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news/APA/Freitag, 23.09.22, 20:07:31

Schein­re­fe­ren­den in besetz­ten Gebie­ten in Ukrai­ne begonnen

In den von Mos­kau besetz­ten Gebie­ten im Osten und Süden der Ukrai­ne haben am Frei­tag die Schein­re­fe­ren­den über einen Bei­tritt zu Russ­land begon­nen. Von einem his­to­ri­schen Tag sprach Sepa­ra­tis­ten­chef Denis Puschi­lin in der von Russ­land aner­kann­ten „Volks­re­pu­blik Donezk”. „Die­ses Refe­ren­dum ist ent­schei­dend, es ist der Durch­bruch in eine neue Rea­li­tät”, sag­te er in einem Video auf Tele­gram. Kiew spricht von einer „Pro­pa­gan­da­show” des Kreml.
APA/APA/AFP/JUAN BAR­RE­TO

Auch die Regio­nen Luhansk und Sapo­rischsch­ja infor­mier­ten über den Start der Abstim­mun­gen. „Wir kom­men nach Hau­se! Viel Erfolg, Freun­de”, sag­te Wla­di­mir Rogow, ein von Russ­land in Sapo­rischsch­ja ein­ge­setz­ter Ver­tre­ter der Regi­on, zur Eröff­nung der Wahl­lo­ka­le am in der Früh. Ange­setzt ist zudem ein Schein­re­fe­ren­dum in der süd­ukrai­ni­schen Regi­on Cher­son. Hun­dert­tau­sen­de Men­schen haben bis zum 27. Sep­tem­ber Zeit, ihre Stim­men abzugeben.

Der genaue Ablauf der vom Wes­ten und der ukrai­ni­schen Regie­rung als Schein­re­fe­ren­den bezeich­ne­ten Abstim­mun­gen ist unklar, da die Gebie­te nicht voll­stän­dig von rus­si­schen Trup­pen besetzt sind. Der ukrai­ni­sche Gou­ver­neur der Regi­on Luhansk, Ser­hij Gaj­daj, berich­te­te, in der rus­sisch besetz­ten Ort­schaft Bilo­wodsk habe ein Ver­ant­wort­li­cher gesagt, das Refe­ren­dum sei ver­pflich­tend. Wer sei­ne Stim­me nicht abge­be, ver­lie­re sei­ne Arbeit und wer­de bei den Sicher­heits­be­hör­den gemel­det. In Sta­ro­bilsk hät­ten die rus­si­schen Behör­den ange­ord­net, dass die Men­schen die Stadt bis Diens­tag nicht ver­las­sen dürf­ten. Bewaff­ne­te Grup­pen wür­den Woh­nun­gen durch­su­chen und die Bewoh­ner dazu zwin­gen, ihre Stim­me abzugeben.

Kreml­spre­cher Dmi­tri Pes­kow kün­dig­te am Frei­tag jeden­falls eine rasche Anne­xi­on der Gebie­te an. Zugleich wie­der­hol­te er, dass Ver­su­che der Ukrai­ne, sich die Gebie­te zurück­zu­ho­len, als ein Angriff auf die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on gewer­tet wür­den. Kreml­chef Wla­di­mir Putin hat­te bereits erklärt, die Gebie­te mit allen Mit­teln zu ver­tei­di­gen – ein­schließ­lich der Nut­zung ato­ma­rer Waffen.

Zugleich mach­te Pes­kow deut­lich, dass es der­zeit kei­ne Grund­la­ge für Ver­hand­lun­gen zwi­schen Mos­kau und Kiew gebe. Putin habe erklärt, dass die ukrai­ni­sche Regie­rung aus den Gesprä­chen aus­ge­stie­gen sei und ent­schie­den habe, den Kon­flikt auf dem „Schlacht­feld” zu ent­schei­den. Putin habe dar­auf reagiert, mein­te Peskow.

Russ­land will sich mit Hil­fe der Schein­re­fe­ren­den die Gebie­te ein­ver­lei­ben und beruft sich auf das „Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker”. Weder die Ukrai­ne noch die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft erken­nen die Abstim­mung unter der Besat­zungs­macht Russ­land an. Es han­delt sich um Schein­re­fe­ren­den, weil sie ohne Zustim­mung der Ukrai­ne, unter Kriegs­recht und nicht nach demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en ablau­fen. Auch eine freie Arbeit inter­na­tio­na­ler unab­hän­gi­ger Beob­ach­ter ist nicht möglich.

Die Ukrai­ne bezeich­ne­te die Schein­re­fe­ren­den als „Pro­pa­gan­da­show” des Kreml. „Heu­te gibt es in den besetz­ten Gebie­ten kei­nen juris­ti­schen Vor­gang, der „Refe­ren­dum” genannt wer­den kann”, schrieb der Bera­ter des Prä­si­den­ten­bü­ros, Mycha­j­lo Podol­jak, auf Twit­ter. Die „Show” die­ne ledig­lich als Hin­ter­grund für die Teil­mo­bil­ma­chung in Russ­land. Zugleich sag­te Podol­jak, dass die besetz­ten Gebie­te „unver­züg­lich befreit” wer­den müssten.

Inter­na­tio­nal sto­ßen die Schein­re­fe­ren­den auf kla­re Ableh­nung. Deutsch­lands Bun­des­kanz­ler Olaf Scholz sprach von inak­zep­ta­blen „Schein-Refe­ren­den”, deren Ergeb­nis­se nicht aner­kannt wür­den. Auch Öster­reichs Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len ver­ur­teil­te die Abstim­mun­gen als „völ­ker­rechts­wid­rig”. „Es gilt jetzt einer­seits, die Ner­ven zu bewah­ren, aber gleich­zei­tig in aller Klar­heit gegen­über der rus­si­schen Regie­rung klar­zu­ma­chen: Das ist kei­ne Maß­nah­me, die wir akzep­tie­ren, die wir ein­fach zur Kennt­nis neh­men. Die­se Anne­xi­on okku­pier­ter Gebie­te ist recht­lich und poli­tisch gese­hen ein Nullum”, beton­te Van der Bel­len am Ran­de eines Wahlkampftermins.

Die Staats- und Regie­rungs­chefs der sie­ben füh­ren­den demo­kra­ti­schen Wirt­schafts­mäch­te (G7) ver­ur­teil­ten die Schein­re­fe­ren­den am Frei­tag aufs Schärfs­te. Zudem drück­ten sie ihr Bedau­ern über die Teil­mo­bi­li­sie­rung der Streit­kräf­te in Russ­land aus. Die Schein­re­fe­ren­den dien­ten als „fal­scher Vor­wand”, um den Sta­tus von sou­ve­rä­nem ukrai­ni­schem Ter­ri­to­ri­um zu ver­än­dern, das rus­si­scher Aggres­si­on zum Opfer gefal­len sei, erklär­ten sie am Frei­tag. „Die­se Aktio­nen sind ein kla­rer Bruch der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen und des inter­na­tio­na­len Rechts”, hieß es weiter. 

Die am Frei­tag von Russ­land und sei­nen Stell­ver­tre­tern begon­ne­nen Schein­re­fe­ren­den hät­ten kei­ner­lei Legi­ti­mi­tät. Das rus­si­sche Vor­ge­hen miss­ach­te die „demo­kra­ti­schen Nor­men” mit sei­ner „offe­nen Ein­schüch­te­rung der ört­li­chen Bevöl­ke­rung”. Die Abstim­mun­gen spie­gel­ten nicht den Wil­len des ukrai­ni­schen Vol­kes wider, das sich bestän­dig den rus­si­schen Ver­su­chen wider­setzt habe, Gren­zen mit Gewalt zu ändern. „Wir wer­den die­se Refe­ren­den nie­mals aner­ken­nen”, ver­si­cher­ten die Staats- und Regie­rungs­chefs. Auch eine zu erwar­ten­de Anne­xi­on der Gebie­te wer­de man nie­mals akzeptieren.

Zu den G7 gehö­ren neben Deutsch­land auch die USA, Kana­da, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Ita­li­en und Japan.