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news/APA/Sonntag, 18.10.20, 13:21:52

Wie­ner Volks­oper ver­leiht der „Zau­ber­flö­te” Flü­gel

Vier klei­ne Blät­ter, die ihre höl­zer­ne Her­kunft aus dem Wald unter­strei­chen, ver­lei­hen der Flö­te Flü­gel. Und die unsicht­ba­ren Bän­der zur Mario­net­ten­spie­le­rin, die sie agil durchs Gesche­hen schwe­ben lässt. Seit Sams­tag­abend hat die Wie­ner Volks­oper eine neue „Zau­ber­flö­te”. Hen­ry Mason schenkt dem Publi­kum ein über­vol­les Schmuck­käst­chen: Puppen‑, Men­schen- und Musik­thea­ter nach allen Regeln der Kunst, detail- und figu­ren­ver­liebt, ein Kir­tag der An- und Aus­deu­tun­gen.
APA/APA (Volks­oper Wien)/BARBARA PçLFFY

„Die Lie­be ist’s allein”, wird Tami­no auf dem Umschlag des Pro­gramm­hefts zitiert. In vie­len Inter­pre­ta­tio­nen die­ses bekann­tes­ten Mär­chens der Opern­ge­schich­te wird die schlich­te Lie­bes­bot­schaft zwi­schen diver­sen Meta­ebe­nen der sym­bo­lis­ti­schen und rät­sel­haf­ten Hand­lung ein­ge­zwickt. Mason, der zuletzt mit sei­ner erstaun­li­chen Musi­cal­fas­sung von „Der Hase mit den Bern­stein­au­gen” in Linz für Furo­re gesorgt hat, gelingt es auch aber auch hier, direk­te Emo­tio­nen in einer lie­be­vol­len Viel­heit von Bil­dern zu ver­mit­teln: In dem Gewu­sel aus exo­ti­schen Tier­ma­rio­net­ten, lebens­gro­ßen Pup­pen der drei Kna­ben, Löwen­tän­zern, Köni­gin­nen­dop­pel­gän­ge­rin­nen, der flie­gen­den Flö­te und dem als cha­rak­ter­vol­les Vin­ta­ge-Käst­chen her­um­spa­zie­ren­den Glo­cken­spiel, erzählt er auf einer ver­gleichs­wei­se ein­fa­chen Dreh­büh­ne eine ver­gleichs­wei­se ein­fa­che Geschich­te.

Der Text ist zweck­mä­ßig zurecht­ge­schnei­dert, der Prinz liebt die Prin­zes­sin, Pries­ter und Mon­ar­chen sind auch nur Men­schen, Mozart ist Mozart und alles ist gut. Mit Mar­tin Mit­ter­rutz­ner als Tami­no und Anna Simins­ka als Köni­gin der Nacht hat man sich loh­nen­de Debüts an die Volks­oper geholt, mit Rebec­ca Nel­sen setz­te man auf die bes­tens bewähr­te Pami­na des Hau­ses und auch mit Ste­fan Cer­ny auf den auch inter­na­tio­nal reüs­sie­ren­den Saras­tro aus der Stamm­mann­schaft.

Die Cha­rak­te­re sind sanft moder­ni­siert: Saras­tro als leicht erschöpf­ter Super­star mit müh­sam über­spiel­tem Lie­bes­kum­mer, Pami­na nicht Unschulds­lamm, son­dern auf­müp­fi­ge Umwor­be­ne. Und Jakob Semo­tan ist als Papa­ge­no nicht bunt-quir­li­ger Luf­ti­kus, son­dern behä­bi­ger Stamm­tisch­ge­nos­se im schwarz-wei­ßen Pin­guin­look, was anfangs gewöh­nungs­be­dürf­tig, schließ­lich aber voll­kom­men fol­ge­rich­tig ist. Sein uner­müd­li­cher Side­kick, das wan­dern­de Glo­cken­spiel, muss ob des expres­si­ven, sorg­fäl­ti­gen Mario­net­ten­spiels geson­dert gewür­digt wer­den.

Sorg­falt im Detail kennt auch Anja Bihl­mai­er, die sich im Gra­ben um Mozart ver­dient macht. Die Diri­gen­tin packt Stim­men, Instru­men­tal­so­li und Orches­ter­tep­pich in einen run­den, anschmieg­sa­men Klang, der nie­man­den zurück­lässt. Und das sind vie­le: Mit Prot­ago­nis­ten, Cho­ris­ten, Sta­tis­ten und Pup­pen­spie­lern, mit Figu­ren und Figür­chen und dazu noch dut­zen­den rot­schop­fi­gen Papa­ge­no-Spröss­lin­gen, ist die Büh­ne am Ende unge­fähr so voll wie das im Coro­na-Abstand locker gefüll­te Audi­to­ri­um. Dort eine bun­te, sin­gen­de Trup­pe, da mas­kier­te Ein­zel­gän­ger. Eine wun­der­sa­me Begeg­nung. Zwei­fel­los hat die­se neue „Zau­ber­flö­te” aber das Zeug, auch weit über die Coro­na­zeit hin­aus fixer Bestand­teil des Reper­toires am Gür­tel zu sein.