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news/APA/Mittwoch, 13.01.21, 19:10:06

Regie­rungs­ko­ali­ti­on in Ita­li­en geplatzt

Wäh­rend in Ita­li­en über 80.000 Coro­na-Tote ver­zeich­net, stürzt das Land in eine Regie­rungs­kri­se. Die Split­ter­par­tei „Ita­lia Viva” um Ex-Pre­mier Matteo Ren­zi trat am Mitt­woch aus der Regie­rungs­ko­ali­ti­on aus. Die bei­den Ren­zi-Minis­te­rin­nen – Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Tere­sa Bel­l­a­no­va und Fami­li­en­mi­nis­te­rin Ele­na Bonet­ti – reich­ten ihren Rück­tritt ein. Grund sind Diver­gen­zen über das mil­li­ar­den­schwe­re Coro­na-Hilfs­pro­gramm „Reco­very Plan”, das die Regie­rung ver­ab­schie­det hat.
APA/APA (AFP)/OLIVIER HOSLET/ANDREAS SOLARO

Auch Staats­se­kre­tär Ivan Scal­fa­rot­to, der eben­falls Mit­glied von „Ita­lia Viva” ist, trat zurück. Die Koali­ti­on aus der Fünf-Ster­ne-Bewe­gung und den Sozi­al­de­mo­kra­ten (Par­ti­to Demo­cra­ti­co, PD) unter dem par­tei­lo­sen Minis­ter­prä­si­den­ten Giu­sep­pe Con­te hat damit kei­ne aus­rei­chen­de Mehr­heit mehr im Par­la­ment. Die Regie­rung ist seit Sep­tem­ber 2019 im Sat­tel. Ren­zi schloss eine Koali­ti­on mit den oppo­si­tio­nel­len Mit­te-Rechts-Par­tei­en ent­schie­den aus. Er sprach sich auch gegen vor­ge­zo­ge­ne Par­la­ments­wah­len aus. „Die Legis­la­tur­pe­ri­ode geht in Ita­li­en 2023 zu Ende”, sag­te der 45-jäh­ri­ge Tos­ka­ner. Der Gang in die Oppo­si­ti­on sei für „Ita­lia Viva” eine Mög­lich­keit, sag­te Renzi.

Bei einer Pres­se­kon­fe­renz in der Abge­ord­ne­ten­kam­mer warf Ren­zi Pre­mier­mi­nis­ter Giu­sep­pe Con­te feh­ler­haf­te Beschlüs­se im Umgang mit der Pan­de­mie vor. Der Regie­rungs­chef nut­ze die Pan­de­mie aus, um in Allein­re­gie sei­ne Plä­ne durch­zu­peit­schen, ohne sich mit den Koali­ti­ons­part­nern abzu­spre­chen, argu­men­tier­te Renzi.

„Der Pan­de­mie-Not­stand kann nicht das ein­zi­ge Ele­ment sein, das die­se Regie­rung zusam­men­hält”, sag­te Ren­zi, der Con­te unzu­rei­chen­de Dia­log­be­reit­schaft vor­warf. „Nicht wir stür­zen das Land in eine poli­ti­sche Kri­se, die Kri­se gibt es schon seit Mona­ten”, mein­te Renzi.

Ver­ge­bens hat­te die von Ren­zi im Herbst 2019 gegrün­de­te Split­ter­par­tei „Ita­lia Viva” gefor­dert, dass Ita­li­en Gel­der des Euro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM) abru­fe, um mehr Res­sour­cen in das Gesund­heits­sys­tem inves­tie­ren zu kön­nen. Jedoch ver­wei­ger­te die mit­re­gie­ren­de Fünf-Ster­ne-Bewe­gung einen Zugriff auf den ESM. Ita­li­en wür­de damit ris­kie­ren, sich wie einst Grie­chen­land von der Troi­ka aus Inter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds, EU-Kom­mis­si­on und Euro­päi­scher Zen­tral­bank bevor­mun­den zu las­sen, so die Argu­men­ta­ti­on der Fünf Sterne.

Con­te könn­te laut Beob­ach­tern jetzt die Ita­lia Viva-Minis­te­rin­nen erset­zen und sich einer Ver­trau­ens­ab­stim­mung im Par­la­ment unter­zie­hen, um zu prü­fen, ob sein Kabi­nett auch ohne Ren­zis Klein­par­tei wei­ter­re­gie­ren kann. Er könn­te auf die Stim­men eini­ger Par­la­men­ta­ri­er aus den Rei­hen der Gemisch­ten Frak­ti­on zurück­grei­fen, um sei­ne Regie­rung über Was­ser zu hal­ten. „Ita­lia Viva” war von Ren­zi nach sei­nem Aus­tritt aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen PD im Herbst 2019 gegrün­det wor­den. Die Par­tei kommt laut Umfra­gen auf nicht mehr als drei Pro­zent der Stimmen.

Der ita­lie­ni­sche Gesund­heits­mi­nis­ter Rober­to Spe­r­an­za warn­te am Mitt­woch vor einer „unver­zeih­li­chen” poli­ti­schen Kri­se, die den Kampf der Regie­rung gegen die Coro­na-Pan­de­mie schwä­chen kön­ne. Die Gesund­heit der Ita­lie­ner müs­se jetzt an ers­ter Stel­le ste­hen, mahn­te er. „Es wäre wirk­lich ein unver­zeih­li­cher Feh­ler, den Fokus zu ver­lie­ren oder so kurz vor der Ziel­li­nie lang­sa­mer zu wer­den”, warn­te Speranza.