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blog / Freitag 09.10.26

APA Check Avatar Alte Bilder und KI-Fakes zu Schülerprotesten 

Seit über einer Woche demonstrieren in Frankreich Schülerinnen und Schüler gegen Kürzungen im Bildungswesen, teils eskalieren die Proteste. In Sozialen Medien kursiert dazu auch altes, aus dem Kontext gerissenes oder manipuliertes Bildmaterial. Es zeigt etwa brennende Autos, verwüstete Straßenzüge und vandalierende Männergruppen (1), Polizisten, die auf Demonstrierende einprügeln (2,3) und einen Bürgermeister, der einen Müllcontainer anzündet und sich dafür feiern lässt (4,5). 


Einschätzung
 


Wie bei vielen aktuellen Ereignissen wird auch hier veraltetes Bildmaterial verbreitet. Die brennenden Autos und vandalierenden Männergruppen stammen eigentlich von Protesten im Jahr 2022, nachdem bei einem rassistisch motivierten Anschlag drei Kurden ums Leben gekommen waren. Auch das zweite Video ist bereits seit mehreren Jahren im Internet zu finden. In einem längeren Clip sieht man zudem, wie der Bürgermeister von Saint-Denis erst den brennenden Mistkübel von einer Mauer wegzieht und erst dann mit den Jugendlichen tanzt. Nach eigener Aussage wollte er verhindern, dass die Schule beschädigt wird.
 

 

Überprüfung


Unterstützt von Gewerkschaften und nun auch Studierenden bringen französische Schülerinnen und Schüler seit mehreren Tagen ihren Unmut über Lehrermangel und marode Schulgebäude auf die Straße. Den Behörden zufolge waren im ganzen Land etwa 256.000 Personen beteiligt, Bildungsgewerkschaften zufolge sogar 450.000 (6). 


Bildmaterial online nicht immer vertrauenswürdig


Mancherorts gab es zudem gewaltsame Ausschreitungen, mehrere tausend Menschen wurden festgenommen, hunderte verletzt. Polizeikräften wird zudem überzogene Härte vorgeworfen; einem 15-Jährigen wurde etwa durch eine polizeiliche Schockgranate die Hand abgerissen (7).
 


Viele der online kursierenden Videos wirken echt und weisen keine unmittelbaren Hinweise auf Manipulation auf. Wie so häufig bei unübersichtlichen, sich rasch entspinnenden Nachrichtenlagen wird jedoch auch hier manipuliertes Material verbreitet.
 


Videos schon seit mehreren Jahren im Internet
 


Ein auf Facebook (1) gepostetes Video zeigt eine rauchverhangene Straßenszene, auf Straßenbahnschienen liegen Papier und Müll. Unter Schreien stürmen mehrere gepanzerte Polizisten ins Bild und prügeln auf Vermummte ein, die sich mit Fäusten zu wehren versuchen. In der Bildunterschrift heißt es, in Frankreich bahne sich ein Bürgerkrieg an.
 


Tatsächlich wäre das eine sehr lange „Anbahnung“, denn das Video ist sei 2023 im Netz zu finden (8). Damit ist klar, dass es nicht die aktuellen Schülerproteste zeigen kann. Zu welchem Anlass genau das Video tatsächlich aufgenommen wurde, ist nicht ganz klar. Im Jahr 2023 wurde in Frankreich allerdings außerordentlich viel protestiert (9).
 


Dauerbrenner unter den Fake-Videos
 


Ein weiteres Video auf Facebook ist sogar ein “alter Bekannter”. Dort sieht man Autos, die auf dem Dach liegen und teilweise brennen – auch hier ist die Luft rauchverhangen, was eine endzeitliche Stimmung provoziert (2). In der Szene danach schlagen junge Männer, mit Ersatzhaltestellenaufstellern bewaffnet, die Glasverkleidung einer Bushaltestelle ein. Im Hintergrund läuft ein Protestzug.
 


Die aneinandergeschnittenen Videos finden sich auch in einem
„oe24”-Artikel (10), wo sie in Form eines X-Posts (3) eingebunden sind. Ein Standbild der zweiten Szene findet sich auch als Titelbild auf einem Blog (11). 


Die Bilder sind jedoch ebenfalls falsch zugeschrieben. Eigentlich entstanden sind sie im Jahr 2022, nachdem drei Kurden bei einem rassistischen Anschlag auf ein Kulturzentrum in Paris zu Tode gekommen waren. Medienberichten zufolge kam es am Rande einer Demonstration zu Ausschreitungen (12).
 


Zudem waren die Bilder heuer schon einmal fälschlich im Umlauf, nämlich zu angeblichen Ausschreitungen nach einem Spiel der Männer-Fußball-WM im Juli zwischen Frankreich und Marokko (13).
 


Video von Bürgermeister verkürzt wiedergegeben
 


Eine weitere Falschnachricht verbreitet sich vor allem in rechten Kreisen. So nutzt auch der bekannte Rechtsextremist (14) Martin Sellner (15) den Ausschnitt eines Videos, der den Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko zeigt. Es beginnt damit, wie Bagayoko von einem brennenden Mistkübel zu einer jubelnden Menge Jugendlicher geht und sich von ihnen feiern lässt. Vielerorts (4,5) wird ihm unterstellt, den Vandalismus zu unterstützen und den Mistkübel sogar selbst angezündet zu haben.
 


Betrachtet man allerdings die vollständige Szene, so bietet sich im wahrsten Sinne des Wortes ein anderes Bild (16). Bagayoko geht auf den sich bereits in Brand befindlichen Müllcontainer zu, versucht ihn am Henkel von einer Mauer wegzuziehen und scheitert, da sich das Plastik des Kübels bereits verformt hat. Er greift ihn daraufhin an den Rollen an und zieht ihn weg von der Mauer in die Mitte des Trottoirs.
 


Dann wendet er sich den Jugendlichen zu, die ihn dabei filmen und begibt sich in ihre Mitte. Das Video läuft kurz im Zeitraffer, während Bagayoko wartet. Er nimmt schließlich die Wand in Augenschein und applaudiert gemeinsam mit den Jugendlichen den Feuerwehrleuten, die das Feuer löschen. Zu dem Video gibt es bereits einen Faktencheck der Deutschen Presse-Agentur
(dpa) (17). 


Der Bürgermeister hat den Protestierenden immer wieder seine Unterstützung ausgesprochen und gemeinsam mit ihnen demonstriert. Auch Gewalt hat er teilweise gerechtfertigt, gleichzeitig allerdings zu Deeskalation aufgerufen (18). Es gibt keine seriösen Hinweise darauf, dass er selbst Feuer gelegt hat.
 


KI-manipuliertes Bild von Flammenwerfer-Video im Umlauf
 


Letztlich sorgt auch ein Video für Aufsehen, wo ein Demonstrant einer Frau einen aus Spraydose und Feuerzeug selbstgebauten Flammenwerfer ins Gesicht hält (19, 20). Das Video weist keine Hinweise auf Manipulation auf, Medienberichten zufolge wurde auch ein mutmaßlicher Täter festgenommen (21). Von dem Vorfall kursiert allerdings auch ein Standbild, das mittels KI verfremdet wurde (22).
 


Das erkennt man, wenn man es mit dem Video vergleicht: Trägt die Frau im Video einen hellblauen Anzug, so ist er in der verfremdeten Version dunkler geworden. In der Langversion des Videos lässt sich zudem erkennen, dass ihre Haare einen helleren Braunton haben als auf dem Bild. Am eindrücklichsten ist allerdings, dass auf dem Standbild einem Vermummten im Hintergrund die Beine fehlen. Dieser trug im Video zudem andere Bekleidung und eine Maske. Auch die Pose, mit der der Protestierende der Frau die Flammen ins Gesicht hält, ist im Original deutlich weniger angespannt.
 

 

 

Quellen 


(1) Facebook-Video 1: https://go.apa.at/szaGrRnO (archiviert: https://go.apa.at/EBBe2VRw) 

(2) Facebook-Video 2: https://go.apa.at/JoEIYeFB (archiviert: https://go.apa.at/EDDNLdyc) 

(3) Video 2 auf X: https://go.apa.at/Mz2vS1ZE (Video archiviert: https://go.apa.at/EDDNLdyc) (Post archiviert: https://go.apa.at/blUuc9sv) 

(4) Video auf X Bürgermeister 1: https://go.apa.at/7ng3gzTD (Post archiviert: https://go.apa.at/4WGR5YmY) (Video archiviert: https://go.apa.at/oT3EI7hT) 

(5) Video auf X Bürgermeister 2: https://go.apa.at/Udt8z6fo (Post archiviert: https://go.apa.at/JskGY679) (Video archiviert: https://go.apa.at/oT3EI7hT) 

(6) orf.at zu den Protesten: https://go.apa.at/L5m3z0Zf (archiviert: https://go.apa.at/3X54suf8) 

(7) orf.at zur Schockgranate: https://go.apa.at/PqxYI2Fj (archiviert: https://go.apa.at/Fu8nz9Sr) 

(8) X-Post mit Video 1 aus 2023: https://go.apa.at/WZuLL6Ig (archiviert: https://perma.cc/U74J-2ASL) 

(9) Artikel zum Protest-Jahr 2023: https://go.apa.at/X3DhO8Vi, (archiviert: https://go.apa.at/vC57RuUJ) 

(10) „oe24“-Artikel zu Protesten mit verlinktem X-Post: https://go.apa.at/HPvZpLxV (archiviert: https://perma.cc/3S5Y-VP44) 

(11) Blogartikel mit Bild: https://go.apa.at/H5NqSKxh (archiviert: https://go.apa.at/E4spGBhM) 

(12) Artikel zu Demos nach Anschlag auf kurdisches Kulturzentrum 2022: https://go.apa.at/x3glznja (archiviert: https://go.apa.at/9yOQr2pD) 

(13) AFP-Faktencheck: https://go.apa.at/bgMIlhPh (archiviert: https://go.apa.at/tla6zoTn) 

(14) dpa-Meldung Sellner Rechtsextremist: https://go.apa.at/xkG14dFx (archiviert: https://go.apa.at/dUseodAR) 

(15) Sellner-Post X: https://go.apa.at/I6VtEWW4 (Post archiviert: https://go.apa.at/oDpb60R6, Video archiviert: https://go.apa.at/NJFQQ275) 

(16) Ganzes Video Bagayoko via l’Humanité: https://go.apa.at/7sti7G8a (archiviert: https://go.apa.at/8ui2xGPW) 

(17) dpa-Faktencheck: https://go.apa.at/m9Atg5sX (archiviert: https://go.apa.at/kYw20wvy) 

(18) Radio France zu Bagayoko: https://go.apa.at/yjrCZpMS (archiviert: https://go.apa.at/KW9EsafB) 

(19) X-Post mit Spraydosen-Video: https://go.apa.at/mzHDO0Hy (Post archiviert: https://go.apa.at/AjG0nLnt) 

(20) X-Post mit längerem Spraydosen-Video: https://go.apa.at/YFMeHHgH (Post archiviert: https://go.apa.at/SaZr649A) (Video archiviert: https://go.apa.at/0RhJOBK0) 

(21) New York Post zu festgenommenem Burschen: https://go.apa.at/z1hoAj5k (archiviert: https://perma.cc/S7G7-ZYPX)  

(22) X-Post mit KI-manipuliertem Bild: https://go.apa.at/M08OfxKz (archiviert: https://go.apa.at/GVMWXjpr) 

 

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Janika Sörensen / Stefan Rathmanner / Christina Schwaha