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APA-Value / Mittwoch 25.02.26
Franziska Annerl bei einem Pressetermin der Europäischen Kommission im montenegrinischen Regierungsgebäude Vila Gorica in Podgorica

Zwischen Gipfel und Gesetz – Einblicke aus Brüssel

Franziska Annerl hat seit Herbst 2023 die Leitung des APA-Büros in Brüssel inne. Welche Themen und Akteure prägen ihren Alltag, und wie sieht EU-Berichterstattung in geopolitisch bewegten Zeiten aus? APA-Value hat die EU-Expertin zu aktuellen Entwicklungen und zur Bedeutung des Journalismus aus und über Brüssel interviewt.

APA-Value: Wie gestaltet sich der berufliche Alltag für Sie als Leiterin des APA-Büros in Brüssel, welche Themen stehen im Fokus, mit welchen Menschen und an welchen Schnittstellen arbeiten Sie?

Franziska Annerl: Als APA-Büro Brüssel ist die erste Priorität unserer täglichen Arbeit alles, was Österreich betrifft. Damit bieten wir unseren Kundinnen und Kunden einen Mehrwert gegenüber großen, internationalen Agenturen wie Reuters oder dpa, die bei globalen Themen ausführlicher berichten. Die wichtigsten Ansprechpartner:innen sind für mich die Pressesprecher:innen der EU-Botschaften Österreichs, des jeweiligen halbjährlich wechselnden EU-Ratsvorsitzes und großer Partner wie Deutschland oder Frankreich. Der Sprecherdienst der EU-Kommission beantwortet jeden Tag im Rahmen des „Midday Briefings“ Fragen von uns Journalistinnen und Journalisten im Berlaymont-Gebäude, dem Hauptsitz der EU-Kommission.

Mehrmals jährlich nehmen wir an Plenartagungen des EU-Parlaments in Straßburg teil, wo die österreichischen EU-Abgeordneten für Hintergrundgespräche zur Verfügung stehen. Interessante Informationen bieten auch Diskussionsrunden oder Interviews mit EU-Think-Tanks wie dem European Policy Center oder CEPS. So kann man einen internationalen Blick auf heimische Themen erhalten.

 

APA-Value: Wir befinden uns in einer kontinuierlich krisenbehafteten Zeit, nicht wenige der Krisen haben außenpolitischen Bezug. Wie hat sich Ihre berichterstatterische Tätigkeit seit dem Beginn der Ära Trump 2 verändert?

Franziska Annerl: Diese hat sich durch Trump sehr verändert, wie wohl für alle Journalistinnen und Journalisten weltweit. Der US-Präsident macht aus seiner Abneigung gegen das „alte Europa“ keinen Hehl, und die EU sucht nach passenden Antworten zwischen Beschwichtigung und Härte. Ein gutes Beispiel, wie sich die EU von Trump vor sich hertreiben lässt, ist die Einberufung des letzten Sondergipfels: Trump hatte ein weiteres Mal Zusatzzölle gegen europäische Länder angekündigt, EU-Ratspräsident Antonio Costa berief daraufhin spontan ein Gipfeltreffen in Brüssel ein, wir Korrespondent:innen fuhren eilig von Straßburg nach Brüssel zurück. Am Tag vor dem Treffen widerrief Trump seine Drohung, die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs reisten trotzdem an, Ergebnisse brachte das Treffen keine.

 

APA-Value: Sehen Sie als EU-Kennerin einen Wandel in der Rolle Europas in der Weltpolitik?

Franziska Annerl: Die EU sucht weiterhin ihre Rolle. Ich gehöre zu den Optimistinnen und bin überzeugt, dass Europa durch die geopolitischen Krisen gezwungen sein wird, rasch eine stärkere Rolle zu spielen und dies auch schaffen wird. Pessimisten meinen, die EU versinkt gerade in der Bedeutungslosigkeit und ist nicht zu retten. Beispiele wie der rasche Abschluss des Handelsabkommens mit Indien zeigen aber, dass auch andere Weltmächte die Nähe Europas suchen. Europa muss weiter Allianzen schließen, Stärke im Verteidigungsbereich aufbauen und zeigen, und keine Angst vor den USA haben. Dies wird schlussendlich auch Trump zum Einlenken bringen.

Franziska Annerl (APA) beim Presidency Press Trip im Jänner nach Zypern Die EU-Chefkorrespondentin der APA, Franziska Annerl, beim Presidency Press Trip in Zypern
privat

APA-Value: Welche Rolle spielen die Medien in diesem Bedeutungswandel?

Franziska Annerl: Die Medien spielen eine zwiespältige Rolle: Während die klassischen Medien versuchen, die komplizierten Ereignisse hintergründig zu erklären und zu analysieren, wird in den sozialen Medien auf einfache Muster gesetzt – mit immer mehr Erfolg. Gerade das Thema EU gilt seit jeher als sperrig und nicht leserfreundlich. Für rechtspopulistische Stimmen in Medien ist es ein leichtes, alle Probleme auf Brüssel zu schieben und damit bei verunsicherten Medienkonsumierenden zu punkten. Wichtig ist daher, sowohl kritisch aus Brüssel zu berichten als auch die Alternativlosigkeit der Europäischen Union gerade in diesen Krisenzeiten mit konkreten Beispielen aufzuzeigen.

 

APA-Value: Wie schätzen Sie den Stellenwert der Berichterstattung zur Europapolitik in Österreich ein? 

Franziska Annerl: Obwohl Österreich eindeutig von der EU-Mitgliedschaft profitiert hat, wirkt die EU für viele Österreicherinnen und Österreicher sehr weit weg. Dies zeigt, dass auf uns EU-Berichterstattende noch Arbeit wartet. Aber nicht nur in den Köpfen der Menschen, auch in manchen Redaktionen müsste die Bedeutung der EU und ihrer Entscheidungen noch stärker wahrgenommen werden. Manche großen österreichische Medien haben gar keine:n Korrespondentin oder Korrespondenten in Brüssel (mehr). Im Vergleich zu einigen anderen EU-Ländern wird in Österreich aber relativ ausführlich und gut berichtet.

 

APA-Value: Was fasziniert Sie persönlich an der Aufgabe als EU-Berichterstatterin? 

Franziska Annerl: Für mich ist es faszinierend, so nahe am Geschehen zu sein. Aller Unkenrufe zum Trotz ist Brüssel einer der Orte auf der Welt, wo die großen Entscheidungen getroffen werden, und die relevanten Entscheidungsträgerinnen und -träger zusammenkommen. Auch wenn die Gipfelnächte oft lang sind, bieten sie eine einmalige Gelegenheit, 27 EU-Staats- und Regierungschefinnen und -chefs persönlich zu treffen und zu befragen. Im Moment wird die EU-Berichterstattung von den großen geopolitischen Themen dominiert, aber sie umfasst viel mehr als das. Ich berichte auch gerne darüber, wo der Wolf in Europa nicht gejagt werden darf, welche heimische Bäuerin den EU Bio Award gewonnen hat oder in welchen EU-Ländern die Mieten am günstigsten sind. Eine vielfältigere und spannendere Aufgabe kann ich mir nicht vorstellen.

 

Franziska Annerl ist seit Mai 2023 für die APA in Brüssel tätig und leitet seit Herbst 2023 das dortige Korrespondenzbüro. Davor hat sie zweimal die Seiten gewechselt: Nach einem Wirtschaftsstudium und ersten Jahren als EU-Journalistin bei der „Presse“ in Wien zog sie nach Brüssel und war dort vor ihrem Wechsel zur APA Pressereferentin der Wirtschaftskammer an der österreichischen EU-Botschaft. Nebenbei engagierte sich Annerl als Vizepräsidentin von „Belgieninfo“, eine deutschsprachige Informationsplattform über das Land.