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news/APA/Montag, 22.02.21, 10:37:04

Neue Staatsopern-„Carmen” als TV-Pre­mie­re gefeiert

Ach, waren das schö­ne Zei­ten, als sich die Leu­te noch vor aller Augen die Keh­len durch­schnei­den konn­ten und nicht in der lee­ren Staats­oper. Und wie fein war es, als sich die Prot­ago­nis­ten noch vor lie­bes­tol­len Ant­ago­nis­ten und nicht vor Coro­na fürch­ten muss­ten. Aber was hilft das Lamen­tie­ren?! Nach­dem die neue Staatsopern-„Carmen” auf­grund meh­re­rer posi­ti­ver Coro­na­tests zunächst ver­scho­ben wer­den muss­te, starb sie nun am Sonn­tag in ORF III ihren Bühnentod.
APA/APA (Wie­ner Staatsoper)/Michael Pöhn

Wäh­rend die Geor­gie­rin Ani­ta Rach­ve­lish­vi­li in der Titel­par­tie wie­der gene­sen war, muss­te der erkrank­te Charles Cas­tro­no­vo als Don Jose durch Pio­tr Becza­la ersetzt wer­den. Es soll einem als Zuschau­er Schlim­me­res pas­sie­ren, als dass der pol­ni­sche Star­te­nor die­se Par­tie singt. Erwin Schrott gab sei­nen Esca­mil­lo als erfah­re­nen Lebe­mann, der mit der Tie­fe zu kämp­fen hat, wäh­rend als ein­zi­ger Haus­de­bü­tant des Abends der immer noch jung im Amt befind­li­che Sym­pho­ni­ker-Chef­di­ri­gent And­res Orozco-Est­ra­da dem Staats­opern­or­ches­ter unge­ach­tet anfäng­li­cher klei­ne­rer Ansatz­schnit­zer einheizte.

Domi­nant an die­sem Abend war aber selbst­re­dend Rach­ve­lish­vi­li, die mit ihrer Car­men einst an der Sca­la debü­tiert hat­te und die­se Par­tie seit­her unter ande­rem an der Met, Covent Gar­den oder der Baye­ri­schen Staats­oper sang. Nun also end­lich Wien, und die Fra­ge, wes­halb sich die gro­ßen Häu­ser der Welt um die 36-Jäh­ri­ge in der Bizet-Oper rei­ßen, ist mit dem ers­ten Ton beant­wor­tet: Rach­ve­lish­vi­li besitzt einen eben­so mäch­ti­gen wie schim­mern­den Mez­zo­so­pran. Schlicht monu­men­tal. Dar­stel­le­risch ist ihre Car­men hin­ge­gen boden­stän­di­ger als meis­tens, eine welt­li­che Erschei­nung, ein Geschöpf der Stra­ße und nicht nur Objekt der Begierde.

Und damit ist Rach­ve­lish­vi­lis Inter­pre­ta­ti­on exakt die rich­ti­ge für Calix­to Biei­tos Regie, was sie bereits 2019 in Paris unter Beweis stel­len konn­te – schließ­lich gehört die Arbeit des mitt­ler­wei­le 57-jäh­ri­gen Spa­ni­ers zur Kate­go­rie jener Insze­nie­run­gen, die Neo-Direk­tor Bog­dan Roscic zur schnel­len Erneue­rung des Reper­toires ein­ge­kauft hat. 1999 star­te­te Biei­to mit die­ser „Car­men” sei­ne Kar­rie­re als einer der füh­ren­den Opern­re­gis­seu­re Euro­pas und hat die­se Deu­tung, an der immer wie­der etwas gefeilt wird, schon in zahl­lo­sen Städ­ten gezeigt.

Die Bieito-„Carmen” ist also, um im Fleisch­duk­tus zu spre­chen, gut abge­han­gen – hat dabei einen beein­dru­cken­den Rei­fe­grad erreicht. Hier gibt es kei­ne Sol­da­ten­ro­man­tik, son­dern einen Blick aufs Mili­tär, der an „Full Metal Jacket” erin­nert. Gezeigt wird ins­ge­samt eine rohe Gesell­schaft, mit­leids­los und ohne Abzieh­bil­der von Anda­lu­si­en­folk­lo­re. Die Karg­heit der meist lee­ren Büh­ne wird durch eine her­aus­ra­gen­de Per­so­nen­füh­rung mehr als belebt. Und dane­ben erschafft der Regis­seur eben­so sinn­li­che wie sinn­haf­te Bil­der für hand­lungs­freie Zwi­schen­spie­le. Die­se „Car­men” ist eine äußerst soli­de, äußerst reper­toire­taug­li­che Arbeit, die weit ent­fernt von so man­chem Auf­re­ger des eins­ti­gen „Enfant ter­ri­ble” Biei­to ist.

(S E R V I C E – „Car­men” von Geor­ges Bizet in der Regie von Calix­to Biei­to. Musi­ka­li­sche Lei­tung: And­res Orozco-Est­ra­da, Büh­ne: Alfons Flo­res, Kos­tü­me: Mer­ce Palo­ma, Licht: Alber­to Rodri­guez Vega. Mit Car­men – Ani­ta Rach­ve­lish­vi­li, Don Jose – Pio­tr Becza­la, Esca­mil­lo – Erwin Schrott, Micae­la – Vera-Lot­te Boecker, Fras­qui­ta – Slav­ka Zame­c­ni­ko­va, Mer­ce­des – Szil­via Vörös, Zuni­ga – Peter Kell­ner, Mora­les – Mar­tin Häß­ler, Remend­ado – Car­los Osu­na, Dan­cai­re – Micha­el Ari­v­o­ny. Die nächs­ten Auf­füh­run­gen sind geplant am 26. und 29. Mai sowie am 2., 6. und 9. Juni. )