Rund um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gibt es eine Menge an Falschinformationen. Im Moment kursiert die Behauptung, beim „Leiter der Verteidigungsbeschaffung“ der Ukraine seien 140 Millionen Dollar in bar (1, 3a, 3b, 3c) gefunden worden. Die Behauptung ist unterlegt von einem Video (2), in dem scheinbar Militärangehörige vor Kartons, die bis zum Rand mit Geldscheinen gefüllt sind, zu sehen sind. Ein Karton trägt ein Post-It mit dem Namen der Regierungspartei.
Einschätzung: Bei dem Video handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Teil einer prorussischen Desinformationskampagne. Die ukrainische Antikorruptionsbehörde NABU hat die Behauptung direkt dementiert. Es handle sich beim Video wie auch bei der mutmaßlichen Nachrichtenmeldung dazu um einen Fake, schreibt die Behörde in sozialen Medien.
Überprüfung: Falschinformationen über die Ukraine haben spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen das Land Hochkonjunktur (5). Immer wieder kommen Meldungen auf, die sich teilweise direkt, teilweise auch erst nach eingehender Recherche als Fakes entlarven lassen. Häufig haben diese Behauptungen mit Korruption in der Ukraine zu tun.
Keine Razzia beim ehemaligen Chef der Verteidigungsbeschaffung
So auch dieses Mal. In sozialen Medien wird derzeit ein Video (2) vielfach geteilt, das angeblich zeigen soll, wie beim ehemaligen Leiter der Verteidigungsbeschaffungsagentur der Ukraine, Arsen Schumadilow, 140 Millionen US-Dollar gefunden worden seien. Drei „Kühlschrankkartons“ voll Bargeld habe die Nationale Antikorruptionsbehörde (NABU) bei einer Untersuchung sichergestellt, heißt es anderswo (1, 3a, 3c, 4).
Doch die NABU selbst stellte rasch klar, dass eine solche Untersuchung nie stattgefunden hat. Auf Facebook (6) schreibt die Behörde selbst: „Wir rufen dazu auf, zweifelhafte ‚Sensationsmeldungen‘ nicht weiterzuverbreiten und nur offiziellen Quellen zu vertrauen.“ Auch auf orf.at lässt sich eine Meldung zur gefaketen Razzia finden (7).
Falschbehauptung hat sich rasch verbreitet
Das Medium „New Voice of Ukraine“ (NV) schreibt die Behauptung Russland zu. Bezugnehmend auf eine Recherche des ukrainischen Center for Strategic Communications (CSC) zeichnet der Artikel den Weg der Falschbehauptung nach (8): Erstmals wurde die Behauptung auf einer geklonten Website der NV veröffentlicht. Die Website ist heute offline, in Internetarchiven ist sie allerdings noch auffindbar (9).
Darauf, dass es sich hier um eine gezielte Kampagne handelt, weist auch das Alter der geklonten Website hin: Die „New Voice“ gibt es seit 2014, wie das Faktencheck-Team „Correctiv“ (10) schreibt, doch die geklonte Website ist erst am 21. September 2026 registriert worden (11) – kurz bevor die Behauptung erstmals aufgetaucht ist.
Dann ging die Behauptung dem CSC zufolge über russische Telegramkanäle, englischsprachige pro-russische Blogger und schließlich Kirill Dmitrijew, einem Putin-Vertrauten, bis hin zu großen russischen Nachrichtenmedien (12).
KI oder nicht KI?
Sowohl NV als auch NABU schreiben, das Video sei mittels Künstlicher Intelligenz (KI) generiert worden. Auf APA-Anfrage dazu, wie diese Einschätzung zustande gekommen ist, verwies NABU lediglich auf den eigenen Facebook-Post. Das Austrian Institute of Technology (AIT) betonte gegenüber der APA, dass die Qualität der Videodatei zu schlecht sei, um eine seriöse Einschätzung dazu zu treffen, ob KI bei dem Video zum Einsatz gekommen ist. Es könne aber auch sein, dass NABU eine besser aufgelöste Version des Videos analysieren konnte.
Glaubwürdigkeit durch „Media Spoofing“
Das Video (2) zeigt drei große Pappschachteln voll mit Hundert-Dollar-Scheinen. Soldaten gehen davor herum, eine Nahaufnahme zeigt einen Klebezettel mit der ukrainischen Aufschrift „Diener des Volkes“, der Name der zentristischen, pro-europäischen Partei von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Danach wird der Inhalt der Kartons genauer gezeigt: Bündelweise brandneu aussehende 100-Dollar-Scheine.
Das Video zieren zudem die Wasserzeichen der NABU sowie der Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung der Ukraine, die von der NABU untersuchte Fälle zur Anzeige bringt (13). Dabei handelt es sich um ein Element einer bekannten Desinfo-Strategie: das sogenannte Media Spoofing (14), das auch im Rahmen der pro-russischen Doppelgänger-Kampagne (15) beobachtet wurde. Dabei werden seriöse, vertrauenswürdige Medien nachgemacht, damit Falschbehauptungen von deren Glaubwürdigkeit profitieren. Hier wurde nicht nur die NV-Website nachgebaut, sondern es wurden auch Wasserzeichen von vertrauenswürdigen Quellen (Antikorruptionsstaatsanwaltschaft und Antikorruptionsbehörde) genutzt.
Desinformationen dienen der Destabilisierung
Im Post wird das zudem mit den Unterstützungszahlungen der europäischen Länder für die Ukraine in Verbindung gebracht. Diese sind bereits seit Längerem Gegenstand einer Diskussion, die von Falschinformationen wie diesen beeinflusst wird (16, 17). Viele Beobachterinnen und Beobachter werfen Russland vor, Desinformationskampagnen als Mittel im Krieg gegen die Ukraine zu verwenden. Desinformationen sind mit ideologischem Hintergedanken aktiv gestreute Falschinformationen.
Eine Taktik solcher Desinformationskampagnen ist es, ihre Sujets so zu wählen, dass sie nahe genug an der Wahrheit sind, um nicht sofort als Fake aufzufallen. So können sie sich auch beim schnellen Vorbeiscrollen leichter festsetzen.
Ein Funken Wahrheit
Tatsächlich hat Arsen Schumadilow seinen Posten Ende August aufgegeben. Wenige Tage später berichtete die „New York Times“ (18) über Unstimmigkeiten bei der ukrainischen Rüstungsbeschaffung. Angeblich sollen laut „New York Times“ 2024 rund 1,2 Milliarden Dollar durch Betrug, Verschwendung und Missmanagement verloren gegangen sein. Die Falschinformation ähnelt dem seriösen Medienbericht also, sodass sie leichter für glaubwürdig gehalten werden kann. Ein expliziter Zusammenhang zwischen den angeblichen 140 Millionen Dollar in Kühlschrankkartons und dem Rücktritt von Schumadilow wird in der Behauptung allerdings nicht hergestellt.
Quellen
(1) Facebook-Posting mit Standbild und Behauptung: https://go.apa.at/xmRl0Vm5 (archiviert: https://go.apa.at/WRLc9hxg)
(2) archiviertes Video von Facebook: https://go.apa.at/o25QbOms
(3a) Post mit Video: https://go.apa.at/YdmofLYi (Post archiviert: https://go.apa.at/ezD28Xqo)
(3b) Post mit Video: https://go.apa.at/1D1K72eX (Post archiviert: https://go.apa.at/gxsbEgK0)
(3c) Post mit Video: https://go.apa.at/1DVyimRB (Post archiviert: https://go.apa.at/lyuiugTH)
(4) Telegram-Nachricht Video und Behauptung: https://go.apa.at/bNOyoc8Y (archiviert: https://go.apa.at/FGNmAA9y)
(5) bpb zu Desinformation über die Ukraine: https://go.apa.at/lMwyWvqi (archiviert: https://go.apa.at/sL1Io1X1)
(6) NABU Facebook-Post: https://go.apa.at/o0EbLES0 (archiviert: https://go.apa.at/OgzPdC0h)
(7) Meldung auf orf.at zur Falschinformation: https://go.apa.at/obmzrTEe (archiviert: https://go.apa.at/PSZaiNNd)
(8) „New Voice of Ukraine“ Artikel: https://go.apa.at/CwtCaaM1 (archiviert: https://go.apa.at/orHI8Pml)
(9) Geklonte NV-Website im Internetarchiv: https://go.apa.at/LbsgF3fi (live offline)
(10) Correctiv Faktencheck: https://go.apa.at/jL1gFsDm (archiviert: https://go.apa.at/K1lzDgrZ)
(11) Whois-Abfrage geklonte NV-Website: https://go.apa.at/HWR8dXFo (archiviert: https://go.apa.at/cOtcs8Lc)
(12) Untersuchung Center for Communication Strategies zur Verbreitung: https://go.apa.at/ioob0AAV (archiviert: https://go.apa.at/9iNTw3TJ)
(13) FAQ NABU-Website: https://go.apa.at/sfV7qNcr (archiviert: https://go.apa.at/NzYmmAqV)
(14) DW Media Spoofing: https://go.apa.at/pVwypOD3 (archiviert: https://go.apa.at/C9BmCYOg)
(15) Doppelgänger Auswärtiges Amt DE: https://go.apa.at/iTTQGgil (archiviert: https://go.apa.at/xoCVBIyz)
(16) APA Faktencheck „Angeblicher Geldtransport“: https://go.apa.at/oLoIYY0C (archiviert: https://go.apa.at/WQUMlGs8)
(17) APA Faktencheck „Weitere Falschinfos zu angeblichem Geldtransport“: https://go.apa.at/jPUwuHeN (archiviert: https://go.apa.at/6KspzVdc)
(18) „New York Times“-Artikel zu Veruntreuung in der Ukraine (Paywall): https://go.apa.at/2S0WE1nm (frei zugänglich archiviert: https://go.apa.at/yK1lEU09)
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Janika Sörensen / Stefan Rathmanner / Christina Schwaha