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news/APA/Freitag, 11.06.21, 13:08:17

Natio­nal­bank erwar­tet kräf­ti­gen Wirtschaftsaufschwung

Nach dem coro­nabe­dingt stärks­ten Wirt­schafts­ein­bruch seit Ende des 2. Welt­kriegs rech­net die Oes­ter­rei­chi­sche Natio­nal­bank (OeNB) heu­er und im kom­men­den Jahr mit einem kräf­ti­gen Wirt­schafts­auf­schwung. Nach einem Rück­gang der Wirt­schafts­leis­tung in Öster­reich um 6,7 Pro­zent 2020 pro­gnos­ti­ziert die OeNB für 2021 und 2022 ein Wachs­tum von 3,9 Pro­zent bzw. 4,2 Pro­zent. Eine gro­ße, vier­te Coro­na-Infek­ti­ons­wel­le im Herbst wür­de aber rund 1 Pro­zent­punkt Wirt­schafts­wachs­tum kosten.
APA/ROLAND SCHLA­GER

Im Ver­gleich zur letz­ten Kon­junk­tur­schät­zung hat die OeNB ihre Pro­gno­se leicht ange­ho­ben. Im Dezem­ber 2020 hat­te die Natio­nal­bank ein BIP-Plus in Öster­reich von 3,6 Pro­zent für 2021 und 4 Pro­zent für 2022 pro­gnos­ti­ziert. Wachs­tums­trei­ber sind der pri­va­te Kon­sum, die Expor­te und Brut­to­an­la­ge­inves­ti­tio­nen. „Die Jah­re 2021 und 2022 sind von einem deut­li­chen Auf­hol­pro­zess geprägt”, kom­men­tier­te OeNB-Gou­ver­neur Robert Holz­mann am Frei­tag die aktu­el­le Wirt­schafts­pro­gno­se. Holz­mann erwar­tet, dass die Wirt­schafts­leis­tung in Öster­reich das Vor­kri­sen­ni­veau im ers­ten Quar­tal 2022 errei­chen wird. 2023 wer­de der Auf­hol­pro­zess abge­schlos­sen sein und sich das Wirt­schafts­wachs­tum mit einem Wert von 1,9 Pro­zent in Rich­tung des lang­fris­ti­gen Durch­schnitts bewegen.

Die aktu­el­le, gesamt­wirt­schaft­li­che Pro­gno­se der OeNB basiert auf meh­re­ren Annah­men im Hin­blick auf die Coro­na­pan­de­mie. Die Öko­no­men haben in ihrer Kon­junk­tur­schät­zung ange­nom­men, dass es kei­ne neue gefähr­li­che­re Covid-19-Muta­ti­on gibt und dass es heu­er zu kei­ner Her­denim­mu­ni­tät und kei­ner Über­las­tung der Inten­siv­sta­tio­nen mehr kom­men wird. Wei­ters haben die Pro­gnos­ti­ker berück­sich­tigt, dass wohl man­che Ein­däm­mungs­maß­nah­men auf­recht blei­ben. Für 2022 und 2023 rech­nen sie mit Imp­fun­gen für alle Alters­grup­pen und ver­füg­ba­ren Coro­na-Medi­ka­men­ten sowie nur öko­no­misch schwach wir­ken­den Ein­däm­mungs­maß­nah­men. Bei einer wei­te­ren Infek­ti­ons­wel­le im kom­men­den Herbst mit einem Ver­lauf wie im Herbst 2020 rech­nen die Natio­nal­bank-Öko­no­men mit einem Rück­gang der Wachs­tums­ra­ten um jeweils rund einen Pro­zent­punkt auf 2,8 Pro­zent (2021) sowie 3,0 Pro­zent (2022).

Der Kon­junk­tur­auf­schwung führt auch zu einer Erho­lung am hei­mi­schen Arbeits­markt. Die OeNB rech­net bei den Arbeits­stun­den mit einem star­ken Auf­hol­pro­zess heu­er und im kom­men­den Jahr. Die natio­na­le Arbeits­lo­sen­quo­te nach AMS-Berech­nung lag im Kri­sen­jahr 2020 bei 10 Pro­zent und soll heu­er laut Natio­nal­bank-Pro­gno­se auf 9 Pro­zent sin­ken. 2022 und 2023 wird eine Arbeits­lo­sen­quo­te von 8 Pro­zent bzw. 7,7 Pro­zent erwar­tet. Damit wür­de wie­der das Vor­kri­sen­ni­veau erreicht wer­den. Zum Ver­gleich: 2018 lag die Arbeits­lo­sen­ra­te bei 7,7 Pro­zent und 2019 bei 7,4 Prozent.

Auf die Bei­ne hel­fen dürf­te der Wirt­schaft auch ein wie­der in Schwung kom­men­der pri­va­ter Kon­sum. Nach einem Ein­bruch von 9,4 Pro­zent im Vor­jahr 2020 rech­net die OeNB heu­er wie­der mit einem Plus von 4,0 Pro­zent. Für 2022 und 2023 wird mit Stei­ge­run­gen von 5,8 bzw. 1,8 Pro­zent gerech­net. Posi­tiv dürf­te hier ein gleich­zei­ti­ger Rück­gang der Spar­quo­te wir­ken. Die OeNB schätzt, dass die Quo­te heu­er auf 11 Pro­zent sin­ken wird, 2022 dürf­te sie auf 8,1 Pro­zent und 2023 auf 7,8 Pro­zent runtergehen.

In der Coro­na­kri­se haben die Öster­rei­cher noch über­durch­schnitt­lich viel ange­spart. 2020 stieg die Spar­quo­te steil von 8,2 auf 14,4 Pro­zent an, vor allem weil über das Basis­spa­ren hin­aus viel über­schüs­si­ges Geld auf den Kon­ten der Öster­rei­cher lie­gen geblie­ben ist. Ins­ge­samt waren im Vor­jahr 20,4 Mrd. Euro an Über­schuss-Erspar­nis­sen ange­fal­len. Mit 80 Pro­zent (16,3 Mrd. Euro) war der über­wie­gen­de Teil des Über­schuss­spa­rens auf Zwangs­spa­ren zurück­zu­füh­ren, also auf Spa­ren wegen feh­len­der Kon­sum­mög­lich­kei­ten in der Pan­de­mie, so OeNB-Chef­öko­no­min Doris Ritz­ber­ger-Grün­wald. Die übri­gen 20 Pro­zent sei­en dage­gen Vor­sichts­spa­ren gewe­sen, also Spa­ren auf­grund der Angst um den eige­nen Arbeits­platz oder sons­ti­ger Unsicherheiten.

Die erwar­te­te sin­ken­de Spar­quo­te unter­stüt­ze zwar den pri­va­ten Kon­sum, aller­dings wer­de bei wei­tem nicht alles, was 2020 auf den Kon­ten geblie­ben ist, auto­ma­tisch wie­der aus­ge­ge­ben. „Ein Fünf­tel wird heu­er und im nächs­ten Jahr in den pri­va­ten Kon­sum zurück­flie­ßen”, sag­te Ritz­ber­ger-Grün­wald. Der Groß­teil wer­de jedoch als Ver­mö­gen auf den Kon­ten der Öster­rei­cher ver­blei­ben. Mit ein Grund sei auch, dass ein Gut­teil der Über­schusserspar­nis­se auf Men­schen mit höhe­rem Ein­kom­men zurück­zu­füh­ren sei, so die OeNB-Volkswirtin.

Das erzwun­ge­ne Spar­ver­hal­ten in der Kri­se habe sich vor allem auf den Dienst­leis­tungs­sek­tor nega­tiv aus­ge­wirkt. Wäh­rend sich die Bevöl­ke­rung bei Gütern zwi­schen dem ers­ten und drit­ten Lock­down 2020 spür­bar ange­passt hät­te und in Lock­downs auf Online-Käu­fe umge­stie­gen sei, sei das bei Dienst­leis­tun­gen nicht mög­lich gewesen.

Beson­ders hart traf das den Tou­ris­mus. Der für Öster­reich äußerst wich­ti­ge Dienst­leis­tungs­sek­tor wer­de sich nur lang­sam erho­len. Wegen des Total­aus­falls der Win­ter­sai­son 2020/21 wer­de die Näch­ti­gungs­bi­lanz auch heu­er nega­tiv aus­fal­len, die OeNB rech­net für 2021 mit einem Rück­gang von 16,5 Pro­zent auf 81,7 Mil­lio­nen Näch­ti­gun­gen. Die Som­mer­sai­son allei­ne wer­de den Scha­den aus dem Win­ter nicht zur Gän­ze abfe­dern kön­nen. Für 2022 rech­net die OeNB jedoch wie­der mit einer „mas­si­ven Zunah­me der Näch­ti­gungs­zah­len”, hieß es im Bericht der Nationalbank.

Gro­ßes The­ma für die Noten­ban­ker ist auch die Ent­wick­lung der Ver­brau­cher­prei­se. Die Infla­ti­ons­ra­te (HVPI) soll heu­er laut OeNB-Schät­zung getrie­ben von höhe­ren Roh­stoff­prei­sen auf 2 Pro­zent anstei­gen. Laut Berech­nun­gen der Sta­tis­tik Aus­tria dürf­te die Infla­ti­on im Mai auf 2,8 Pro­zent geklet­tert sein. „Wir beob­ach­ten das sehr genau”, sag­te Holz­mann. Wenn die Infla­ti­ons­ra­te über 3 Pro­zent stei­ge, dann könn­te dies zu „einem Über­den­ken der Stra­te­gie” der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) füh­ren. Man wer­de die Ver­brau­cher­preis­ent­wick­lung in den nächs­ten Wochen und Mona­te „sehr genau” ana­ly­sie­ren, so der OeNB-Gouverneur.

„Die Infla­ti­on ist der­zeit unser Sor­gen­kind”, kom­men­tier­te die OeNB-Chef­öko­no­min Ritz­ber­ger-Grün­wald die Teue­rung. Den aktu­el­len Anstieg kön­ne man mit Pan­de­mie-Son­der­ef­fek­ten erklä­ren, unter ande­rem der Roh­stoff­knapp­heit und der Ölver­teue­rung. Die Öko­no­min ver­wies auch auf die ver­hal­te­ne Preis­ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jah­re. „Die Infla­ti­ons­ra­te war jah­re­lang zu nied­rig und wur­de 2020 durch die Pan­de­mie stark gedrückt.” Für 2022 und 2023 rech­net die OeNB mit einem leich­ten Rück­gang der Infla­ti­ons­ra­te in Öster­reich auf jeweils 1,8 Prozent.

Auch die Preis­an­stie­ge am Immo­bi­li­en­markt beschäf­ti­gen die Natio­nal­bank. Die Noten­ban­ker hat­ten kürz­lich in einem Bericht auf eine „zuneh­men­de Über­hit­zung des Wohn­im­mo­bi­li­en­mark­tes” hin­ge­wie­sen. Der Immo­bi­li­en­markt in Öster­reich sei „einer der dyna­mischs­ten in der Euro­zo­ne”, sag­te Holz­mann. Dies sei auch The­ma in inter­nen Bespre­chun­gen und man bespre­che mög­li­che Maß­nah­men. „Eine Ent­schei­dung könn­te im Herbst fal­len”, so der OeNB-Gouverneur.

Die Coro­na­kri­se trifft wei­ter­hin den Staats­haus­halt hart. Das Bud­get­de­fi­zit soll heu­er laut Natio­nal­bank-Pro­gno­se 6,9 Pro­zent des BIP betra­gen. 2022 wird ein Bud­get­sal­do von ‑2,8 Pro­zent und 2023 von ‑2 Pro­zent erwar­tet. Das Aus­lau­fen der Kurz­ar­beit, Fix­kos­ten­zu­schuss und Umsatz­er­satz sowie die kon­junk­tu­rel­le Erho­lung wer­de zu einer star­ken Ver­bes­se­rung des Bud­get­sal­dos füh­ren, so die Notenbank.

Gute Nach­rich­ten gibt es aus der Export­in­dus­trie: Für heu­er erwar­tet die OeNB ein Export-Plus von 7,1 Pro­zent und für 2022 einen Anstieg um 6,4 Pro­zent. Die Vor­lauf­in­di­ka­to­ren für die Export­wirt­schaft wür­den auf eine schnel­le Erho­lung hin­deu­ten. Hohe Roh­stoff­prei­se und Lie­fer­eng­päs­se könn­ten aber kurz­fris­ti­ge Abwärts­ri­si­ken bergen.