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news/APA/Donnerstag, 08.04.21, 15:39:47

MAN Steyr: Beleg­schaft stimm­te gegen Wolf-Übernahme

Die Beleg­schaft des MAN-Werks in Steyr hat in einer Urab­stim­mung mit knapp 64 Pro­zent gegen eine Über­nah­me durch Inves­tor Sieg­fried Wolf gestimmt. Wolf ließ nach die­ser deut­li­chen Abfuhr wis­sen, er neh­me das zur Kennt­nis und bedaue­re das Ergeb­nis. Die MAN-Zen­tra­le in Mün­chen will das Werk, wo inklu­si­ve Leih­per­so­nal rund 2.300 Leu­te beschäf­tigt sind, nun schlie­ßen. Der Betriebs­rat gibt sich nach wie vor kämp­fe­risch, auch die Poli­tik for­der­te wei­te­re Gespräche.
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Wolf woll­te das Werk über­neh­men, aber von der aktu­ell knapp 1.900 Per­so­nen zäh­len­den Stamm­be­leg­schaft rund 1.250 Leu­te behal­ten. Zudem hät­ten die Ver­blei­ben­den mit Gehalts­ein­bu­ßen rech­nen müs­sen. Daher wur­den die Mit­ar­bei­ter von ihrer Ver­tre­tung zur Urab­stim­mung gebe­ten. 94 Pro­zent der 2.356 stimm­be­rech­tig­ten MAN-Mit­ar­bei­ter und Lea­sing­kräf­te nah­men teil. Sie votier­ten zu 63,9 Pro­zent mit „Nein”, zu 34,9 Pro­zent mit „Ja”, der Rest war ungül­tig. Wolf hät­te sich „unge­teil­te Zustim­mung” gewünscht, aber zumin­dest zwei Drit­tel angepeilt.

„Ich kann die­ses Votum heu­te nur mit gro­ßem Bedau­ern zur Kennt­nis neh­men”, so Wolf, er habe „viel Herz­blut” in die­ses Pro­jekt inves­tiert, aber auch er habe „das Rad der Zeit nicht zurück­dre­hen, son­dern nur ein soli­des, durch­dach­tes Kon­zept für die Zukunft ent­wi­ckeln” kön­nen. Ob das nun einen end­gül­ti­gen Rück­zug bedeu­tet, blieb offen, scheint aber nahe­lie­gend. Die MAN-Zen­tra­le in Mün­chen ließ wis­sen, dass man nun die Schlie­ßung anpei­le. In Kon­zern­krei­sen war die Rede von einer „Selbst­mord-Wahl” und einer „Wahl für die Schlie­ßung des Standorts”.

Die Gewerk­schaft kri­ti­sier­te am Don­ners­tag die „man­geln­de sozia­le Ver­ant­wor­tung” des Kon­zerns, der die Pro­duk­ti­on nach Polen ver­la­ge­re, wo „die Men­schen um nicht ein­mal vier Euro Min­dest­lohn arbei­ten müs­sen”, wie PRO-GE-Bun­des­vor­sit­zen­der Rai­ner Wim­mer und GPA-Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Karl Dürt­scher sag­ten. Bei MAN heißt es hin­ge­gen, man sei „wegen des guten Kon­zepts und aus Ver­ant­wor­tung für den Stand­ort Steyr” bei den Zuge­ständ­nis­sen ohne­hin über die Schmerz­gren­ze gegan­gen. Jeden­falls muss der Sozi­al­plan nun neu aus­ge­han­delt wer­den. Aus dem MAN-Umfeld heißt es, dass selbst bei gleich gro­ßem Topf weni­ger pro Kopf her­aus­kom­men wer­de, weil das Geld ja auf mehr Leu­te auf­ge­teilt wer­den müs­se. Nach­dem MAN die Stand­ort­ga­ran­tie bis 2030 gekün­digt hat, will die Gewerk­schaft vor Gericht zie­hen, sobald es zu betriebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen kommt. Der Kon­zern ist aber opti­mis­tisch, dass die­se Kla­ge kei­ne Aus­sicht auf Erfolg haben wür­de, die Beleg­schafts­ver­tre­tung sieht das natur­ge­mäß ganz anders.

Die Beleg­schafts­ver­tre­tung star­tet nun mit einem neu­en Betriebs­rats­chef in die wei­te­re Zukunft. Am Don­ners­tag wur­den die Mit­ar­bei­ter offi­zi­ell infor­miert, dass der bis­he­ri­ge Stell­ver­tre­ter Hel­mut Emler den bis­he­ri­gen Vor­sit­zen­den Erich Schwarz ablöst. Schwarz, der zuletzt Wort­füh­rer der Pro­tes­te war und sich stets skep­tisch gegen­über Wolfs Plä­nen geäu­ßert hat­te, geht in Pen­si­on. Das war zwar schon lan­ge bekannt, der Zeit­punkt des Wech­sels sorg­te aber bei der Kon­zern­zen­tra­le für Stirn­run­zeln. Für Emler ist es noch nicht geges­sen, dass das Werk geschlos­sen wird: „Als Betriebs­rat wer­den wir mor­gen begin­nen, mit MAN das Gespräch zu suchen”, kün­dig­te er an und beton­te, dass man in Steyr der­zeit Voll­aus­las­tung habe. Ziel sei eine Lösung wie in Deutsch­land, wo die ursprüng­li­chen Spar­plä­ne ent­schärft wor­den sind.

Im Vor­jahr war bekannt­ge­wor­den, dass MAN im Zuge eines rie­si­gen Spar- und Umstruk­tu­rie­rungs­pro­gramms Tau­sen­de Stel­len welt­weit ein­spa­ren und das Werk in Steyr bis 2023 schlie­ßen will. Ende Sep­tem­ber kün­dig­te MAN die Stand­ort­ga­ran­tie, die den Bestand des Unter­neh­mens in Steyr bis zumin­dest 2030 sichern hät­te sol­len. Schließ­lich trat Ex-Magna-Chef Sieg­fried Wolf mit sei­ner WSA Betei­li­gungs GmbH als Inter­es­sent auf den Plan. Er woll­te von der aktu­ell knapp 1.900 Per­so­nen zäh­len­den Stamm­be­leg­schaft rund 1.250 Leu­te über­neh­men, denen aller­dings eine bis zu 15-pro­zen­ti­ge Kür­zung des Net­to­ein­kom­mens gedroht hät­te. Im Gegen­zug hät­te es Blei­be­prä­mi­en von 10.000 Euro und einen Sozi­al­plan gege­ben. Die Abstim­mung der Beleg­schaft ist zwar nicht rechts­ver­bind­lich, aller­dings hat­te Wolf immer betont, dass er die Zustim­mung der Beleg­schaft brauche.

Offen ist, ob noch Chan­cen für das Pro­jekt des „Green Mobility”-Konsortiums rund um den Indus­tri­el­len Karl Egger (KeKe­lit) bestehen. Mit die­sem hat­te die Beleg­schafts­ver­tre­tung gelieb­äu­gelt, die MAN-Zen­tra­le hat­te es hin­ge­gen als zu wenig kon­kret abge­tan und nicht ins Auge gefasst. Nach dem Votum in Steyr sag­te ein Spre­cher des Kon­sor­ti­ums am Don­ners­tag, man sei natür­lich jeder­zeit wei­ter­hin zu Gesprä­chen mit MAN bereit.

Die Poli­tik appel­lier­te am Don­ners­tag nach kur­zer Schock­star­re an MAN, wei­ter für Gesprä­che offen zu sein. Es gehe nicht nur um die Absi­che­rung der Arbeits­plät­ze im Werk, son­dern auch um den Stand­ort Ober­ös­ter­reich an sich, beton­ten etwa LH Tho­mas Stel­zer und Wirt­schafts­lan­des­rat Mar­kus Ach­leit­ner (bei­de ÖVP). Wie sehr eine Schlie­ßung nicht nur die rund 2.300 Beschäf­tig­ten, son­dern die gan­ze Regi­on betref­fen wür­de, zeigt eine kürz­lich ver­öf­fent­lich­te Stu­die des Lei­ters der Initia­ti­ve Wirt­schafts­stand­ort OÖ, Fried­rich Schnei­der. Dem­nach dro­he ein BIP-Rück­gang von 957 Mio. Euro und der Ver­lust von 8.400 Arbeits­plät­zen – inklu­si­ve der Jobs im MAN-Werk.