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news/APA/Donnerstag, 22.07.21, 17:35:23

Weiß­mann geht ins Ren­nen um den ORF-Chefposten

ORF-Vize­fi­nanz­di­rek­tor Roland Weiß­mann bewirbt sich für den ORF-Gene­ral­di­rek­to­ren­pos­ten. Das kün­dig­te er am Don­ners­tag bei einer Pres­se­kon­fe­renz in Wien an: „Lan­ge wur­de spe­ku­liert, jetzt kann ich sagen: Ja, ich tre­te an.” Bis­her haben unter ande­ren Amts­in­ha­ber Alex­an­der Wra­betz und ORF 1‑Channelmanagerin Lisa Totzau­er ihre Kan­di­da­tur für die Wahl am 10. August bekannt gegeben.
APA/APA/ROBERT JAEGER/ROBERT JAEGER

„Auf den ers­ten Blick ist der ORF gut auf­ge­stellt, auf den zwei­ten Blick wer­den die Her­aus­for­de­run­gen deut­lich”, mein­te der 53-jäh­ri­ge gebür­ti­ge Lin­zer, der auch als Chef­pro­du­cer Fern­se­hen, drit­ter Geschäfts­füh­rer von orf​.at und Pro­jekt­lei­ter des ORF-Play­ers agiert. So müs­se der ORF in den nächs­ten Jah­ren digi­ta­ler, jün­ger und diver­ser wer­den. „Für die­se Ver­än­de­run­gen benö­ti­gen wir auch in der Unter­neh­mens­kul­tur einen Wan­del”, so Weiß­mann. Der geplan­te ORF-Play­er als auch der in Bau befind­li­che mul­ti­me­dia­le News­room sei­en wesent­li­che Säu­len der Transformation.

„Ich habe mich heu­te hier bewor­ben, weil ich davon aus­ge­he, dass ich gewin­ne”, sag­te er. Er hof­fe auf mög­lichst vie­le Stim­men der Stif­tungs­rä­te und das aus allen „Freun­des­krei­sen”. Weiß­mann gilt als Favo­rit der ÖVP für den Gene­ral­di­rek­to­ren­pos­ten. Er hat laut APA-Infor­ma­tio­nen die bes­ten Kar­ten und kann vor­aus­sicht­lich mit einer Mehr­heit im Stif­tungs­rat rech­nen. Er nahm an Tref­fen des bür­ger­li­chen „Freun­des­krei­ses”, der mit bür­ger­li­chen Unab­hän­gi­gen auf eine Mehr­heit im Stif­tungs­rat kommt, teil und gilt als gut vernetzt.

„Ich bin kein Kan­di­dat einer Par­tei. Ich füh­le mich zu hun­dert Pro­zent dem ORF und sei­nem Publi­kum ver­pflich­tet”, sag­te er bei der Pres­se­kon­fe­renz. Poli­ti­sche Inter­ven­tio­nen hät­ten bei ihm kei­nen Sinn, weil er ihnen nicht nach­ge­be. Er will zudem von kei­nem Wahl­kampf spre­chen, son­dern sieht einen „Wett­be­werb der bes­ten Ideen” gege­ben. Tages­ge­schäft und gute Zusam­men­ar­beit – etwa mit dem amtie­ren­den Gene­ral­di­rek­tor – lau­fen wei­ter, so Weißmann.

Die Infor­ma­ti­on erach­tet er als wich­ti­ge Säu­le des ORF, deren Unab­hän­gig­keit und Objek­ti­vi­tät er wah­ren wol­le. Bei­des müs­se auch nach der Über­sie­de­lung in den mul­ti­me­dia­len News­room erhal­ten blei­ben. Zudem müs­se man dar­auf ach­ten, den Mei­nungs­plu­ra­lis­mus im neu­en News­room hoch zu hal­ten. Dabei han­delt es sich um eine For­de­rung, die auch Tho­mas Zach, Lei­ter des bür­ger­li­chen „Freun­des­krei­ses” wie­der­holt aufstellte.

Linea­re ORF-Kanä­le wür­den zwar noch län­ger rele­vant blei­ben, der Schwer­punkt müs­se sich aber ins Digi­ta­le ver­la­gern. „Online-first” sol­le zu einer zen­tra­len Regel wer­den, wobei es wei­ter­hin auch Exklu­siv­ge­schich­ten für Jour­na­le oder ZiBs geben sol­le, kün­dig­te Weiß­mann an. Für „Online-first” oder „online-only” ist jedoch bekann­ter­ma­ßen eine ORF-Geset­zes­no­vel­le nötig. „Ich bin zuver­sicht­lich, dass der ORF mehr digi­ta­le Bewe­gungs­frei­heit bekommt”, mein­te Weiß­mann. Dafür wol­le er sich ein­set­zen. „Nur so hat der ORF eine Chan­ce, rele­vant zu blei­ben.” Ganz klar tre­te er auch für das Schlie­ßen der Strea­min­glü­cke in Bezug auf die ORF-Gebüh­ren ein.

Besorgt zeig­te er sich ange­sichts des Umstands, dass inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz zuse­hends Markt­an­tei­le – vor allem bei den jun­gen Ziel­grup­pen – und Wer­bung vom hei­mi­schen Markt abschöp­fen. „Ich wer­de auf jeden Fall die Koope­ra­ti­on mit hei­mi­schen Medi­en suchen. Wir ste­hen vor völ­lig neu­en Auf­ga­ben”, so Weißmann.

Er kün­dig­te an, im Fal­le einer Bestel­lung eine Ein­heit für Inno­va­ti­on im ORF auf­zu­bau­en und den Kul­tur­wan­del vor­an­zu­trei­ben. Als eine sei­ner ers­ten Auf­ga­ben erach­te er es zudem, eine schlüs­si­ge Social-Media-Stra­te­gie zu erar­bei­ten. „Die ZiB auf Insta­gram ist ein sehr guter Anfang, aber wir brau­chen neue und gute digi­ta­le Pro­duk­te.” Denn jun­ge User wür­den sich ihre Inhal­te selbst im Netz suchen, ledig­lich linea­re Inhal­te ins Netz zu brin­gen, rei­che nicht.

Um jun­ge Ziel­grup­pen bes­ser anspre­chen zu kön­nen, will er die zahl­reich anste­hen­den Pen­sio­nie­run­gen im Unter­neh­men nut­zen, um jun­ge Jour­na­lis­ten anzu­stel­len und zugleich den Gen­der-Gap zu schlie­ßen. Gene­rell sei Gen­der­di­ver­si­tät eine kla­re Schwer­punkt­set­zung in sei­ner Bewer­bung. „Ich bin aber Geg­ner von Pro­zent­zah­len”, woll­te er sich nicht auf Zah­len fest­le­gen lassen.

Gro­ßes Poten­zi­al ver­or­tet er in den Bun­des­län­dern. Zu wis­sen, was in den Regio­nen los ist, inter­es­sie­re sehr vie­le – auch jun­ge – Men­schen. Daher wol­le er, der vie­le Jah­re in Nie­der­ös­ter­reich ver­brach­te, die Lan­des­stu­di­os stär­ken und deren Bud­get für regio­na­le Pro­duk­tio­nen erhöhen.

Weiß­mann bezeich­ne­te sich als Team­play­er, der für die Mit­ar­bei­ter ein gutes Umfeld schaf­fen möch­te. Über sein künf­ti­ges Team habe er sich bereits Gedan­ken gemacht, für den Fall, dass er am 10. August gewählt wer­de. Es hand­le sich um ein „Team der bes­ten Köp­fe”, das sowohl aus inter­nen als auch exter­nen Exper­ten und Exper­tin­nen bestehe. Da die Digi­ta­li­sie­rung sehr stark im Fokus sei­ner Über­le­gun­gen ste­he, habe er das auch hin­sicht­lich der Struk­tur ent­spre­chend berück­sich­tigt. Die­se wol­le er aber zunächst den Stif­tungs­rä­ten vorstellen.

Wra­betz will noch heu­er die vie­len Füh­rungs­po­si­tio­nen im mul­ti­me­dia­len News­room beset­zen. Als Pro­blem woll­te Weiß­mann das nicht bezeich­nen. „Der aktu­ell gewähl­te Gene­ral­di­rek­tor ist bis Ende des Jah­res im Amt. Wie ich den Gene­ral­di­rek­tor ken­nen­ge­lernt habe, ver­traut er aber auf Koope­ra­ti­on bei den Bestel­lun­gen”, so der Vize­fi­nanz­di­rek­tor des ORF.

Die Bewer­bungs­frist für den ORF-Gene­ral­di­rek­to­ren­pos­ten endet mit 28. Juli. Eine Mög­lich­keit für Nach­be­wer­bun­gen ist bis 3. August ein­ge­räumt. Um zum nicht-öffent­li­chen Hea­ring am 10. August und damit dem Tag der Wahl ein­ge­la­den zu wer­den, müs­sen Bewer­ber min­des­tens von einem Stif­tungs­rat des 35-köp­fi­gen obers­ten ORF-Gre­mi­ums nomi­niert wer­den. Die­se haben dafür bis 6. August Zeit.