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news/APA/Dienstag, 15.09.20, 22:57:50

Warn­stu­fe der Coro­na-Ampel erhöht, aber ohne neue Maß­nah­men

Die Coro­na-Ampel ist Diens­tag­mit­tag aktua­li­siert wor­den. Sie­ben Bezir­ke wur­den oran­ge, 35 gelb geschal­tet. Die Neu­fär­bung bewirk­te aller­dings kei­ne Ver­schär­fung der Maß­nah­men in den jewei­li­gen Bezir­ken, die 19-köp­fi­ge-Kom­mis­si­on sprach ledig­lich Emp­feh­lun­gen für Gebie­te mit „hohem Risi­ko” aus. Neue restrik­ti­ve Maß­nah­men bei Ver­an­stal­tun­gen und Schu­len sind nach Ansicht des Gre­mi­ums nicht nötig.
APA/ROLAND SCHLA­GER

„Das ist kein Alar­mis­mus, das ist ganz ein­fach ein Weck­ruf”, sag­te Gesund­heits­mi­nis­ter Rudolf Anscho­ber (Grü­ne) bei einem Arbeits­markt­ge­spräch zwi­schen Regie­rung und Sozi­al­part­nern am Diens­tag in Wien. Er beton­te, die Risi­ko­ein­stu­fung durch die Coro­na-Kom­mis­si­on – die aktu­el­le Schal­tung wur­de ein­stim­mig beschlos­sen – sei kein Zeug­nis. Die Bun­des­re­gie­rung lädt für Mitt­woch Ver­tre­ter der von der Oran­ge-Schal­tung betrof­fe­nen Regio­nen zu Gesprä­chen. Das kün­dig­te Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz (ÖVP) am Diens­tag an. Klar mach­te er dabei auch, dass die Ampel­schal­tun­gen kei­nen Auto­ma­tis­mus bei den Maß­nah­men bedeu­ten: „Das eine sind Ampel­schal­tun­gen, das ande­re sind Ent­schei­dun­gen der Bun­des­re­gie­rung”.

In den Erläu­te­run­gen der 19-köp­fi­gen Kom­mis­si­on wird fest­ge­hal­ten, dass für oran­ge Bezir­ke „wei­te­re Maß­nah­men im Bereich der Ver­an­stal­tun­gen nicht erfor­der­lich sind, weil die ent­spre­chen­den Maß­nah­men der Locke­rungs­ver­ord­nung imple­men­tiert wer­den müs­sen und die ver­pflich­tend vor­ge­se­he­nen Prä­ven­ti­ons­kon­zep­te zur Anwen­dung gebracht wer­den sol­len”. Für den Bil­dungs­sek­tor sind nach Ansicht der Kom­mis­si­on „kei­ne wei­te­ren Maß­nah­men erfor­der­lich, da der­zeit kei­ne Hin­wei­se vor­lie­gen, dass der Bil­dungs­sek­tor sub­stan­zi­ell an der Aus­brei­tung betei­ligt ist”.

Ver­pflich­ten­de Maß­nah­men für oran­ge Bezir­ke gibt es kei­ne. Regio­nen mit hohem Risi­ko wer­den aber auf­ge­for­dert, den Schutz von Pfle­ge­ein­rich­tun­gen und Kran­ken­an­stal­ten zu inten­si­vie­ren. Auch Scree­ning­un­ter­su­chun­gen soll­ten erhöht wer­den, älte­re Per­so­nen geschützt und prä­ven­ti­ve Maß­nah­men an bestimm­ten Orten wie bei­spiels­wei­se Märk­ten eta­bliert wer­den. Außer­dem emp­fahl die Kom­mis­si­on Ein­schrän­ken der Ver­an­stal­tun­gen in geschlos­se­nen Gesell­schaf­ten ohne Sicher­heits­kon­zept.

Vor zwei Wochen war die Coro­na­vi­rus-Ampel in Betrieb gegan­gen, sie scheint nun aber für mehr Ver­wir­rung als Klar­heit zu sor­gen. Für wei­te­re Ver­schär­fun­gen fehlt näm­lich die recht­li­che Grund­la­ge. Des­halb ist die Wel­le an Oran­ge- und Gelb-Schal­tun­gen fak­tisch weni­ger dra­ma­tisch, als es im ers­ten Moment geklun­gen hat.

Anscho­ber gestan am Abend Kon­fu­sio­nen im Zusam­men­hang mit der Coro­na-Ampel ein. Er will wie­der zu einer „ein­fa­che­ren, kla­ren Kom­mu­ni­ka­ti­on” kom­men. „Das war teil­wei­se ein biss­chen ver­wir­rend und teil­wei­se in bis­sen zu viel”, sag­te er in der „ZiB2” am Diens­tag. Er appel­lier­te gleich­zei­tig ein­dring­lich an die Bevöl­ke­rung, die Coro­na-Vor­sichts­maß­nah­men ein­zu­hal­ten.

Auf die Fra­ge, ob die Ampel schlecht umge­setzt wur­de, ant­wor­te­te Anscho­ber: „Wir ver­su­chen in einer erns­ten Situa­ti­on, rich­tig zu reagie­ren.” Die Ampel sei dabei eine umfang­rei­che, sehr qua­li­ta­ti­ve Bewer­tung der Coro­na-Lage. Es sei immer so geplant gewe­sen, dass die Exper­ten­kom­mis­si­on eine Ein­schät­zung des Risi­kos mache und die Regie­rung „am Ende des Tages über Maß­nah­men ent­schei­det”. „Aber wir müs­sen kla­rer und ein­fa­cher wer­den in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das war teil­wei­se ein biss­chen ver­wir­rend und teil­wei­se in bis­sen zu viel.” Die Ampel wer­de künf­tig auch nicht jede Woche umge­stellt.

Anscho­ber appel­lier­te ein­dring­lich an die Bevöl­ke­rung, „kon­se­quent und ver­ant­wor­tungs­voll gemein­sam wie­der zu den Grund­maß­nah­men zurück­zu­fin­den.” Denn die Zah­len „bei uns sind dras­tisch gestie­gen”. „Wir haben Pro­gno­sen, die uns sehr nach­denk­lich machen.” Eines der berech­ne­ten Model­le gehe von bis zu 1.300 Neu­an­ste­ckun­gen pro Tag aus.

Auch Simu­la­ti­ons­for­scher Niki Pop­per von der Tech­ni­schen Uni (TU) warn­te im ORF-„Report” vor einer zwei­ten Wel­le. Die­se „ist dann da, wenn Tes­ten, Tracen und Iso­lie­ren nicht mehr funk­tio­niert”. „Die Zah­len deu­ten dar­auf hin, dass wir schon ein Pro­blem haben”, bekräf­tig­te Pop­per sei­ne Aus­sa­gen in der „Pres­se”, wonach „die Tes­ten-Tracen-Iso­lie­ren-Stra­te­gie zusam­men­bricht”.

Am Diens­tag gab es erst­mals seit März in Öster­reich wie­der mehr als 6.000 akti­ve Coro­na-Fäl­le. Im 24-Stun­den-Ver­gleich kamen 764 Neu­in­fek­tio­nen hin­zu. Die­se Zah­len zei­gen, „wie not­wen­dig die­ser Weck­ruf ist und wie rich­tig die seit ges­tern ver­pflich­ten­den Zusatz­maß­nah­men (weit­ge­hen­der MNS in geschlos­se­nen Räu­men und Ver­klei­ne­rung der Teil­neh­mer­zahl bei Ver­an­stal­tun­gen) sind”, appel­lier­te Anscho­ber an die Bevöl­ke­rung.

Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len rief unter­des­sen zu Dis­zi­plin im Kampf gegen das Coro­na­vi­rus auf. Man müs­se „alles tun, um einen zwei­ten Lock­down zu ver­hin­dern”, sag­te Van der Bel­len am Diens­tag. Ein Lock­down wäre näm­lich „äußerst schäd­lich” für Wirt­schaft und Arbeits­plät­ze. „Ich appel­lie­re an alle Men­schen in Öster­reich, sich an die Vor­sichts­maß­nah­men zu hal­ten, damit wir die Pan­de­mie auch wäh­rend der kom­men­den Grip­pe­sai­son gut unter Kon­trol­le hal­ten kön­nen”, sag­te der 76-Jäh­ri­ge. „Jetzt heißt es noch ein­mal kräf­tig Luft holen für das hof­fent­lich letz­te Drit­tel die­ses selt­sa­men Mara­thons der Pan­de­mie, des­sen Ende wir natür­lich alle her­bei­seh­nen.”