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news/APA/Dienstag, 23.02.21, 10:31:55

Ser­vice: Unter­wegs mit einem Hardtail-E-Mountainbike

Neue E‑Mountainbikes sieht man oft als Ful­ly – voll­ge­fe­dert mit Dämp­fern an Vor- und Hin­ter­bau. Soge­nann­te Hard­tails sind weni­ger kom­for­ta­bel, bil­den preis­lich aber auch den Einstieg.
APA/APA (dpa/gms/Stefan Weißenborn)/Stefan Weißenborn

Mitt­ler­wei­le sind elek­tri­sche Moun­tain­bikes bei vie­len Fah­rern belieb­ter als ihre nicht elek­tri­fi­zier­ten Vor­fah­ren – am Berg aus nahe lie­gen­den Grün­den. Und längst haben sich die Moun­tain­bikes – ob mit oder ohne Motor – in vie­le Unter­gat­tun­gen auf­ge­split­tet: Von All-Moun­tain-Rädern als den All­roun­dern über Endu­ro-Bikes bis zu den kom­pro­miss­lo­sen Down­hill-Bikes mit fla­chem Lenk­win­kel und Gabeln mit viel Federweg.

Wäh­rend Ful­lys, also die zusätz­lich zur Feder­ga­bel mit Rah­men­dämp­fung aus­ge­stat­te­ten Moun­tain­bikes, ein Plus an Kom­fort und Trak­ti­on im Gelän­de bie­ten, sind die Hard­tails güns­ti­ger in der Anschaf­fung. Da E‑Bikes ohne­hin kein Schnäpp­chen sind, kann das den ent­schei­den­den Aus­schlag für preis­sen­si­ble­re Kun­den geben. Wir waren unter­wegs mit dem neu­en Grand Canyon:ON AL 8 der Ver­sand­mar­ke Canyon.

Der Ein­satz­zweck: „Die Cha­rak­te­ris­tik des Rades kommt Anfän­gern ent­ge­gen”, sagt Thors­ten Lewan­dow­ski von Can­yon. Hard­tails gebe es grund­sätz­lich in zwei Aus­prä­gun­gen: mit Car­bon­rah­men „als mög­lichst leich­te Sport­ra­ke­ten” im Hig­hend-Bereich oder als Räder wie das Grand Canyon:ON AL 8 mit Alu-Rah­men, die einen güns­ti­gen Ein­stieg in den Sport böten. Das Gewicht von 23,15 Kilo ist für ein E‑Hardtail kein Top-Wert, geht aber mit Blick auf den üppi­gen Akku in Ordnung.

Das Modell sei ein All­tags­ve­hi­kel, mit dem man auch ein­mal sport­lich unter­wegs sein kön­ne – auf Schot­ter­we­gen, wäh­rend der Fei­er­abend­run­de oder auf nicht zu anspruchs­vol­len Trails durch den Wald. Aller­dings sei das Grand Canyon:ON nicht das geeig­ne­te Rad, um Biker mit viel Trai­l­er­fah­rung zufrie­den zu stel­len, die bei Jumps damit auch „in die Luft gehen wol­len”. Für extre­me Spitz­keh­ren und ver­block­te Pis­ten mit gro­ßen Stei­nen und Stu­fen sei das Rad nicht konzipiert.

Die Tech­nik: Das Grand Canyon:ON fährt mit einem Mit­tel­mo­tor, dem bevor­zug­ten Kon­zept bei E‑Mountainbikes. Im Tret­la­ger­be­reich recht unauf­fäl­lig ver­baut ist der neue Shi­ma­no-Motor Steps EP8. Lei­ser als zuvor, ist er nicht nur in der Bau­form klei­ner und um 200 Gramm leich­ter gewor­den als der zuvor inte­grier­te E8000-Motor und wiegt jetzt 2,6 Kilo. Auch stär­ker ist er gewor­den. Gegen­über dem älte­ren Aggre­gat wur­de das Dreh­mo­ment von 70 Nm auf 85 Nm angehoben.

Gespeist wird der 250-Watt-Motor EP8 von einem im Unter­rohr ver­steck­ten und ent­nehm­ba­ren In-Tube-Akku mit 630 Watt­stun­den, voll­stän­dig gela­den zeigt das Dis­play 180 Kilo­me­ter Reich­wei­te an. Shi­ma­no ver­spricht, mit einer Schnell­la­dung sei der Akku in 2,5 Stun­den wie­der zu 50 Pro­zent aufgeladen.

In der Preis­klas­se kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, ver­zö­gern die Fahrt Hydrau­lik-Schei­ben­brem­sen mit vier statt zwei Kol­ben, die mehr Brems­kraft ver­spre­chen. Für wenig Kraft­auf­wand in den Fin­gern sind 203-Mil­li­me­ter-Brems­schei­ben mon­tiert. Die Rocks­hox-Gabel bie­tet einen Feder­weg von 120 Mil­li­me­tern, ein übli­cher Wert in der Klas­se. Für Fahr­ten in der Ebe­ne oder berg­auf lässt sie sich sper­ren, das Peda­lie­ren wird dann effizienter.

Der Ein­fach­an­trieb mit Zwölf­fach-Kas­set­te (10 bis 51 Zäh­ne) ist mit Kom­po­nen­ten aus der Deo­re-Grup­pe von Shi­ma­no bestückt, dazu zäh­len auch Schalt­werk und ‑hebel und Ket­te. Das Bike rollt auf 29-Zoll-Rädern, bei Rah­men­grö­ße S sind es 27,5 Zoll. In allen Aus­füh­run­gen zieht Can­yon 2,6 Zoll brei­te Pro­fil­rei­fen von Schwal­be auf.

Der Fah­rein­druck: Ein Hard­tail fährt sich här­ter als ein Moun­tain­bike mit Rah­men­dämp­fung, das zeigt auch das Can­yon. Der Hin­ter­bau fühlt sich kon­zept­be­dingt unkom­for­ta­bel an. Sobald grö­be­re Hin­der­nis­se wie Wur­zeln über­fah­ren wer­den, nimmt die Gabel ihnen zwar an Schre­cken, doch man tut gut dar­an, den Po pro­phy­lak­tisch etwas anzu­he­ben, sonst setzt es Schlä­ge ins Kreuz. Weil sich das gan­ze Bike in sol­chen Situa­tio­nen vom Boden abhe­beln kann, wird der Fah­rer spä­tes­tens dann sowie­so aus dem Sat­tel gedrückt.

Vom har­ten Rah­men­ma­te­ri­al Alu­mi­ni­um ist eben­falls kein Kom­fort zu erwar­ten, auch der Alu-Len­ker fühlt sich unnach­gie­big an. Aber ein Len­ker aus Car­bon oder bes­ser dämp­fen­de Grif­fe wür­den das Can­yon für die Ziel­grup­pe wohl emp­find­lich teu­rer machen. Kos­ten­lo­ses Gegen­mit­tel für mehr Dämp­fung: den Rei­fen­druck sen­ken. Um die 2,5 Bar sind kein Pro­blem für einen 80-Kilo-Men­schen im Sattel.

Der Motor indes bie­tet kaum Anlass zu Kri­tik. Viel­leicht ist er nicht ganz so lei­se, wie Shi­ma­no ver­spricht, ver­gli­chen mit Mit­tel­mo­to­ren von vor vier oder fünf Jah­ren ist er das alle­mal. Wich­ti­ger ist sei­ne Kraft­ab­ga­be. Die Dreh­mo­ment-Ent­fal­tung fühlt sich natür­lich an. Vor allem im über­ar­bei­te­ten Trail-Modus gilt das: Je mehr man in die Peda­le tritt, des­to mehr Power gibt der Shi­ma­no ab – und umge­kehrt. Damit ent­fal­len vie­le Situa­tio­nen, in denen man die Unter­stüt­zungs­stu­fe wech­seln müsste.

Das Rad kra­xelt dank sei­ner 85 Nm auch stei­le Trails mühe­los empor. Ab einer gewis­sen Stei­gung wird das Vor­der­rad leicht­fü­ßig, so weit erwart­bar. Man kann das aber gut aus­glei­chen, indem man etwas aus dem Sat­tel geht – ohne dass gleich der Grip ver­lo­ren geht, weil weni­ger Kör­per­ge­wicht auf dem Hin­ter­bau las­tet. Die Rah­men­geo­me­trie gibt das genau­so her wie eine gewis­se Lauf­ru­he; auf aus­ge­präg­te Wen­dig­keit ist das Bike nicht aus­ge­legt. Und soll­te der Akku unter­wegs ein­mal schlapp machen, lässt sich das Can­yon auch dann noch gut fah­ren, der Motor besitzt kaum Tretwiderstand.

Aus­stat­tung, Zube­hör, Peri­phe­rie: Über die E Tube Pro­ject App las­sen sich die drei Unter­stüt­zungs­mo­di (Eco, Trail, Boost) indi­vi­du­ell anpas­sen. Die Ver­bin­dung zum Fahr­rad wird per Blue­tooth her­ge­stellt. So kann das maxi­ma­le Dreh­mo­ment per Han­dy gede­ckelt wer­den, falls man es sport­li­cher ange­hen las­sen will. Das spart auch an Akku­kraft. Die Ein­stel­lun­gen las­sen sich in zwei ver­schie­de­nen Pro­fi­len speichern.

Prak­tisch im Ober­rohr inte­griert ist neben dem An- und Aus-Knopf auch eine USB-C-Buch­se, über die sich Gad­gets laden las­sen. Zudem hat die lin­ke Ket­ten­stre­be zwei Boh­run­gen; hier kann ein Fahr­rad­stän­der ange­bracht wer­den. Wer das Hard­tail doch mal einen Trail hin­ab jagen möch­te, dem könn­te eine ver­senk­ba­re Vario-Sat­tel­stüt­ze feh­len, die aber nach­rüst­bar ist.

Der Preis: Das Can­yon Grand Canyon:ON AL 8 kos­tet in den gän­gi­gen Grö­ßen M und L 3.299 Euro, in Rah­men­grö­ße S 3.099 Euro.

Das Fazit: Das Hard­tail hält, was es ver­spricht. Der Dämp­fungs­kom­fort ist kon­zept­be­dingt ein­ge­schränkt, so dass man es nicht über Hin­der­nis-Pis­ten oder stei­le Down­hill-Pas­sa­gen schi­cken soll­te. Wer mode­ra­te Trail-Run­den mit dem ein oder ande­ren All­tags­ein­satz ver­bin­den möch­te, fin­det einen pas­sen­den, nicht über­teu­er­ten Begleiter.

Unterwegs mit einem Hardtail-E-Mountainbike

Das Canyon Grand Canyon:ON AL 8.0 besitzt am Hinterbau keine Dämpfung

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Am Testrad verbaut ist eine Deore-1x10-Kettenschaltung von Shimano

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Im Rahmen integriert: Shimanos neuer und stärkster Motor EP8

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Das kleine Shimano-Display ist zentral am Vorbau platziert und gut ablesbar

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