1998 gestiegen sind (1). Doch die Rechnungen sind gefälscht. Darauf weisen mehrere Merkmale hin.   


Einschätzung
 


Die Behauptung, dass es sich hier um echte Kassenbons handelt, welche auch die tatsächliche Teuerung in den vergangenen knapp 28 Jahren zeigen sollen, ist falsch. Die tatsächliche Teuerungsrate ist deutlich niedriger.


Überprüfung
 


Die beiden Kassenzettel, die in dem Posting gegenübergestellt werden, weisen einige Merkmale auf, die an ihrer Echtheit zweifeln lassen. Auch ALDI SÜD bestätigt auf APA-Anfrage, dass es sich bei den gezeigten Kassenbons nicht um echte Belege von ALDI SÜD handelt. „Beide Darstellungen weisen deutliche Fälschungsmerkmale auf“, heißt es von Seiten des Unternehmens.
 


Unter anderem seien Logos und Angaben von ALDI SÜD und ALDI Nord fehlerhaft vermischt worden, es würden Filialanschriften sowie der gesetzliche Pfandausweis fehlen, und auch Datums- sowie Preis- und Sortimentsangaben seien unplausibel.
 


Beide Quittungen weisen also Merkmale auf, die sie als Fälschungen entlarven: Sowohl inhaltlich als auch formal.
 


Zeit, Datum, Nummern
 


Auffällig ist etwa, dass die beiden Einkäufe zur exakt selben Uhrzeit abkassiert worden sein sollen, nämlich um 15:42:31 Uhr – und das, obwohl fast 28 Jahre zwischen ihnen liegen. Außerdem wirken die Nummern der Quittungen konstruiert: 12345 und 987654321. Der Kassenbon aus 2026 soll zudem am 24. Mai ausgestellt worden sein. Auch das ist unwahrscheinlich, denn auf diesen Tag fiel dieses Jahr der Pfingstsonntag, an dem Discounter in Deutschland regulär
geschlossen waren (2). Aus den Rechnungen geht zudem nicht hervor, in welchen Filialen die Einkäufe getätigt worden sein sollen. Auch das ist untypisch – insbesondere für eine Quittung aus dem Jahr 2026.  


Die Rechnung aus 2026 verweist zudem auf die ALDI Nord-App, obwohl es sich dem
Logo zufolge um einen Beleg von ALDI SÜD handelt (3). Die beiden Unternehmen nähern sich Medienberichten zufolge zwar wieder an, sind aber seit 1961 grundsätzlich voneinander getrennt (4). Dass also auf einer ALDI SÜD-Rechnung auf die App von ALDI Nord verwiesen wird, wäre daher höchst unwahrscheinlich. 


Falsche Summe 
 


Außerdem geht die Rechnung nicht auf: Addiert man die Artikelpreise aus dem Jahr 1998, so kommt man auf einen Wert von 10,40 D-Mark und nicht, wie hier angegeben, auf 10,90. Auch 2026 ist die Summe nicht die richtige: Rechnet man die Artikelpreise zusammen, kommt man nicht auf 26,29 Euro, sondern auf 26,30. 
 


Besonders auffällig sind auch die Produkte selbst, die hier gekauft worden sein sollen, denn ihre Bezeichnungen sind extrem generisch gehalten: Brot, Milch, Schokolade. Es werden hier keine konkreten Markennamen oder Produktnummern angegeben, was ebenfalls auf eine Fälschung hinweisen kann. „Auf regulären Kassenbons von ALDI SÜD werden Produkte stets mit konkreten Artikel- und Markennamen ausgewiesen und nicht als reine Sammelbegriffe wie „Butter“ oder „Milch““, so ALDI SÜD auf APA-Anfrage. Zudem müsste auf der Rechnung bei „Cola 1,5L“ auch der Pfandbetrag angegeben sein.
 


Unrealistische Preise
 


Die Preise wirken zudem teils künstlich in die Höhe getrieben. Auf der Webseite von ALDI SÜD sind Produkte samt Preisen einsehbar. Welche Artikel hier genau gekauft worden sein sollen, ist aufgrund der fehlenden Markennennung nicht eindeutig feststellbar. Dennoch zeigt ein Vergleich mit den tatsächlichen Preisen, dass jene auf der vermeintlich echten Quittung zum Teil deutlich höher sind. Ein
Liter Milch mit 3,5% Fett kostet hier etwa aktuell 0,95 Euro (5), der Preis für Cola in der 1,5-Liter-Falsche beträgt 0,65 Euro (6) und 500g Nudeln bekommt man bereits für 0,69 Euro (7).  


Original oder Nachbildung?
 


Der Kassenzettel aus 1998 wirkt zudem wie eine moderne Nachbildung eines alten Bons, nicht wie zufällig erhaltenes Originalmaterial. Auffällig ist, dass die Quittungen trotz des großen zeitlichen Abstands nahezu identisch formatiert wirken. Zudem gab es 1998 bei ALDI SÜD noch keine
Scanner-Kassen (8). Während sich diese zum Teil schon Ende der 1980er Jahre durchgesetzt haben, galt ALDI als Ausnahme. Erst 2000 führte ALDI SÜD Scanner-Kassen ein – bis dahin wurde getippt oder mit einem eigenen Produktnummern-System gearbeitet. Umso auffälliger sind die Produktbezeichnungen auf der Quittung aus dem Jahr 1998. Angaben wie „Milch 3,5% Fett“ oder „Butter 250g“ wirken wie zum Preisvergleich formulierte Produktbeschreibungen. 


Preissteigerung nicht realistisch 
 


Generell ist aber auch der Preisunterschied, der in diesem Posting gezeigt wird, auffällig. Der Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes (destatis) hilft dabei zu ermitteln, wie hoch die Preissteigerung zwischen 1998 und 2026 in Deutschland tatsächlich war. Der
VPI misst monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung von Waren und Dienstleistungen. Dafür gibt es immer ein Basisjahr, also einen Ausgangspunkt, mit dem die Preisentwicklung verglichen wird. In Deutschland ist dieses aktuell das Jahr 2020 (9). 


Der 
Statistik ist zu entnehmen, dass der Verbraucherpreisindex (VPI) für die Warengruppe “Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke” im Jahr 1998 bei 70,5 Prozent des Indexwertes von 2020 lag. Für 2026 liegen noch keine vollständigen Zahlen vor, weshalb für den Vergleich auf das vergangene Jahr zurückgegriffen wird. 2025 lag der Verbraucherpreisindex bei 136,2 Prozent des 2020er-Wertes. Um die Preisentwicklung zwischen 1998 und 2025 zu berechnen, teilt man den VPI von 2025 durch den VPI von 1998. Das allgemeine Preisniveau lag 2025 damit etwa 1,93-mal so hoch wie 1998, entspricht also fast einer Verdoppelung der Preise (10). 


Ein Euro entspricht 
umgerechnet 1,95583 D-Mark (11). Der auf der Rechnung genannte Gesamtbetrag für den Einkauf aus 1998 beträgt 10,90 DM. Umgerechnet sind das 5,57 Euro. Würde man den Gesamtbetrag lediglich mit der allgemeinen Preisentwicklung des VPI für die Warengruppe fortschreiben, entspräche dies 2025 etwa 10,76 Euro und nicht, wie in dem Sharepic behauptet, 26,29 Euro. Dieser Preis entspräche einer deutlich stärkeren Preissteigerung von 372 Prozent und läge damit weit über der Entwicklung des Verbraucherpreisindex in Deutschland zwischen 1998 und 2025. 


Quellen
 

(1) Facebook-Posting mit Behauptung: https://go.apa.at/8t56hy8U (archiviert: https://go.apa.at/6uLzOwe6) 

(2) Öffnungszeiten Pfingsten 2026: https://go.apa.at/ivozqDK2 (archiviert: https://go.apa.at/Vfvp4CIi) 

(3) ALDI SÜD-Logo: https://go.apa.at/48YOqkWb (archiviert: https://go.apa.at/L15HsHba) 

(4) „WDR“-Artikel über mögliche Zusammenarbeit von ALDI Süd und Nord: https://go.apa.at/ZCedbySk (archiviert: https://go.apa.at/GDE5B4os) 

(5) ALDI SÜD: Preis für 1 Liter Milch: https://go.apa.at/nuHejRfs (archiviert: https://go.apa.at/UW6Psop1) 

(6) ALDI SÜD: Preis für 1,5 Liter Cola: https://go.apa.at/enkSzcnf (archiviert: https://go.apa.at/CgtXYn0j) 

(7) ALDI SÜD: Preis für 500g Nudeln: https://go.apa.at/jihZO0jn (archiviert: https://go.apa.at/rXlKHUpl) 

(8) “Spiegel”-Artikel zu Barcodes: https://go.apa.at/9todiS1F (archiviert: https://go.apa.at/B2nrXbLR) 

(9) Statistisches Bundesamt (destatis): Verbraucherpreisindex und Inflationsrate: https://go.apa.at/kJT2KxGV (archiviert: https://go.apa.at/SPhVD3nq) 

(10) Statistisches Bundesamt (destatis): VPI für “Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke”: https://go.apa.at/9Byqcwvg (archiviert: https://go.apa.at/45y1N1zL) 

(11) Umrechnen: D-Mark und Euro: https://go.apa.at/9fKc7LGp (archiviert: https://go.apa.at/20bYK30X) 


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Eva Cilensek / Stefan Rathmanner