Unmengen von kurzen Videos, die frierende Menschen im dichten Schneetreiben zeigen, überfluten derzeit die Sozialen Medien. Verwunderlich ist daran vor allem der Aufnahmeort, der allen Clips gemeinsam sein soll: Gaza (1,2,3). Dort hatte es in den vergangenen Monaten allerdings selten unter 10 Grad Celsius mit Höchsttemperaturen knapp unter 30 Grad. In der Aufmachung erinnern die Videos, die offensichtlich mittels KI erstellt wurden, an Material aus der Ukraine vom Herbst.
Einschätzung:
Physikalische und inhaltliche Ungereimtheiten, unnatürliche Bewegungen und nicht den Aufzeichnungen entsprechende Wetterextreme deuten klar darauf hin, dass die Videos nicht echt sind. Ein KI-Hinweis fehlt allerdings durchwegs.
Überprüfung:
Weinende Kinder, frierende ältere Menschen, schneebedeckte Betten in zerbombten Krankenhäusern, unendliches Leid – all das suggerieren dutzende Videos, die angeblich aus dem Gazastreifen stammen und jüngst aufgenommen worden sein sollen. Sie generieren auf Facebook innerhalb kürzester Zeit hundertausende Aufrufe und zehntausende Reaktionen – pro Video.
Doch all diese meist nur wenige Sekunden kurzen Clips wurden mittels generativer Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt. Viele der Videos haben auffällige physikalische Ungereimtheiten gemein. So ist in einigen der Clips starker Wind zu erkennen (4). Oftmals weht er im Vordergrund in eine Richtung, Fahnen im Hintergrund wehen allerdings genau in die entgegengesetzte Richtung.
Immer wieder essen Kinder Schneebrocken oder halten sich schneebedeckte Hände vor das Gesicht – kein typisches Verhalten im Zustand der Unterkühlung (5,6). In einem Video füttert ein kleines Kind ein anderes Kind mit Brot, das es in verschmutztes Wasser am Boden vor sich tunkt (7).
Keine Hinweise auf Schnee oder Kälte in Gaza
Tatsächlich gab es im November und Dezember heftige Unwetter im Gazastreifen, die das Leid der ohnehin vom Krieg gebeutelten Bevölkerung erneut verschärften. Starker Wind sowie Regenfälle zerstörten tausende Zelte für Binnenvertriebene (8). Ende Dezember berichtete der lokale Zivilschutz von mindestens zwei Toten nach einem Wintersturm (9).
Ein vor etwa einer Woche hochgeladenes Video des Facebook-Kanals zeigt teilweise durchnässte Kinder hüfthoch in Hochwasser stehen (10). Wie alle auf dem Kanal veröffentlichten Clips wird weder ein genauer Aufnahmeort noch ein spezifischer Zeitpunkt angegeben. Zu ähnlichen vermeintlichen Aufnahmen veröffentlichte die Nachrichtenagentur AFP Mitte Dezember bereits einen Faktencheck (11).
Laut Wetteraufzeichnungen lag die Durchschnittstemperatur im Dezember in der Region bei 17 Grad, mit Höchsttemperaturen um die 29 Grad und einer Tiefsttemperatur von sieben Grad Celsius. Zu keinem Zeitpunkt fiel Schnee. Aus dem Gazastreifen selbst sind keine seriösen Wetterdaten öffentlich zugänglich. Die fast deckungsgleichen Aufzeichnungen für Dezember aus dem nahegelegenen Al Arish (Ägypten) und vom Flughafen Tel Aviv in Israel lassen allerdings Rückschlüsse zu, dass die gemeldeten Daten für die ganze Region Gültigkeit haben (12,13).
Die E-Mail-Adresse des Accounts hinter den Facebook-Reels könnte ein Hinweis auf seine Herkunft sein, auch wenn letztere im Profil mit der Stadt Palestine im US-Staat Texas angegeben wurde (14). In der Kontaktadresse – wie fast immer bei Fake-Accounts wurde sie über Googles kostenloses Gmail-Service errichtet – steckt „bangladesh“. Südostasien ist seit vielen Jahren ein Hotspot sogenannter „Klickfarmen“ und seit kürzerem auch „Botfarmen“, mit denen Online-Traffic generiert und suggeriert werden soll (15,16).
Die Realität vor Ort in Gaza sei „auf allen Ebenen schlimm genug und muss nicht künstlich ‚aufgeladen‘ werden“, erklärte eine Sprecherin der palästinensischen Vertretung in Österreich auf APA-Anfrage. Der Einsatz von KI-generierten Videos schade generell einer Berichterstattung mehr als er nütze.
Ähnlichkeit zu KI-Videos von ukrainischen Soldaten
Das KI-Material zu Gaza erinnert in seiner Machart frappant an Videos von vermeintlich weinenden ukrainischen Soldaten, die im November vergangenen Jahres viral gingen. Wie die APA in einem Faktencheck (17) rund um Falschinformationen im Ukraine-Krieg erläutert, sind die Videos, in denen die Soldaten in emotionalen Statements um Hilfe bitten, allesamt mit KI erstellt. Bei einigen wenigen Videos ist auch ein entsprechendes Wasserzeichen zu finden.
Quellen:
(1) Übersichtsseite mit Facebook-Reels: https://go.apa.at/Nw2OQn6l (archiviert: https://archive.ph/WoLJl) (als Screenshot archiviert: https://perma.cc/B5T2-S4UF)
(2) Account mit Fake-Videos bei Facebook: https://go.apa.at/fmgFKc6R (archiviert: https://archive.ph/VBiQO) (als Screenshot archiviert: https://perma.cc/RDD9-RJJ8)
(3) Übersichtsseite bei Instagram: https://go.apa.at/JYWo3uBc (archiviert: https://archive.ph/WhHQX) (als Screenshot archiviert: https://perma.cc/FF5T-KABS)
(4) Reel mit Fahnen im Wind: https://go.apa.at/5Vrd198Z (archiviert: https://archive.ph/ZbAR5) (Video archiviert: https://go.apa.at/s4lEa1kW)
(5) Reel von Schnee essenden Kindern: https://go.apa.at/TBFHftZR (archiviert: https://archive.ph/Q0x3g) (Video archiviert: https://go.apa.at/67MROwY4)
(6) Reel von Kindern mit schneebedeckten Händen: https://go.apa.at/99UivAmz (archiviert: https://archive.ph/Sipb7) (Video archiviert: https://go.apa.at/1r0A6zBB)
(7) Reel von fütterndem Kind: https://go.apa.at/INYekZLu (archiviert: https://archive.ph/q0XDm) (Video archiviert: https://go.apa.at/iBO4KEIH)
(8) Artikel „orf.at“ zu Unwettern: https://go.apa.at/phafY7Cv (archiviert: https://go.apa.at/HCEew4xt)
(9) Artikel „news.at“ zu Toten nach Wintersturm: https://go.apa.at/spphebbV (archiviert: https://go.apa.at/xHYTNOn9)
(10) Hochwasser-Reel: https://go.apa.at/zqspubT3 (archiviert: https://archive.ph/9cLz8) (Video archiviert: https://go.apa.at/dUhnY5sO)
(11) AFP-Faktencheck: https://go.apa.at/Yo3sU1zT (archiviert: https://go.apa.at/QxpBIOsw)
(12) Wetterdaten Dezember 2025 Al Arish: https://go.apa.at/h6biNASB (archiviert: https://go.apa.at/RMWDXx7p)
(13) Wetterdaten Dezember 2025 Ben Gurion Airport: https://go.apa.at/byazipnq (archiviert: https://go.apa.at/i3HmwHpb)
(14) „About“-Seite des Facebook-Accounts: https://go.apa.at/ZNJV1Emm (archiviert: https://archive.ph/W6XWp)
(15) „Guardian“-Artikel aus 2013: https://go.apa.at/6DLlbkNv (archiviert: https://archive.ph/EWhO7)
(16) Aktueller Artikel zu Botfarmen: https://go.apa.at/3H9BJN83 (archiviert: https://perma.cc/WC57-NHKM)
(17) APA-Faktencheck zur Ukraine: https://go.apa.at/w7S5L6uI (archiviert: https://go.apa.at/ZR7Hz6ev)
Stefan Rathmanner / Christina Schwaha
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