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news/APA/Donnerstag, 08.04.21, 09:12:41

Öster­rei­chi­sches Astra­Ze­ne­ca-Impf­pro­gramm wird fortgesetzt

Das Natio­na­le Impf­gre­mi­um (NIG) hat sich Mitt­woch­abend trotz des sehr wahr­schein­li­chen Auf­tre­tens sel­te­ner Fäl­le von Blut­ge­rinn­sel nach einer Imp­fung mit dem Astra­Ze­ne­ca-Impf­stoff für eine unver­än­der­te Wei­ter­füh­rung des öster­rei­chi­schen Impf­pro­gramms aus­ge­spro­chen. Damit folgt das NIG der Emp­feh­lung der Euro­päi­sche Arz­nei­mit­tel­be­hör­de (EMA), die Neben­wir­kun­gen des Vak­zins fest­stell­te, aber kei­ne Ände­rung an ihrer unein­ge­schränk­ten Emp­feh­lung für den Impf­stoff vornahm.
APA/HELMUT FOHRIN­GER

„Der­zeit soll das Impf­pro­gramm in Öster­reich unter Berück­sich­ti­gung der epi­de­mio­lo­gi­schen Situa­ti­on und der ver­füg­ba­ren Impf­stof­fe unver­än­dert wei­ter­ge­führt wer­den”, hieß es in einer Stel­lung­nah­me des NIG Mitt­woch­abend. Denn es sei in allen Alters­grup­pen und bei Per­so­nen jeden Geschlechts ein posi­ti­ves Nut­zen-Risi­ko-Ver­hält­nis bestä­tigt wor­den. Bezüg­lich der Blut­ge­rinn­sel „konn­ten kei­ne spe­zi­fi­schen Risi­ko­fak­to­ren iden­ti­fi­ziert wer­den, wel­che die Wahr­schein­lich­keit für das Auf­tre­ten der­ar­ti­ger Ereig­nis­se erhö­hen”. „Die Ereig­nis­se wur­den mitt­ler­wei­le gut cha­rak­te­ri­siert und Kri­te­ri­en zur früh­zei­ti­gen Dia­gno­se und The­ra­pie wur­den erstellt”, so das Impf­gre­mi­um in Bezug­nah­me auf die Euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel­agen­tur EMA, die vor­lie­gen­den Daten aus der EU und Groß­bri­tan­ni­en zu throm­bo­em­bo­li­schen Ereignissen/Blutgerinnungsstörungen nach COVID-19-Imp­fun­gen erneut eva­lu­iert hatte.

Auch die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) hat sich am Mitt­woch vor­erst für die wei­te­re Ver­wen­dung des Impf­stoffs aus­ge­spro­chen. Nach aktu­el­ler Daten­grund­la­ge schei­ne ein Zusam­men­hang mit Throm­bo­sen zwar plau­si­bel, aber nicht bestä­tigt, teil­ten die Exper­ten des Impf­ko­mi­tees der WHO am Mitt­woch­abend mit. Es bedür­fe noch wei­te­rer Stu­di­en, um eine mög­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Imp­fung und etwai­gem Risi­ko zu untersuchen.

Die EU-Gesund­heits­mi­nis­ter woll­ten am Abend in einer außer­or­dent­li­chen Video­kon­fe­renz über die mög­li­chen Risi­ken im Zusam­men­hang mit dem Impf­stoff von Astra­Ze­ne­ca bera­ten. Öster­reich wird nach Aus­kunft des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums dar­an teil­neh­men. In der Fol­ge fin­den Don­ners­tag­vor­mit­tag sei­tens des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums Bera­tun­gen mit den Gesund­heits­re­fe­ren­ten der Bun­des­län­der zur wei­te­ren Vor­ge­hens­wei­se mit dem Impf­stoff statt.

Unter­des­sen ändert Ita­li­en sei­ne Impf­richt­li­ni­en und emp­fiehlt das Prä­pa­rat von Astra­ze­ne­ca jetzt für Men­schen über 60 Jah­re. Das gab der Prä­si­dent des obers­ten Gesund­heits­in­sti­tuts (CTS), Fran­co Loca­tel­li, am Mitt­woch­abend in Rom bekannt. Er und ande­re Exper­ten des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums beton­ten, dass der Impf­stoff in Ita­li­en wei­ter als ein sehr gutes Mit­tel ein­ge­stuft wer­de. Auf­grund von sehr sel­te­nen Vor­komm­nis­sen von Blut­ge­rinn­seln im Zusam­men­hang mit dem Prä­pa­rat habe Gesund­heits­mi­nis­ter Rober­to Spe­r­an­za sich aber für die „bevor­zug­te Ver­wen­dung” von Astra­ze­ne­ca-Dosen bei Men­schen über 60 Jah­re entschieden.

Die bri­ti­sche Impf­kom­mis­si­on JCVI (Joint Com­mit­tee on Vac­ci­na­ti­on and Immu­ni­sa­ti­on) woll­te sich nicht fest­le­gen, was die Ursa­che der Blut­ge­rinn­sel ist. Sie pass­te jedoch ihre Emp­feh­lung für Men­schen unter 30 Jah­ren an, die nun ein ande­res Vak­zin ver­ab­reicht bekom­men sol­len, hieß es am Mittwoch.

In Groß­bri­tan­ni­en sind nach Anga­ben der Arz­nei­mit­tel­be­hör­de MHRA bis­her 79 Fäl­le von sel­te­nen Blut­ge­rinn­seln nach Imp­fun­gen mit dem Astra­Ze­ne­ca-Prä­pa­rat auf­ge­tre­ten. Dabei kam es zu 19 Todes­fäl­len. Jun­ge Men­schen sind dabei über­pro­por­tio­nal stark betrof­fen. Ein direk­ter Zusam­men­hang mit dem Impf­stoff konn­te laut Impf­kom­mis­si­on zwar noch nicht nach­ge­wie­sen wor­den. Aber ange­sichts des gerin­ge­ren Risi­kos für jün­ge­re Men­schen an Covid-19 zu ster­ben, habe man die­se Abwä­gung getrof­fen, hieß es.

Die Exper­ten der EMA stell­ten einen Zusam­men­hang zwi­schen Impf­stoff und Throm­bo­sen fest, wenn gleich­zei­tig eine sehr gerin­ge Zahl von Blut­plätt­chen vor­han­den war. Dies tre­te aller­dings sehr sel­ten auf. Die Behör­de hält damit wei­ter­hin an ihrer Bewer­tung des Prä­pa­ra­tes fest. „Der Nut­zen des Wirk­stof­fes bei der Bekämp­fung von Covid-19 ist deut­lich höher zu bewer­ten als die Risi­ken”, sag­te EMA-Che­fin Emer Coo­ke am Mitt­woch in Amsterdam.

Unklar ist, was für Fol­gen die EMA-Ent­schei­dung nun für die Imp­fun­gen in den EU-Mit­glied­staa­ten haben wird. Meh­re­re EU-Län­der hat­ten zuvor den Ein­satz des Impf­stof­fes auf Per­so­nen ab 60 Jah­re ein­ge­schränkt. Kon­kret geht es vor allem um sel­te­ne Fäl­le von Blut­ge­rinn­seln (Throm­bo­sen) in Hirn­ve­nen nach einer AstraZeneca-Impfung.

Die EMA hat­te im März eine Exper­ten­grup­pe ein­ge­setzt. Sie hat­te zunächst kei­nen Zusam­men­hang mit der Imp­fung fest­ge­stellt. Die Unter­su­chung war aber fort­ge­setzt wor­den. Die Exper­ten ver­mu­ten, dass es sich um eine sehr sel­te­ne Immun-Reak­ti­on han­delt. Die meis­ten Fäl­le waren den Anga­ben zufol­ge etwa zwei Wochen nach der Imp­fung auf­ge­tre­ten. Anders als in Groß­bri­tan­ni­en stell­ten die EMA-Exper­ten kei­ne beson­de­ren Risi­ko­fak­to­ren wie Alter oder Geschlecht fest.

Geimpf­ten riet die EMA, auf das Risi­ko der sehr sel­te­nen Blut­ge­rinn­sel zu ach­ten. Pati­en­ten soll­ten sofort einen Arzt auf­su­chen, wenn sie die fol­gen­den Sym­pto­me haben: Kurz­at­mig­keit, Brust­schmer­zen, Schwel­lung im Bein, anhal­ten­de Bauch­schmer­zen, neu­ro­lo­gi­sche Sym­pto­me ein­schließ­lich schwe­rer und anhal­ten­der Kopf­schmer­zen oder ver­schwom­me­ner Sicht sowie win­zi­ge Blut­fle­cken unter der Haut über die Injek­ti­ons­stel­le hinaus.

Die Häu­fig­keit gemel­de­ter Zwi­schen­fäl­le mit Blut­ge­rinn­seln im Gehirn gaben die EMA-Exper­ten am Mitt­woch mit unge­fähr eins je 100.000 an. Es hän­ge sehr davon ab, wie gut die Mel­de­sys­te­me seien.

Der Impf­stoff mit dem nun­meh­ri­gen Markt­na­men Vax­ze­vria hat­te Ende Jän­ner eine beding­te Markt­zu­las­sung für die EU erhal­ten. Danach ist der bri­tisch-schwe­di­sche Her­stel­ler wei­ter­hin ver­pflich­tet, alle Daten zu mög­li­chen Neben­wir­kun­gen weiterzuleiten.

Die WHO hat­te am Abend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Vor­fäl­le ange­sichts von inzwi­schen welt­weit 200 Mil­lio­nen mit Astra­Ze­ne­ca geimpf­ten Men­schen sehr sel­ten sei­en. Dem­ge­gen­über sei­en inzwi­schen 2,6 Mil­lio­nen Men­schen im Zusam­men­hang mit Covid-19 gestor­ben. „Die Ver­ab­rei­chung von Impf­stof­fen basiert auf einer Kos­ten-Nut­zen-Ana­ly­se”, so die WHO-Exper­ten. Das Komi­tee wer­de nächs­te Woche erneut beraten.