apa.at
news/APA/Donnerstag, 22.09.22, 13:03:45

Sym­bo­lisch auf­ge­la­den: „Der Baum in der Kunst” im Belvedere

Zur Fau­na gibt’s nun auch die Flo­ra. Wäh­rend man seit heu­te im mumok „Das Tier in Dir” ent­de­cken kann, eröff­net am Abend im Unte­ren Bel­ve­de­re die Aus­stel­lung „GROW. Der Baum in der Kunst”. 102 Wer­ke (davon 60 aus den eige­nen Bestän­den des Bel­ve­de­re) kün­den davon, dass der Baum nicht nur eines der ältes­ten Moti­ve der Kunst, son­dern „immer schon sym­bo­lisch auf­ge­la­den” war, wie Gene­ral­di­rek­to­rin Stel­la Rol­lig am Don­ners­tag bei der Pres­se­füh­rung sagte.
APA/Wolfgang Huber-Lang

Die bis 8. Jän­ner 2023 lau­fen­de Schau behand­le daher „Bild­ge­schich­te, Geis­tes­ge­schich­te, Ideen­ge­schich­te”, so Rol­lig. Kura­tor Miros­lav Haľák hat 76 Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus­ge­wählt. Das ältes­te Objekt ist ein Fas­ten­tuch aus dem 15. Jahr­hun­dert, die jüngs­ten Expo­na­te sind in situ geschaf­fe­ne Auf­trags­wer­ke, etwa Jakub Span­hels Eck-Instal­la­ti­on „Willst du dei­nen Wald ver­nich­ten, pflan­ze Fich­ten, nichts als Fich­ten”. Gio­van­ni Segan­ti­nis sym­bo­lis­ti­sches Haupt­werk „Die bösen Müt­ter”, eine Pra­te­ral­lee von Olga Wisin­ger-Flo­ri­an oder ein Baum von René Magrit­te, „Blü­hen­de Kas­ta­ni­en” von Emi­lie Mediz-Peli­kan oder redu­zier­te Baum­dar­stel­lun­gen der Gug­ging-Künst­ler Johann Korec und Oswald Tschirt­ner span­nen einen wei­ten Bogen auf. Nil­bar Gür­eş” Foto-Arbeit „Head­stan­ding Totem” ver­weist wie vie­le ande­re Wer­ke nicht nur auf den mytho­lo­gi­schen Gehalt des The­mas, son­dern auch auf jene mensch­li­che Zer­stö­rungs­ar­beit, die ein Video von Asta Grö­ting am anschau­lichs­ten zum Aus­druck bringt: In „Apple Tree” sägt eine der bei­den Per­for­me­rin­nen fröh­lich an jenem Ast, auf dem sie Platz genom­men hat.

Sowohl die Muse­ums­chefin wie auch der Kura­tor beton­ten, die Aus­stel­lung ver­ste­he sich auch als Kom­men­tar zur sich anbah­nen­den Kli­ma­ka­ta­stro­phe, in der Wald­brän­de und Abhol­zung zu den gro­ßen Pro­ble­men zäh­len. „Da wird Kunst immer mehr zum Bot­schaf­ter höhe­rer Inhal­te”, sag­te Haľák, der die Aus­stel­lung in drei Abschnit­te geglie­dert hat, die sich aller­dings nicht sehr klar von­ein­an­der unter­schei­den: Baum der Erkennt­nis, Baum des Wis­sens, Ach­se der Welt. Vom Sün­den­fall im Para­dies (ver­tre­ten u.a. durch KHM-Leih­ga­ben aus der Werk­statt von Lucas Cra­nach) ange­fan­gen, sei der Baum immer schon viel mehr als blo­ße Deko­ra­ti­on gewe­sen, so der Kura­tor: „Kaum ein ande­res Natur­ob­jekt wur­de öfter zur Pro­jek­ti­ons­flä­che als der Baum.” Eine klei­ne Sek­ti­on beschäf­tigt sich mit der ideo­lo­gi­schen Instru­men­ta­li­sie­rung des Baums etwa im Natio­nal­so­zia­lis­mus, ein paar Meter wei­ter lachen einem die Pea­nuts ent­ge­gen, die auf einer gero­de­ten Flä­che vor einem abge­schla­ge­nen Baum­stamm ste­hen (Jim­my Zurek: „Ama Mater”). Dem Pro­blem der Belie­big­keit kann die Aus­wahl nicht immer ausweichen.

Eine Aus­stel­lung mit die­sen Inhal­ten müs­se sich auch in der Her­stel­lung öko­lo­gi­schen Kri­te­ri­en stel­len, beton­te Rol­lig. Das Bel­ve­de­re, das stolz auf sei­ne Zer­ti­fi­zie­rung als „grü­nes Muse­um” ist, hat einer­seits dar­auf Wert gelegt, dass der Radi­us der Leih­ge­ber kein all­zu gro­ßer ist (angeb­lich stammt das am wei­tes­ten gereis­te Objekt aus Turin), ande­rer­seits hat man den Kata­log CO2-neu­tral pro­du­ziert und durch­wegs auf Plas­tik ver­zich­tet. Wand­tex­te wur­den mit­hil­fe von Papier­scha­blo­nen auf­ge­malt, die Objekt­kärt­chen sind aus Samen­pa­pier. Haľák: „Im Papier befin­den sich noch akti­ve Samen. Wenn Sie die­ses Papier ein­pflan­zen, dann wächst etwas – hoffentlich.”

In der Aus­stel­lung herrscht Stil­le – den eigens kura­tier­ten Sound­track dazu kann man jedoch nicht nur mit­tels CD nach Hau­se mit­neh­men, son­dern auch per Audio­gui­de oder die Muse­ums-App Smar­ti­fy auch wäh­rend des Besuchs genie­ßen. Ein Rah­men­pro­gramm mit Artist Talks und Film­pro­gramm im Blick­le Kino ist The­men wie „Kunst und Öko­lo­gie” oder dem Stamm­baum oder „Öko­lo­gie und Forst­wirt­schaft im Spie­gel der Samm­lung” gewidmet.

Auch im Bel­ve­de­re kann man übri­gens von den Bäu­men ins Tier­reich wech­seln: Rona Pon­dick, im Mar­mor­saal des Unte­ren Bel­ve­de­re mit einem „Head in Tree” ver­tre­ten, zeigt par­al­lel dazu im Car­lo­ne-Saal des Obe­ren Bel­ve­de­re „Mon­keys”: In ihren Skulp­tu­ren von Mensch-Tier-Hybrid­we­sen hat die US-Künst­le­rin Abgüs­se eige­ner Kör­per­tei­le ein­ge­fügt, die sie zuvor mit­tels 3‑D-Tech­no­lo­gie abge­nom­men und ver­klei­nert hat.

(S E R V I C E – „GROW. Der Baum in der Kunst”, Aus­stel­lung im Unte­ren Bel­ve­de­re, Wien 3, Renn­weg 6, 23. Sep­tem­ber 2022 bis 8. Jän­ner 2023, Mon­tag bis Sonn­tag, 10 bis 18 Uhr; Kata­log: 208 Sei­ten, 29,80 Euro, ISBN 978–3‑903327–31‑3; )