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news/APA/Dienstag, 15.09.20, 14:20:01

Ukrai­nes Prä­si­dent Selen­skyj besucht Öster­reich

Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len und sein ukrai­ni­scher Amts­kol­le­ge Wolo­dym­yr Selen­skyj haben den weiß­rus­si­schen Macht­ha­ber Alex­an­der Luka­schen­ko zum Dia­log auf­ge­ru­fen. Die Regie­rung in Minsk sol­le „his­to­ri­sche War­nun­gen” ernst neh­men, „dass ein ande­res Ver­hal­ten unkon­trol­lier­ba­re Pro­zes­se nach sich zie­hen kann”, sag­te Van der Bel­len nach einem Tref­fen mit Selen­skyj am Diens­tag in Wien.
APA/HANS PUNZ

Luka­schen­ko sol­le „die Wor­te fin­den, die er frü­her für sein Volk fand”, sag­te Selen­skyj. „Er soll die Men­schen hören, das ist sehr wich­tig.” Zugleich wand­te er sich mit Blick auf den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin gegen eine Ein­mi­schung von außen. „Die Ukrai­ne möch­te sich nicht ein­mi­schen in die Innen­po­li­tik von Bela­rus und genau­so sol­len sich auch ande­re Staa­ten ver­hal­ten. Aber ich höre, dass sich ande­re Staa­ten ein­mi­schen möch­ten”, sag­te er. Die Ukrai­ne habe von Anfang an gesagt, dass man in Minsk „kein Blut­bad zulas­sen” dür­fe. „Es ist uns nicht egal, was da geschieht. Das sind unse­re Nach­barn.”

Van der Bel­len bezeich­ne­te die Situa­ti­on in Weiß­russ­land (Bela­rus) als „unüber­sicht­lich at best (im bes­ten Fal­le, Anm.)”. „Wir sind in Öster­reich über­zeugt, dass der­ar­ti­ge Situa­tio­nen nur gewalt­los und im Dia­log gelöst wer­den kön­nen”, beton­te er in der gemein­sa­men Pres­se­kon­fe­renz mit Selen­skyj in der Hof­burg. Die Fra­ge der APA, ob er sei­ne Ein­la­dung an Luka­schen­ko bereue, ver­nein­te der Bun­des­prä­si­dent. Einer­seits sei der Besuch „nicht aus dem Arm­ge­lenk ent­stan­den”, ver­wies Van der Bel­len auf die zuvor erfolg­te Visi­te in der Gedenk­stät­te Maly Tros­ten­ec, wo sich die weiß­rus­si­sche Sei­te „sehr koope­ra­tiv” gezeigt habe.

Zugleich mach­te Van der Bel­len klar, dass die Visi­te des weiß­rus­si­schen Macht­ha­bers in Wien auch wirt­schaft­li­che Hin­ter­grün­de hat­te. Van der Bel­len ver­wies dar­auf, „dass Öster­reich durch­aus wirt­schaft­li­che Bezie­hun­gen auch zu Bela­rus hat” und „von maß­geb­li­cher Sei­te an uns der Wunsch her­an­ge­tra­gen wur­de, Prä­si­dent Luka­schen­ko nach Wien ein­zu­la­den”.

Schließ­lich ver­wies der Bun­des­prä­si­dent auch auf die Rol­le Weiß­russ­lands in den Bemü­hun­gen zur Lösung des Ukrai­ne-Kon­flikts. „Nicht zufäl­lig” sei das ent­spre­chen­de Abkom­men nach der weiß­rus­si­schen Haupt­stadt Minsk benannt. Bela­rus und Luka­schen­ko hät­ten sich „Ver­diens­te um das Abkom­men” erwor­ben, „sonst wäre Minsk nicht der Aus­tra­gungs­ort die­ser Ver­hand­lun­gen”, sag­te Van der Bel­len, der sich nach einem Gespräch mit Selen­skyj äußer­te. Die­ser ist der ers­te Amts­kol­le­ge, den Van der Bel­len seit Beginn der Coro­na­kri­se bila­te­ral zu einem Besuch in Wien begrüß­te.

Van der Bel­len hat­te zuvor sei­nen Amts­kol­le­gen am Vor­mit­tag mit mili­tä­ri­schen Ehren im Inne­ren Burg­hof emp­fan­gen. Selen­skyj trifft auch Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz und Natio­nal­rats­prä­si­dent Wolf­gang Sobot­ka.

The­ma des Besuchs sind die bila­te­ra­len Bezie­hun­gen. Die Prä­si­dent­schafts­kanz­lei bezeich­ne­te die­se im Vor­feld als „aus­ge­zeich­net”. Zwi­schen­zeit­lich hat­te es aller­dings Schat­ten über den Bezie­hun­gen gege­ben. Nach inten­si­ven Kon­tak­ten öster­rei­chi­scher Spit­zen­ver­tre­ter mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin, der im August 2018 Ehren­gast bei der Hoch­zeit der dama­li­gen Außen­mi­nis­te­rin Karin Kneissl war, reagier­te Kiew ver­stört. Ex-Außen­mi­nis­ter Paw­lo Klim­kin sprach über die Hoch­zeits­ein­la­dung als „ganz gro­ßen Feh­ler”: „Das ist eine Fra­ge des Ver­trau­ens.”

Auch der Ukrai­ne-Kon­flikt wird Gesprächs­the­ma bei dem Besuch sein. Unter Selen­skyj haben sich hier posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen erge­ben, sag­te der frü­he­re OSZE-Son­der­ge­sand­te in der Ukrai­ne, der öster­rei­chi­sche Diplo­mat Mar­tin Saj­dik, im Gespräch mit der APA. Die Ende August aus­ge­ru­fe­ne Waf­fen­ru­he wer­de „in einem gro­ßen Maß auch ein­ge­hal­ten”. Viel beach­tet waren außer­dem Gefan­ge­nen­aus­tau­sche und der Wie­der­auf­bau der Brü­cke in Sta­nit­sa Luhans­ka, die das Über­que­ren der Kon­takt­li­nie zwi­schen den sepa­ra­tis­ti­schen ost­ukrai­ni­schen Regio­nen Donezk und Luhansk und dem Rest des Lan­des für tau­sen­de Men­schen erleich­ter­te.

Der Schau­spie­ler Selen­skyj ist seit Ende Mai 2019 im Amt. Der Komö­di­ant aus der Fern­seh­se­rie „Die­ner des Vol­kes” hat­te gro­ße Hoff­nun­gen auf posi­ti­ve Ände­run­gen in dem Land geweckt. Zu einem von Wäh­lern erwar­te­ten Durch­bruch sowie maß­geb­li­chen qua­li­ta­ti­ven Ver­än­de­run­gen im Land sei es jedoch bis­her noch nicht gekom­men, erklär­te der Kie­wer Poli­to­lo­ge Wolo­dym­yr Fes­sen­ko gegen­über der APA. Selen­skyj selbst erklär­te in der „Wie­ner Zei­tung”: „Den Krieg zu been­den und die ukrai­ni­schen Ter­ri­to­ri­en zurück­zu­be­kom­men – das hat für mich höchs­te Prio­ri­tät. Das sind kei­ne roman­ti­schen Ver­spre­chun­gen. Ein­fach ist das natür­lich nicht. Aber wir haben schon eini­ges erreicht. Wir haben 140 Men­schen aus der Gefan­gen­schaft zurück­be­kom­men. Wir haben Trup­pen­ent­flech­tun­gen durch­ge­setzt. Es gibt dort jetzt kei­ne Schie­ße­rei­en mehr, kaum jemand kommt ums Leben. Bis auf einen Todes­fall gibt es seit sie­ben Wochen kei­ne Ver­lus­te.”

Öster­reich unter­stützt laut Prä­si­dent­schaft­kanz­lei die ter­ri­to­ria­le Sou­ve­rä­ni­tät und Inte­gri­tät der Ukrai­ne voll. Öster­reich trägt auch die EU-Sank­tio­nen gegen Russ­land mit, die noch bis Jän­ner 2021 gel­ten. Die Unter­stüt­zung Selen­sky­js für die vol­le Imple­men­tie­rung der Mins­ker Frie­dens­ab­kom­men wird von Öster­reich als ein Schlüs­sel für die fried­li­che Kon­flikt­lö­sung in der Ost­ukrai­ne gese­hen.

13.000 Men­schen sind bis­her in dem seit 2014 schwe­len­den Kon­flikt gestor­ben. Mehr als fünf Mil­lio­nen Men­schen sind täg­lich vom Kon­flikt und des­sen Aus­wir­kun­gen direkt betrof­fen. 3,4 Mil­lio­nen Men­schen befän­den sich in einer dau­er­haf­ten huma­ni­tä­ren Not­la­ge. Die bereits pre­kä­re huma­ni­tä­re Lage spitzt sich durch den groß­flä­chi­gen Aus­bruch des Coro­na­vi­rus zu und trifft die Wirt­schaft hart. Wäh­rend 2019 die Wirt­schaft in der Ukrai­ne laut Wirt­schafts­kam­mer Öster­reich 3,2 Pro­zent wuchs, wer­de heu­er vor­aus­sicht­lich ein Rück­gang um sie­ben Pro­zent erwar­tet. Die Ukrai­ne ist auf die Hil­fe inter­na­tio­na­ler Geld­ge­ber ange­wie­sen.

Die öster­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung will am Mitt­woch eine Mil­li­on Euro Hil­fe für die Ost­ukrai­ne beschlie­ßen. Die Mit­tel aus dem Aus­lands­ka­ta­stro­phen­fonds sol­len jeweils Hälf­te dem Inter­na­tio­na­len Komi­tee vom Roten Kreuz (IKRK) und zur Hälf­te erfah­re­nen öster­rei­chi­schen Nicht-Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen zur Lin­de­rung der huma­ni­tä­ren Not­si­tua­ti­on in der Ukrai­ne zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Kurz beton­te in die­sem Zusam­men­hang: „Die Ukrai­ne, ein Land in unse­rer unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft, lei­det wei­ter­hin stark unter einer huma­ni­tä­ren Kri­se im Osten des Lan­des, die sich durch die Coro­na-Pan­de­mie noch wei­ter ver­schärft hat. Es ist daher unse­re Ver­ant­wor­tung, den Ukrai­nern wei­ter­hin zu hel­fen in die­ser Not­si­tua­ti­on.”

Gesprächs­the­men bei dem Besuch wer­den vor­aus­sicht­lich die aktu­el­le Coro­na-Pan­de­mie mit ihren gesund­heit­li­chen und wirt­schaft­li­chen Fol­gen sowie der Aus­bau der Wirt­schafts­be­zie­hun­gen sein. Öster­reich ist mit knapp 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar im ver­gan­ge­nen Jahr einer der größ­ten Inves­to­ren in der Ukrai­ne und im Finanz­sek­tor, aber auch in der Ver­pa­ckungs­in­dus­trie, Sport­aus­rüs­tung und Lebens­mit­tel­in­dus­trie stark ver­tre­ten. Auch aus die­sem Grund sei Öster­reich an der Fort­set­zung der Refor­men zur Stär­kung der Rechts­staat­lich­keit und der Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung inter­es­siert, hieß es.

Im Rah­men des Besuchs ist die Unter­zeich­nung einer Ver­ein­ba­rung durch Glo­bal 2000 und dem Regi­ons­prä­si­den­ten von Luhansk zur Unter­stüt­zung von Kin­dern und Fami­li­en in der Regi­on geplant. Die Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on enga­giert sich seit 25 Jah­ren für Kin­der, die vom Reak­tor­un­glück in Tscher­no­byl betrof­fen sind. Leuk­ämie, Lymph­drü­sen­krebs, Immun­schwä­chen und ande­re lebens­be­dro­hen­de Krank­hei­ten tref­fen immer noch vie­le Men­schen, dar­un­ter zahl­rei­che Kin­der. Außer­dem wird am Diens­tag ein Koope­ra­ti­ons­ab­kom­men zwi­schen der nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­re­gie­rung und der Staats­ver­wal­tung der Oblast Kyjiw unter Bei­sein von Nie­der­ös­ter­reichs Lan­des­haupt­frau Johan­na Mikl-Leit­ner (ÖVP) unter­zeich­net.

Selen­skyj sei­ner­seits will bei sei­nem Wien-Besuch laut APA-Infor­ma­tio­nen auch eine sym­bol­träch­ti­ge Bit­te an Bun­des­kanz­ler Kurz rich­ten: Der Platz, der bei einer Umge­stal­tung vor der Bar­ba­ra Kir­che in Wien ent­steht, möge „Ukrai­ne-Platz” hei­ßen. Hin­ter­grund ist die Rol­le von St. Bar­ba­ra als ältes­tem und wich­tigs­tem Zen­trum des Ukrai­ner­tums in Öster­reich.

Am Nach­mit­tag wer­den Selen­skyj und Van der Bel­len an einem öster­rei­chisch-ukrai­ni­schen Wirt­schafts-Round­ta­ble teil­neh­men. Am Abend steht ein gemein­sa­mer Heu­ri­gen­be­such auf dem Pro­gramm.