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news/APA/Mittwoch, 07.04.21, 22:57:04

Nawal­nys Zustand im Straf­la­ger laut Anwäl­ten verschlechtert

Der Gesund­heits­zu­stand des in einem Straf­la­ger inhaf­tier­ten Kremlgeg­ners Ale­xej Nawal­ny hat sich nach Anga­ben sei­ner Anwäl­tin wei­ter ver­schlech­tert. Er ver­lie­re nun auch das Gefühl in sei­nen Hän­den, sag­te Olga Michailo­wa am Mitt­woch dem unab­hän­gi­gen Inter­net­fern­seh­sen­der Doschd. Zuvor hat­te der Oppo­si­tio­nel­le bereits über star­ke Rücken­schmer­zen und Läh­mungs­er­schei­nun­gen in einem Bein sowie Hus­ten geklagt. Die US-Regie­rung zeig­te sich am Mitt­woch „beun­ru­higt”.
APA/APA/AFP/ALEXANDER NEME­NOV

Nawal­ny, der sich seit einer Woche aus Pro­test gegen sei­ne Haft­be­din­gun­gen in einem Hun­ger­streik befin­det, wie­ge der­zeit etwa 80 Kilo­gramm, erklär­te sei­ne Anwäl­tin. Bei sei­ner Ankunft in der Straf­ko­lo­nie habe der 189 Zen­ti­me­ter gro­ße Kreml-Kri­ti­ker noch 93 Kilo­gramm gewogen.

Bei einer MRT-Unter­su­chung sei­en zudem zwei Her­ni­en dia­gnos­ti­ziert wor­den – also ein soge­nann­ter Bauch­wand­bruch. „Er ist natür­lich erschöpft, weil er sei­nen Hun­ger­streik fort­setzt und nur Was­ser trinkt”, sag­te Michailo­wa. Sein Fie­ber ist dem­nach aber gesun­ken – von 39 Grad am Mon­tag auf nun 37,2 Grad. Nawal­nys ande­rer Anwalt Wadim Kobsew schrieb auf Twit­ter: „Ale­xej geht allein, hat Schmer­zen beim Gehen.” Er ver­lie­re jeden Tag ein Kilo­gramm Kör­per­ge­wicht. „Was die Ver­wal­tung des Straf­la­gers der­zeit macht, ist ledig­lich, ihn vom Hun­ger­streik abzubringen.”

Der 44-Jäh­ri­ge ist sei­nen Anwäl­ten zufol­ge noch immer in einer medi­zi­ni­schen Abtei­lung des Lagers. Nawal­ny hat­te am Mon­tag auf Insta­gram berich­tet, dass drei sei­ner Mit­ge­fan­ge­nen wegen Tuber­ku­lo­se in ein Kran­ken­haus gebracht wor­den seien.

Rus­si­sche Ärz­te hat­ten am Diens­tag beim Straf­la­ger in Pokrow rund 100 Kilo­me­ter öst­lich von Mos­kau ver­geb­lich Zugang zu Nawal­ny gefor­dert. Die Medi­zi­ner der unab­hän­gi­gen Alli­anz der Ärz­te for­der­ten nun erneut ein Ende der Fol­ter und die Frei­las­sung Nawal­nys, der im Som­mer nur knapp einen Mord­an­schlag mit dem Ner­ven­gift Nowit­schok über­leb­te. Er war im Febru­ar in einem viel kri­ti­sier­ten Pro­zess zu einer mehr­jäh­ri­gen Straf­la­ger-Haft ver­ur­teilt worden.

Das Wei­ße Haus äußer­te sich am Mitt­woch „besorgt” über den ver­schlech­ter­ten Zustand des Oppo­si­tio­nel­len. Washing­ton betrach­te die Inhaf­tie­rung Nawal­nys als „poli­tisch moti­viert und als eine gro­ße Unge­rech­tig­keit”, sag­te die Spre­che­rin von Prä­si­dent Joe Biden, Jen Psa­ki. Das Aus­wär­ti­ge Amt in Ber­lin for­der­te die Frei­las­sung des erkrank­ten rus­si­schen Oppo­si­tio­nel­len. „Herr Nawal­ny ist jetzt wider­recht­lich und im Wider­spruch zu einer Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in einem Straf­la­ger inhaf­tiert”, sag­te ein Spre­cher des Außen­mi­nis­te­ri­ums am Mitt­woch in Ber­lin. „Unse­re Erwar­tung ist ganz klar, dass Herr Nawal­ny frei­zu­las­sen ist.”

Auch die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Amnes­ty Inter­na­tio­nal for­der­te Nawal­nys sofor­ti­ge Frei­las­sung. Sei­ne Inhaf­tie­rung sei „will­kür­lich und poli­tisch moti­viert”, erklär­te der Amnes­ty-Gene­ral­se­kre­tär in Deutsch­land, Mar­kus N. Bee­ko, am Mitt­woch in Ber­lin. „Die Haft­be­din­gun­gen im Straf­la­ger und sein Gesund­heits­zu­stand sind sehr besorg­nis­er­re­gend.” Die rus­si­schen Behör­den müss­ten umge­hend Ärz­ten, denen Nawal­ny ver­traue, Zugang zu ihm ermöglichen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) hat­te bereits im Febru­ar Nawal­nys Frei­las­sung gefor­dert, da er das Leben des Oppo­si­tio­nel­len in Gefahr sah. Russ­land lehn­te dies jedoch ab.

Nach mehr als zwei Mona­ten im Haus­ar­rest setz­te indes ein Gericht in Mos­kau über­ra­schend den Bru­der Nawal­nys wie­der auf frei­en Fuß. Oleg Nawal­ny, die pro­mi­nen­te Juris­tin Lju­bow Sobol und zwei wei­te­re Mit­ar­bei­ter des Oppo­si­tio­nel­len hat­ten vor der Beru­fungs­in­stanz am Mitt­woch­abend Erfolg, wie ein Anwalt aus dem Saal des Stadt­ge­richts mit­teil­te. Ursprüng­lich hät­ten sie nach Stra­ßen­pro­tes­ten am 23. Jän­ner wegen eines angeb­li­chen Ver­sto­ßes gegen Hygie­ne­auf­la­gen in der Coro­na-Pan­de­mie noch bis Ende Juni im Arrest sit­zen müssen.

Die Stra­fen waren als völ­lig über­zo­gen kri­ti­siert wor­den. Umstrit­ten war das Vor­ge­hen der Jus­tiz auch des­halb, weil etwa Kreml­chef Wla­di­mir Putin nie eine Mas­ke trägt, wenn er mit Men­schen zusammentrifft.

Die Pro­zes­se gegen Mit­ar­bei­ter Nawal­nys gel­ten als poli­tisch moti­viert, um die Oppo­si­ti­on mund­tot zu machen. Die Stra­fen waren gegen ins­ge­samt zehn lei­ten­de Ver­tre­ter aus dem Umfeld des Putin-Geg­ners ergangen.