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blog / Donnerstag 06.08.26

APA Check Avatar Manipuliertes Video zu Krise in Ceuta viral

APA/AFP

Desinformation soll laut Angaben der marokkanischen Regierung zur Massenankunft von Migrantinnen und Migranten in der spanischen Exklave Ceuta geführt haben. Aber auch rund um die Ereignisse selbst kursieren in Sozialen Medien viele Falschbehauptungen. So geht etwa ein aus dem Kontext gerissenes Video mit manipulierten Untertiteln viral (1a1b), alte Aufnahmen eines Grenzbeamten (2) werden als aktuell ausgegeben, ein weiteres Video (3) falsch lokalisiert. 

 

Einschätzung: Mit vielen der verbreiteten Inhalte sollen Emotionen wie Angst vor dem Zustrom von Migrantinnen und Migranten nach Europa geschürt werden. Die Untertitel eines Videos wurden dafür gezielt manipuliert. Das Originalvideo zeigt eine jubelnde Menge nach einem WM-Fußballspiel, weder der Inhalt noch der Aufnahmeort haben einen Bezug zu den Ereignissen in Ceuta. Bei dem Video, das einen Grenzbeamten zeigt, der die Tore für Einwanderer öffnet, handelt es sich um altes Bildmaterial aus 2021. Ein weiteres Video, das ursprünglich in einem Bahnhof in Marokko aufgenommen wurde, wird mit einer falschen Ortsangabe verbreitet und suggeriert damit, viele der Migranten seien bereits auf dem europäischen Festland. Auch KI-generierte Bilder zur Ceuta-Krise machen im Netz die Runde. 

 

Überprüfung: In dem Video (1b), das sowohl in Österreich als auch in Deutschland große Reichweite hat, spricht ein junger Mann euphorisch in die Mikrofone von Reportern. Seine arabischen Aussagen sind mit deutschen Untertiteln versehen: “Allah hat uns hierher gebracht, nach Europa. Die nächsten Tage werden wir nach Deutschland weiter reisen”, soll er demnach gesagt haben. Im Text des Postings (1a) steht in kürzerer Form das angebliche Zitat “Allah hat uns hierher geführt und unser Ziel ist Germoney.”


Originalvideo bereits Anfang Juli im Rahmen von WM aufgenommen


Diese Untertitel wurden allerdings gezielt manipuliert. Der Bursche erwähnt in seinen Aussagen weder Deutschland (Germany) noch Europa, es geht auch nicht um das Thema Migration und die Ereignisse in Ceuta. Wie eine Bilder-Rückwärtssuche (
4) mit einem Screenshot zeigt, wurde das Originalvideo bereits am 4. Juli von einem marokkanischen Medium auf Facebook veröffentlicht (5). Der junge Mann spricht dabei über das kurz zuvor mit 3:0 zu Ende gegangene WM-Fußballspiel von Marokko gegen Kanada (6) und über eine mögliche Begegnung mit der französischen Mannschaft im Viertelfinale. Zu Beginn erwähnt er auch den Ort, an dem er sich befindet: Sidi Bernoussi, ein Stadtteil von Casablanca. 


Dieser Aufnahmeort lässt sich mit Hilfe einer Suche auf Google Maps verifizieren, denn in der längeren Originalfassung des Clips sind einige der Gebäude im Hintergrund der jubelnden Menge zu sehen – etwa eine 
Zahnarztpraxis mit markantem blauem Firmenschild (7). Sowohl der Aufnahmeort als auch der -zeitpunkt machen deutlich, dass das Video keinen Bezug zu den Geschehnissen in Ceuta Ende Juli hat. 


Auch Ex-Politiker teilte Video
 


Wer das Video mit den falschen Untertiteln in Umlauf gebracht hat, ist nicht bekannt. Es wird aber von zahlreichen Userinnen und Usern geteilt, in Deutschland auch von einem 
AfD-Kreisverband auf TikTok (1a). Außerdem findet es sicauf einer Website, die in hoher Frequenz russische Desinformation veröffentlicht (8). In Österreich verbreitete unter anderem der Ex-Politiker Gerald Grosz das Video mitsamt Kommentar zur aktuellen Situation in Ceuta (1b). Nach einer Anfrage von APA-Faktencheck und der Bitte um eine Stellungnahme löschte Grosz das Video mit den manipulierten Untertiteln aus seinen Kanälen, wie sein Team bestätigte.


Video von Grenzbeamten aus 2021 erneut viral


Auch wenn die Rolle der marokkanischen Regierung bei dem Ansturm Zehntausender Migrantinnen und Migranten in Ceuta nicht abschließend geklärt ist, so gehen Fachleute doch davon aus, dass ein solcher Grenzübertritt nicht stattfinden hätte können, wenn die marokkanischen Behörden nicht zumindest aktiv weggeschaut hätten (
9). Dass Grenzbeamte aber aktiv die Tore für die Menschen geöffnet haben sollen, ist jedoch nicht belegt. 


Ein Video, das in Sozialen Medien als vermeintlicher Beweis dafür geteilt wird, stammt jedenfalls aus dem Jahr 2021. Eine Bilder-Rückwärtssuche (
4) mit einem zentralen Frame des Videos führt etwa zu einem Tweet der spanischen Polizeigewerkschaft aus dem Jahr 2021 (10). Auch die spanische Tageszeitung “El Pais” berichtete damals über das Video (11). Einige darin zu sehende Männer tragen eine Atemschutzmaske – ein Hinweis darauf, dass der Clip während der Corona-Pandemie aufgenommen wurde.


Im Mai 2021 kam es zu einem ähnlichen Vorfall wie am vergangenen Wochenende: Einige Tausend Migrantinnen und Migranten gelangten damals binnen kurzer Zeit nach Ceuta (
12). Spanien warf Marokko vor, im Streit um die Westsahara Migration und Menschen als Druckmittel eingesetzt zu haben.


Aufnahmen zeigen Menschen am Bahnhof in Marokko


In 
weiteren Postings (313) werden Aufnahmen von hunderten Menschen an Bahngleisen gezeigt – vermeintlich Flüchtlinge, die auf ihrem Weg in die EU an einem spanischen Bahnhof warten. Doch diese Annahme ist falsch, denn die Videos wurden nicht in Spanien, sondern in Marokko aufgenommen. Gezeigt wird hier der Bahnhof in der Stadt Kenitra (1415). Auch der saudi-arabische Sender „Alarabiya“ teilt die Szenen mit dem Hinweis, dass sie in Marokko aufgenommen wurden (16). In einigen Videos ist der Bahnhof in Marokko einfacher zu identifizieren als in anderen. In einem Clip (17) wird etwa ab 0:07 auf das Gebäude geschwenkt. Zu sehen ist dann recht deutlich die Decke des Bahnhofs mit ihrem Dreiecks-Muster, welches typisch für die Architektur des Bahnhofs ist: Die Fassade stellt eine Neuinterpretation des Maschrabiyya-Gitters (Moucharabieh) dar. Sie besteht aus mehr als 800 dreieckigen Elementen, inspiriert von der islamischen Architektur (18).


KI-generiertes Bild mit Soldat weit verbreitet


Neben Bildern und Videos, die aus dem Kontext gerissen und falsch interpretiert wurden, spielt auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) beim Verbreiten von Falschbehauptungen rund um Ceuta eine Rolle. So wurde etwa auf Instagram ein 
Bild geteilt (19), welches einen Soldaten zeigen soll, der über einem Mann, der die Felsen an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Enklave Ceuta erklimmt, steht. Über seinem Kopf hält der Soldat einen großen Stein – es scheint, als wolle er den Mann erschlagen. Das Bild ist jedoch nicht echt, es ist KI-generiert. Das Verifizierungstool von OpenAI bestätigt dies (20). „Wir haben ein SynthID-Wasserzeichen entdeckt, das von OpenAI stammt“, schrieb das Programm nach der Überprüfung des Beitrags. Es wurde also mit KI-Tools erstellt. Wie ein Faktencheck zeigt, dürfte zunächst „Reuters“ als Bildquelle angegeben worden sein – mittlerweile ist das Posting bearbeitet (21). Das Bild wurde von der Nachrichtenagentur aber nie veröffentlicht. Auch wenn das Bild KI-generiert ist, muss hier angemerkt werden, dass nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass sich eine ähnliche Auseinandersetzung tatsächlich ereignet hat.


Falschinformation ging Massenankunft voran


Als Auslöser für die 
große Migrationsbewegung – Zehntausende Migrantinnen und Migranten gelangten meist schwimmend in die spanische Exklave Ceuta – stehen mehrere Aspekte im Raum. So wurde etwa Anfang Juli vom obersten spanischen Gerichtshof ein Urteil gefällt, wonach Menschen, die Ceuta oder die zweite nordafrikanische Exklave Melilla über den Seeweg erreichen, nicht mehr direkt ausgewiesen werden. Aber auch kursierende Falschinformationen waren wohl für manche Migrantinnen und Migranten Motivation nach Ceuta zu kommen. Es wurde zum Beispiel das Gerücht gestreut, man dürfe aktuell auch ohne Papiere nach Spanien einreisen. Auch ein gezieltes Vorgehen Marokkos wurde mehrfach in den Raum gestellt – Migration als politisches Druckmittel, wie auch bereits während der Ceuta-Krise 2021 (22). Die Regierung in Marokko wies eine Verantwortung für die Massenankunft aber zurück. Mittlerweile sei ein Großteil der rund 60.000 Menschen, die in Ceuta angekommen sind, wieder nach Marokko zurückgekehrt (23). 

 

 

 

Quellen: 

(1a) TikTok-Post mit Video mit gefälschten Untertiteln: https://go.apa.at/VTeAGgAG (archiviert: https://go.apa.at/pwHwvukZ)  

(1b) Österreichischer Facebook-Post mit Video mit gefälschten Untertiteln (nur mehr archiviert: https://go.apa.at/nSOfjtmH ; Video archiviert: https://go.apa.at/RTqtFMYW) 

(2) Facebook-Post zu Grenzbeamten: https://go.apa.at/iNUHMOYi (Post archiviert: https://go.apa.at/p6h5vFdp, Video archiviert: https://go.apa.at/esqMzfj4 

(3) Facebook-Posting mit Bahnhofsvideo: https://go.apa.at/9xbIkoM4 
(archiviert: https://go.apa.at/TQLK0aI4; Video archiviert: https://go.apa.at/c9Iwv5Ef) 

(4) Infos zu Bilder-Rückwärtssuche auf CheckBar: https://go.apa.at/jmdc41ms (archiviert: https://go.apa.at/05Ngy4d3) 

(5) Originalvideo über WM vom 4. Juli: https://go.apa.at/O8kyigeR (Post archiviert: https://go.apa.at/FC8RFQU5, Video archiviert: https://go.apa.at/7ufhSSI0) 

(6) FIFA zum WM-Spiel Marokko-Kanada: https://go.apa.at/bXpKngh4 (archiviert: https://go.apa.at/HbzkvQo1 

(7) Aufnahmeort (Zahnarztpraxis) des Originalvideos in Casablanca: https://go.apa.at/0dpoNOoC (archiviert: https://go.apa.at/7Wrj6ywR) 

(8) Video bei Pravda: https://go.apa.at/seWMC0KW (archiviert: https://go.apa.at/aIDECPzb) 

(9) Artikel “Deutsche Welle” zur Rolle Marokkos: https://go.apa.at/wDchRpNM (archiviert: https://go.apa.at/nmjr7vtf 

(10) Tweet der spanischen Polizeigewerkschaft: https://go.apa.at/kiNwEffT (Tweet archiviert: https://go.apa.at/df5U2xTr, Video archiviert: https://go.apa.at/xEsISv4d 

(11) Artikel “El Pais” aus 2021: https://go.apa.at/dDHSSI9J (archiviert: https://go.apa.at/ZLEseKOI) 

(12) Artikel “orf.at” aus 2021: https://go.apa.at/N7EpxhRo (archiviert: https://go.apa.at/CWjOFV1i 

(13) Facebook-Posting mit Video: https://go.apa.at/3zEmJNOR (archiviert: https://go.apa.at/uoinNa6z; Video archiviert: https://go.apa.at/0EHLkTeL) 

(14) Google Maps: Fotos vom Bahnhof in Marokko: https://go.apa.at/EZX6oKbn (archiviert: https://go.apa.at/0KFSSeBF) 

(15) Google Maps: Fotos vom Bahnhof in Marokko: https://go.apa.at/tmgXBb7y (archiviert: https://go.apa.at/zLde1Gaf) 

(16) „Alarabiya“-Bericht über Video in Marokko: https://go.apa.at/seQL02VM (archiviert: https://go.apa.at/5DP0D2F6) 

(17) Facebook-Posting mit Video des Bahnhof-Gebäudes: https://go.apa.at/VFRJ0ENl (archiviert: https://go.apa.at/jrgmSRUR; Video archiviert: https://go.apa.at/VPZ5DhBa) 

(18) Informationen zur Architektur des Bahnhofs: https://go.apa.at/skbJVY4G (archiviert: https://go.apa.at/lcsFFPQA) 

(19) Instagram-Beitrag mit KI-Bild: https://go.apa.at/h7poGmb9 (archiviert: https://go.apa.at/GPFnBZok) 

(20) OpenAI-Verifizierungstool: https://go.apa.at/Wx8HdTal (archiviert: https://go.apa.at/2t2X14gN(21) Faktencheck zu KI-Bild: https://go.apa.at/sX1wroLp (archiviert: https://go.apa.at/5qQKIzdI) 

(22) „ORF“-Artikel zu möglichen Auslösern der Massenankunft in Ceuta: https://go.apa.at/jG2R1Zec (archiviert: https://go.apa.at/BW2UAto4 

(23) „Spiegel“-Artikel zu Verantwortung für Migrantenansturm: https://go.apa.at/yvMyj5ci (archiviert: https://go.apa.at/xcnEppk6 

 

Christina Schwaha / Eva Cilensek 

 

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