Eine Gebärdendolmetscherin soll während einer live im Fernsehen übertragenen Rede des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für einen Eklat gesorgt haben. Einem vielfach geteilten Video (1) in sozialen Medien zufolge hielt die Frau ein Schild in die Kamera, das Selenskyj als Lügner bezeichnet haben soll. Bei dem Video handelt es sich allerdings um eine Fälschung, die unter Zuhilfenahme generativer KI angefertigt wurde.
Einschätzung: Das Video ist manipuliert. Die über einer Ansprache Selenskyjs eingeblendete Gebärdendolmetscherin existiert zwar, die Darstellung mit dem Kartonschild ist allerdings frei erfunden und wurde offenbar mittels KI erstellt. Die Frau selbst dementierte, das Schild je gezeigt zu haben.
Überprüfung: Das ursprüngliche Video lässt sich mittels Bilderrückwärtssuche (2) schnell aufspüren. Selenskyj sprach darin am 21. April nach seinem Treffen mit dem deutschen Kanzler Friedrich Merz unter anderem über Unterstützung aus der EU. Das Video wurde von der Präsidentschaftskanzlei auf YouTube veröffentlicht und auf der Webseite des Präsidenten verlinkt. (3,4)
Ausschnitt aus echtem Video
Ein Ausschnitt daraus (ab ca. 2:20 Minuten) wurde für den 13 Sekunden langen Clip in den sozialen Medien herausgegriffen. Der Präsident spricht darin sinngemäß über den Bedarf eines systematischeren Ansatzes, „der es der Ukraine ermöglicht, sich stärker auf ihre eigenen Kräfte zu verlassen“. Während dieser Worte hält die nachträglich eingefügte Dolmetscherin ein Schild in die Kamera, auf dem übersetzt etwa „Sie belügen euch!“ steht. Danach wird die Frau ausgeblendet.
Auffällig ist, dass das Original ohne jegliche Inserts auskommt. Im manipulierten Beitrag ist am unteren Bildrand ein Text eingeblendet, der auf Selenskyjs Appell an Merz, den EU-Ratspräsidenten Antonio Costa und Kommissionschefin Ursula von der Leyen hinweist. In der linken oberen Ecke ist das Logo des TV-Senders „Kyiv 24“ zu sehen.
Clip war nie im TV zu sehen
Doch der fingierte Clip lief nicht bei Kyiv 24. Der Sender veröffentlicht sein komplettes Programm jeden Tag auf YouTube. Ein entsprechender Beitrag mit dem Statement Selenskyjs wurde nie gesendet, weder am 21. April noch in den darauffolgenden Tagen (5,6,7). Der Sender wies in einem eigens produzierten TV-Beitrag selbst auf die Fälschung hin (8). Darin wird auch der Name der Gebärdendolmetscherin Tetyana Sadovnycha genannt.
Dolmetscherin entkräftet selbst
Ende April meldete sich Sadovnycha selbst zu Wort. In dem Facebook-Video des ukrainischen „Verbands der Gebärdensprachdolmetscher und Menschen mit Behinderungen“ vom 28. April erklärte sie, zwar als Gebärdendolmetscherin für den Sender tätig zu sein, aber weder die Gebärden aus dem verbreiteten Ausschnitt noch die Tafel jemals gezeigt zu haben (9).
Kyiv24 zeigte einen Ausschnitt aus dem Video am selben Tag in seinem Programm (10). Senderdirektorin Natalia Lyashchenko erklärte zudem laut der polnischen Nachrichtenplattform „tvn24“, dass Dolmetscherin Sadovnycha am Tag der angeblichen Ausstrahlung überhaupt nicht auf Sendung war (11).
Erinnerungen an TV-Aufreger aus Russland
Die vermeintliche Aktion mit dem Schild erinnert im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine an einen Vorfall aus Russland aus dem Jahr 2022: Kurz nach Beginn des russischen Einmarschs in der Ukraine hielt die in Odessa geborene russische Journalistin Marina Ovsyannikova (12) während einer Live-Sendung im russischen Staatsfernsehen ein Schild in die Kamera, auf dem sinngemäß ähnliches stand („Hier werden Sie belogen!“) wie im jüngst manipulierten Clip. Ovsyannikova floh wenig später, da sie in Russland wegen einer ähnlichen Protestaktion zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde (13).
Quellen:
(1) Facebook-Reel mit Behauptung: https://go.apa.at/RQg0ZEkM (archiviert: https://go.apa.at/6WIiPJuL) (Beitrag mit Video archiviert: https://go.apa.at/klozmraZ)
(2) Info zu Foto-Rückwärtssuche: https://go.apa.at/jmdc41ms (archiviert: https://go.apa.at/YySoVgvo)
(3) Seite der ukrainischen Präsidentschaftskanzlei mit eingebettetem Video: https://go.apa.at/jLxxbRqd (archiviert: https://go.apa.at/C9CakIzu)
(4) Video der Rede auf YouTube: https://go.apa.at/T2uTs9po (archiviert: https://go.apa.at/3xHG2pPz)
(5) Kyiv24 vom 21.4.2025: https://go.apa.at/GZeIREsm (Video nicht archivierbar)
(6) Kyiv24 vom 22.4.2025: https://go.apa.at/bW01u8Po (Video nicht archivierbar)
(7) Kyiv24 vom 23.4.2025: https://go.apa.at/Zt8s2rdC (Video nicht archivierbar)
(8) Beitrag von Kyiv24 zum Fake-Video: https://go.apa.at/uGZNUyNi (archiviert: https://go.apa.at/uAMeyLyj)
(9) Facebook-Video mit Statement der Dolmetscherin: https://go.apa.at/k8mg96sY (archiviert: https://go.apa.at/IJ8gwtQj) (Video archiviert: https://go.apa.at/Ax6hG24E)
(10) Kyiv24-Beitrag mit Dolmetscherin: https://go.apa.at/lW6oOIVN (archiviert: https://go.apa.at/NoVjYxLL)
(11) Polnischer Medienbericht zum Video: https://go.apa.at/iv40Kg0a (archiviert: https://go.apa.at/OTJncuq5)
(12) Instagram-Profil von Ovsyannikova: https://go.apa.at/IbNMU3iR (archiviert: https://go.apa.at/9yWpKEKW)
(13) „Spiegel“-Artikel zur Verurteilung: https://go.apa.at/efToEWOP (archiviert: https://go.apa.at/VavGt2pY)
Stefan Rathmanner / Christina Schwaha / Florian Schmidt
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