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news/APA/Mittwoch, 21.07.21, 22:21:47

Orban lässt Refe­ren­dum über LGBTQ-Gesetz abhalten

Ungarns rechts­kon­ser­va­ti­ver Pre­mier Vik­tor Orban hat ein Refe­ren­dum über das umstrit­te­ne LGBTQ-Gesetz in sei­nem Land ange­kün­digt. In einem auf sei­ner Face­book-Sei­te ver­öf­fent­lich­ten Video rief Orban die Bevöl­ke­rung am Mitt­woch auf, das von der EU scharf kri­ti­sier­te Gesetz zu unter­stüt­zen. Die eng­li­sche Abkür­zung LGBTQ steht für les­bisch, schwul, bise­xu­ell, trans­gen­der und queer; Ange­hö­ri­ge die­ser sexu­el­len Min­der­hei­ten wer­den aus Sicht von Kri­ti­kern in Ungarn diskriminiert.
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„Brüs­sel hat Ungarn wegen des Geset­zes in den ver­gan­ge­nen Wochen klar atta­ckiert”, sag­te Orban. Das umstrit­te­ne LGBTQ-Gesetz zum Ver­bot von „Wer­bung” für Homo- und Trans­se­xua­li­tät war Anfang Juli in Kraft getre­ten. Bücher zu die­sem The­ma müs­sen in Ungarn nun mit dem Hin­weis „Ver­bo­ten für unter 18-Jäh­ri­ge” ver­se­hen wer­den, Fil­me dür­fen nicht mehr zu Haupt­sen­de­zei­ten aus­ge­strahlt werden.

Das Refe­ren­dum ist kei­ne ein­fa­che Abstim­mung über ein Ja oder Nein zum eigent­li­chen Gesetz. Es soll anhand von fünf von der Regie­rung fest­ge­leg­ten Fra­gen zu Inhal­ten des Geset­zes erfol­gen. Unter ande­rem soll laut Orban gefragt wer­den, ob die Ungarn dafür sei­en, dass Min­der­jäh­ri­ge ohne Zustim­mung der Eltern sexu­ell auf­ge­klärt wer­den, ob bei Kin­dern für Geschlechts­um­wand­lun­gen gewor­ben wer­den dür­fe und ob bei Kin­dern sol­che Umwand­lun­gen durch­ge­führt wer­den dürfen.

Offi­zi­ell erklär­tes Ziel der Regie­rung ist der Schutz von Min­der­jäh­ri­gen, Akti­vis­ten spre­chen von einem Schlag gegen die LGBTQ-Gemein­de. Die EU hat­te als Reak­ti­on auf das Gesetz in der ver­gan­ge­nen Woche ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Buda­pest eingeleitet.

Euro­pa wer­de es nie­mals zulas­sen, dass „Tei­le unse­rer Gesell­schaft dis­kri­mi­niert wer­den”, erklär­te EU-Kom­mis­si­ons­chefin Ursu­la von der Ley­en. Die unga­ri­sche Regie­rung ver­ur­teil­te die „Angrif­fe” Brüs­sels auf das Gesetz als „poli­tisch moti­viert”. Gegen das Inkraft­tre­ten des Geset­zes hat­te es auch in Ungarn Pro­tes­te von Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten und Ver­tre­tern der LGBTQ-Gemein­schaft gegeben.

Luxem­burgs Außen­mi­nis­ter Jean Assel­born stell­te indes ein Refe­ren­dum über den Ver­bleib Ungarns in der EU in den Raum. „Man soll­te in der EU ein Refe­ren­dum dar­über abhal­ten, ob man Orban in der EU noch tole­rie­ren will”, sag­te Assel­born dem „Spie­gel” (Mitt­woch). Er sei davon über­zeugt, dass das Ergeb­nis ein kla­res Nein wäre. Zwar gebe es das Instru­ment EU-wei­ter Volks­ab­stim­mun­gen bis­her nicht, man soll­te aber dar­über nach­den­ken, es einzuführen.

Schar­fe Kri­tik am Vor­ge­hen Orb­ans äußer­te auch die Oppo­si­ti­on in Ungarn. Vik­tor Orban sei in Schwie­rig­kei­ten, kom­men­tier­te Peter Jacab, Frak­ti­ons­chef der rechts­ra­di­ka­len Job­bik-Par­tei. Orban wol­le damit von dem unga­ri­schen Abhör­skan­dal gegen Regie­rungs­geg­ner ablen­ken, der auch inter­na­tio­nal hohe Wel­len schlägt. Orban hät­te die Brüs­se­ler Kar­te gezo­gen, das Refe­ren­dum als Mit­tel der „Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on” aktiviert.

Laut Jacab miss­braucht der Pre­mier jetzt „unse­re Kin­der für sei­ne nie­der­träch­ti­ge Pro­pa­gan­da”, anstel­le dass der „fei­ge Tyrann” die erwar­te­ten Ant­wor­ten auf den Abhör­skan­dal gibt. Orban hät­te sich drei Tage ver­steckt, „bis sie nun etwas in ihrer Hexen­kü­che zusam­men­brau­ten”. Das Refe­ren­dum sei teu­er, so Jacab, doch wenigs­tens wür­de die „Orban-Bran­che” dar­an verdienen.

Der Chef der Momen­tum-Par­tei Andras Feke­te-Györ rief auf Face­book zum Boy­kott des Refe­ren­dums auf, das er als „Bluff” bezeich­ne­te. Laut der Demo­kra­ti­schen Koali­ti­on (DK) wer­de das Refe­ren­dum erfolg­los aus­ge­hen, wofür die Par­tei alles unter­neh­men wer­de. Die Grü­nen LMP bezeich­ne­ten das ange­kün­dig­te Refe­ren­dum als „außer­or­dent­lich zynisch und empö­rend”. Orban wol­le neben dem Anhei­zen von Span­nun­gen in der Gesell­schaft von der „Pega­sus-Affä­re” ablenken.

Nur weni­ge Minu­ten nach der Ankün­di­gung Orb­ans ein Refe­ren­dum über das umstrit­te­ne LGBTQ-Gesetz abhal­ten zu wol­len, kün­dig­te auch der links­li­be­ra­le Buda­pes­ter Ober­bür­ger­meis­ter (OB) Ger­ge­ly Karac­so­ny ein sol­ches an. Das Refe­ren­dum von Karac­so­ny befasst sich damit, dass anstel­le der geplan­ten und umstrit­te­nen chi­ne­si­schen Fudan-Uni­ver­si­tät in Buda­pest eine Stu­den­ten­stadt gebaut wer­den soll, die unga­ri­schen Stu­den­ten güns­ti­ge Unter­künf­te bie­tet. Wei­ter soll ver­hin­dert wer­den, dass die Regie­rung die Auto­bah­nen ver­kauft. Das drit­te The­ma ist die Gewäh­rung von kos­ten­lo­sen Anti­gen-Tests für Men­schen über 60 Jahren.