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news/APA/Mittwoch, 18.11.20, 10:56:48

Ser­vice: Die Autos der Tatort-Kommissare

Seit 50 Jah­ren ermit­teln Kom­mis­sa­re im ARD-„Tatort”. In jeder Fol­ge dabei: Autos. In den über 1100 Fol­gen waren dar­un­ter auch eini­ge Exo­ten. Wel­che Rol­le spie­len die Neben­dar­stel­ler auf vier Rädern?
APA/APA (dpa/gms/WDR)/Wolfgang Ennenbach

Quiet­schen­de Rei­fen, wil­de Ver­fol­gungs­jag­den und tief­sin­ni­ge Gesprä­che im Innen­raum. Autos spie­len in der ARD-Kri­mi­rei­he „Tat­ort” eine gro­ße Rol­le. Und das seit 50 Jah­ren. Schon die ers­te Fol­ge „Taxi nach Leip­zig” am 29. Novem­ber 1970 beginnt mit der Fahrt in einem Mer­ce­des W 108. Der zukünf­ti­ge Täter über­quert damit die inner­deut­sche Gren­ze. West-Kom­mis­sar Paul Trim­mel fährt spä­ter im Ford Tau­nus 17M P3 „Bade­wan­ne” die Rou­te nach Ost­deutsch­land ab, wech­selt dort in ein Wart­burg 353 Taxi.

Die meis­ten Film-Kom­mis­sa­re set­zen wie ech­te Ermitt­ler je nach Epo­che auf eher unauf­fäl­li­ge Flot­ten­fahr­zeu­ge wie etwa Audi A4, Audi 80, BMW 5er, Opel Rekord oder VW Pas­sat. Doch es gibt eini­ge Aus­nah­men, Autos, die etwas Beson­de­res aus­drü­cken. „Mein Brau­ner” – so nennt Klaus Borow­ski sei­nen brau­nen VW Pas­sat 32B Kom­bi. Oder Mario Kop­per und sein Fiat 130 und Thors­ten Lan­nert im Por­sche 911 Targa.

„Das Auto soll­te zur Film­fi­gur pas­sen wie etwa ein Klei­dungs­stück, die Aus­wahl folgt daher künst­le­ri­schen Gesichts­punk­ten”, sagt Frank Töns­mann. Er arbei­tet als ver­ant­wort­li­cher WDR-Redak­teur seit 2012 für den Dortmund-„Tatort” und zwi­schen 2009 und 2016 für die Fol­gen aus Köln. Die Ent­schei­dung, den unge­wöhn­li­chen Saab 900 für den Dort­mun­der Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Peter Faber zu nut­zen, wur­de von Pro­duk­ti­on und Redak­ti­on gemein­sam auf Vor­schlag des Sze­nen­bild­ners getrof­fen. „Inso­fern soll­te mit einem unge­wöhn­li­chen Auto Fabers Außen­sei­ter­men­ta­li­tät aus­ge­drückt wer­den”, so Tönsmann.

Autos wech­seln wie ande­re die Krawatten

Beim Köln-„Tatort” mach­te der WDR vor etwa 15 Jah­ren aus der Not eine Tugend: Nach Pro­duct-Pla­ce­ment-Vor­wür­fen bei ver­schie­de­nen Fil­men wer­den in den Kri­mi­se­ri­en nur noch Autos ein­ge­setzt, die min­des­tens drei Jah­re alt und ange­mie­tet sind. Wich­tig ist auch, dass im ein­zel­nen Film eine Mar­ken­viel­falt ein­ge­hal­ten wird. „Bei Fred­dy Schenk haben wir dazu die Geschich­te erfun­den, dass er sich bei sei­nen Dienst­wa­gen aus dem Fuhr­park der Poli­zei bedient”, sagt Frank Töns­mann. Die Fahr­zeu­ge stellt die Film-Poli­zei vor­her sicher.

Seit 2008 fährt der Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar alte Autos, meist aus den 1970er-Jah­ren. „Fred­dy Schenk sucht sich die Autos nach sei­nen Vor­lie­ben inner­halb sei­ner Rol­le aus, eine dar­über hin­aus über­ge­ord­ne­te Dra­ma­tur­gie für die Aus­wahl gibt es nicht”, erklärt Töns­mann. Zu den Fahr­zeu­gen zäh­len gro­ße US-Old­ti­mer wie Lin­coln Con­ti­nen­tal, Cadil­lac Eldo­ra­do aber auch etwa ein Opel Diplo­mat V8.

Rolf Parr hält „Tatort”-Autos eben­falls für inter­es­sant. „Sie sind dra­ma­tur­gisch wich­tig, weil sie Insas­sen auf engs­tem Raum Platz für dienst­li­che und pri­va­te Gesprä­che bie­ten, zum Teil für sehr inti­me. Und kei­ner kann weg­lau­fen”, sagt der Pro­fes­sor für Lite­ra­tur- und Medi­en­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Essen. Autos in Fil­men die­nen dazu, die Film­rol­le zu stüt­zen. „Autos und Film­cha­rak­ter sta­bi­li­sie­ren sich gegen­sei­tig”, sagt Pro­fes­sor Parr. „Exzen­tri­sche Figu­ren benö­ti­gen exzen­tri­sche Autos, wie der NSU RO 80 von LKA-Ermitt­ler Felix Murot oder der alte VW Pas­sat von Borow­ski. Die­se Fahr­zeu­ge ver­dich­ten die Cha­rak­ter­zü­ge der Figuren.”

Fred­dy Schenk im Klein­wa­gen – das geht doch nicht, oder?

Und das Fahr­zeug müs­se zur Figur pas­sen, wie die gro­ßen US-Stra­ßen­kreu­zer zum mas­si­ven Fred­dy Schenk aus Köln. „Auto­fül­le und Kör­per­fül­le pas­sen hier gut zusam­men”, so Pro­fes­sor Parr. In einem Klein­wa­gen kann man sich den Ermitt­ler kaum vor­stel­len, und wenn, wie in einer Fol­ge pas­siert, dann nur als Kari­ka­tur. Dage­gen fährt sein zurück­hal­ten­der, bie­de­rer Part­ner Max Bal­lauf einen VW Pas­sat Kom­bi in Dunkelblau.

Ste­fan Sche­rer unter­such­te vor eini­gen Jah­ren im Zuge eines For­schungs­pro­jek­tes mehr als 500 „Tatort”-Folgen aus den Jah­ren 1970 bis 2014. „Auto­mo­del­le wer­den in der Regel der Logik von Ermitt­ler-Figu­ren zuge­schrie­ben. Das pas­sier­te aber frü­her stär­ker und häu­fi­ger als heu­te”, sagt der Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Lite­ra­tur- und Medi­en­kul­tur­wis­sen­schaft am Insti­tut für Ger­ma­nis­tik des Karls­ru­her Insti­tuts für Tech­no­lo­gie (KIT).

Ein Bon­vi­ant mag Luxus und Exoten

Die meis­ten Ermitt­ler wer­den aktu­ell mit Mit­tel­klas­se-Model­len von Audi, BMW, Mer­ce­des oder VW aus­ge­stat­tet, die auch im rea­len Poli­zei-All­tag vor­kom­men. Eine Aus­nah­me bil­det Pro­fes­sor Karl-Fried­rich Boer­ne im Münster-„Tator”: „Als Gerichts­me­di­zi­ner kann er sich sol­che Fahr­zeu­ge leis­ten, die bei einem nor­ma­len Kom­mis­sar unglaub­wür­dig wären”, sagt Pro­fes­sor Scherer.

So chauf­fiert Bon­vi­vant Boer­ne Autos wie Mase­ra­ti Ghi­b­li, Mer­ce­des SLK, Por­sche 911 oder Jagu­ar XK. Aber auch einen Wies­mann MF3 CLS. Das ist ein Roads­ter einer klei­nen Fahr­zeug­ma­nu­fak­tur aus Dül­men. „Hier wur­de ein loka­ler Auto­her­stel­ler genutzt, eine net­te Idee, um einen Lokal­be­zug nach Müns­ter herzustellen”,sagt Gerald Mann, der seit 2007 die Sei­te Tat​ort​-Fans​.de betreibt, eine Online-Com­mu­ni­ty und ein über­re­gio­na­ler Fan­club der Krimi-Reihe.

Die Autos der Tatort-Kommissare

Zupackender Kommissar: Horst Schimanski (Götz George) mit einem Citroën CX

Credit: APA/APA (dpa/gms/WDR)/WDR

Andreas Hoppe fuhr als Mario Kopper im alten Fiat 130

Credit: APA/APA (dpa/gms/Uli Deck)/Uli Deck

Zum bulligen Tatort-Kommissar Freddy Schenk (l.) passt ein Ami-Schlitten

Credit: APA/APA (dpa/gms/WDR)/Uwe Stratmann

Ein skurriles Auto wie ein Saab 900 passt zu einem Typ wie Kommissar Peter Faber

Credit: APA/APA (dpa/gms/WDR)/Wolfgang Ennenbach