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news/APA/Samstag, 15.01.22, 10:31:39

Kunst der Schlei­fe: „Lie­bes­lie­der” am Wie­ner Staatsballett

„Nun, ihr Musen, genug!” heißt es nach 32 „Lie­bes­lie­dern” und drei Aus­flü­gen in die Bal­lett­mo­der­ne, wie sie kon­trast­rei­cher kaum sein könn­ten. Mit dem Goe­the-Zitat, einem Brahms-Lied, mit Sin­gen­den, Tan­zen­den und Kla­vier zu vier Hän­den sind die Musen tat­säch­lich reich­lich zugan­ge. Und: „Lie­bes­lie­der”, der neue Bal­lett­abend der Wie­ner Staats­oper, bringt die titel­ge­ben­de Pre­zio­se von Balan­chi­ne mit dem gefei­er­ten, spä­ten Debüt von Mini­ma­lis­mus-Iko­ne Luc­in­da Childs zusammen.
APA/APA/WIENER STAATSBALLETT/ASHLEY TAYLOR

Die Pre­mie­re des jüngs­ten Bal­lett-Drei­tei­lers am Frei­tag­abend spannt einen Bogen über die nur schein­ba­re Ungleich­zei­tig­keit der jün­ge­ren Tanz­ge­schich­te: Jero­me Rob­bins, Luc­in­da Childs, Geor­ge Balan­chi­ne, viel­fach ver­netz­te Zeit­ge­nos­sen in der frag­men­tier­ten Revo­lu­ti­on des tan­zen­den Kör­pers. Von der schlich­ten Anmut, die Rob­bins in sei­nen „Other Dan­ces” am ein­zel­nen Tän­zer, an der ein­zel­nen Mazur­ka (Igor Zaprav­din spiel­te Cho­pin) zu dekli­nie­ren wuss­te, über die kon­se­quen­te rhyth­mi­sche Zer­le­gung, die Childs nahe­zu rausch­haft ins Kör­per­li­che und Räum­li­che über­setzt, bis zur ver­träum­ten, manie­rier­ten Wal­zer­se­lig­keit in Balan­chi­nes „Lie­bes­lie­dern”.

„Con­cer­to”, von Childs” Com­pa­ny im Jahr 1993 urauf­ge­führt, ist die ers­te Zusam­men­ar­beit der Wie­ner Bal­lett­com­pa­gnie mit der heu­te 81-jäh­ri­gen US-Cho­reo­gra­fin, deren seit den 70er-Jah­ren maß­geb­li­che Wer­ke man hier­zu­lan­de frei­lich schon bis­her bei den dezi­diert zeit­ge­nös­si­schen Tanz­in­sti­tu­tio­nen zu sehen bekam. Dem Bal­lett steht sie gut, die­se ful­mi­nan­te, mes­ser­schar­fe Kunst der ewi­gen Schlei­fe, die die über­la­ger­ten Struk­tu­ren in Hen­ryk Gor­e­ckis Kon­zert für Cem­ba­lo und Strei­cher schwin­del­erre­gend sicht­bar macht, und das Bal­lett steht ihr. Childs, bei der Pre­mie­re selbst anwe­send, durf­te sich laut­stark fei­ern lassen.

Zu Beginn des Abends waren es der Wie­ner Publi­kums­lieb­ling Davi­de Dato und die ver­sa­ti­le Hyo-Jung Kang – von Bal­lett­chef Mar­tin Schläp­fer mit der aktu­el­len Sai­son als Ers­te Solis­tin nach Wien geholt -, die zur bered­ten Musik Cho­pins in Rob­bins” „Other Dan­ces” Tanz­kunst pur zu schen­ken hat­ten. Die abschlie­ßen­den „Lie­bes­lie­der” brach­ten neben vier Tanz­paa­ren auch ein Gesangs­quar­tett sowie Kla­vier zu vier Hän­den in einen einst von Rolf Lan­gen­fass lie­be­voll ein­ge­rich­te­ten Ball­sa­lon, der nach einer inten­si­ven Lauf­zeit des Stücks zwi­schen 1977 und 1991 immer­hin 30 Jah­re lang ein­ge­mot­tet war.

Mit Johan­na Wall­roth, Ste­pha­nie Mait­land, Hiro­shi Ama­ko und Ilja Kaza­kov gab es Erfreu­li­ches zu hören von den jun­gen Stim­men des Opern­stu­di­os, mit Balan­chi­ne eine Lie­bes­er­klä­rung an des Wie­ners liebs­ten Faschings­brauch. Im schumm­ri­gen Licht, in sei­de­nen Roben, in bit­ter­sü­ßer Mehr­stim­mig­keit: Als kam­mer­opern­haf­tes Gesamt­kunst­werk sind die bei­den aus­cho­reo­gra­fier­ten Brahms-Lied­zy­klen zugleich Ball­nacht, Lie­der­abend, Spit­zen­tanz, Kos­tüm­schin­ken und Wal­zert­raum, dazu viel, viel Weh­mut – erst recht im Ange­sicht der heu­er erneut der Pan­de­mie geop­fer­ten Ball­sai­son. Doch wie Goe­the schon von den Musen wuss­te: „Hei­len kön­net die Wun­den ihr nicht, (…) aber Lin­de­rung kommt ein­zig, ihr Guten, von euch.”

(S E R V I C E – „Lie­bes­lie­der” mit Wer­ken von Jero­me Rob­bins, Luc­in­da Childs und Geor­ge Balan­chi­ne. Wei­te­re Ter­mi­ne am 24., 28., 31. Jän­ner, 3., 21. und 26. Febru­ar sowie 1. März. Live­stream 72 Stun­den ver­füg­bar unter . )