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news/APA/Freitag, 23.09.22, 08:53:09

Hitch­cock rel­oa­ded: Musi­cal „Rebec­ca” zurück in Wien

Es ist und bleibt ein unge­wöhn­li­cher Ver­tre­ter des Gen­res Musi­cal: Fast auf den Tag genau 16 Jah­re nach der Urauf­füh­rung fei­er­te „Rebec­ca”, die Adap­ti­on des gleich­na­mi­gen Kri­mi­nal­ro­mans von Daph­ne du Mau­ri­er, am Don­ners­tag erneut Pre­mie­re in Wien. Im Rai­mund Thea­ter ist dabei eine auf­ge­frisch­te Ver­si­on der Ori­gi­nal­re­gie zu sehen. Her­aus­ge­kom­men ist ein Musi­cala­bend für jene, die nicht zum har­ten Kern von Musi­cal­fans zäh­len – ein Thea­ter­stück mit fil­mi­scher Schlagzahl.
APA/APA/ROLAND SCHLAGER/ROLAND SCHLAGER

Als sich das Erfolgs­duo Micha­el Kun­ze und Syl­ves­ter Levay nach sei­nem Mega­er­folg „Eli­sa­beth” und nach „Mozart!” 2006 dem dank Hitch­cock-Ver­fil­mung satt­sam bekann­ten Klas­si­ker zuwand­te, war die Über­ra­schung durch­aus groß. Ein Kri­mi als Musi­cal? Mit Unter­bre­chung immer­hin bis 2008 war das Werk in Wien zu sehen, das zwar kein Flop wur­de, aber den­noch nicht an den Erfolg einer „Eli­sa­beth” anschlie­ßen konn­te. Dann jedoch setz­te der bri­ti­sche Kri­mi­nal­fall zum welt­wei­ten Erfolgs­lauf an, wur­de das Stück doch seit­her immer­hin von zwei Mil­lio­nen Besu­chern in zwölf Län­dern gesehen.

Nun domi­niert das mar­kan­te Logo mit dem bren­nen­den R vor wäss­ri­gem Hin­ter­grund wie­der das Wie­ner Musi­cal­le­ben – und das in atem­be­rau­ben­dem Tem­po. Urauf­füh­rungs­re­gis­seu­rin Fran­ce­s­ca Zam­bel­lo setzt auf Sze­nen­wech­sel in fil­mi­scher Schnitt­fre­quenz. Da flie­gen die Wän­de des Land­sit­zes Man­der­ley flugs in den Schnür­bo­den, ver­sin­ken Fischer­häu­ser im neb­li­gen Hin­ter­grund oder dreht sich ein Innen­raum im Hand­um­dre­hen zur Außenfassade.

Die­se cine­as­ti­sche Atti­tü­de der Insze­nie­rung ohne gro­ßen Musi­cal­kitsch spie­gelt sich auch in der zurück­hal­ten­den Par­ti­tur, die über Stre­cken bei­na­he kam­mer­mu­si­ka­lisch daher­kommt, unge­ach­tet bekann­ter Hits wie „Hilf mir durch die Nacht”, „Rebec­ca” oder „Ich hab” geträumt von Man­der­lay”. Monu­men­ta­le Ensem­ble­num­mern sind hier redu­ziert und erin­nern in ihrer Aus­ge­stal­tung mitt­ler­wei­le untrüg­lich an den Seri­en­hit „Down­ton Abbey”. Statt­des­sen ver­lässt man sich abseits des spek­ta­ku­lä­ren Sze­nen­bild­wech­sel auf die Dar­stel­ler. Und da hat man in Wien eini­ges im Talon.

Bei ihrem Wien­de­büt weiß die jun­ge Nie­der­län­de­rin Nien­ke Lat­ten als zwei­te Ehe­frau des rei­chen Wit­wers Maxim de Win­ter erst als nai­ves Mäd­chen zu über­zeu­gen, bevor sie im Ver­lauf den Wech­sel zur star­ken Gat­tin bewerk­stel­ligt, die aus dem Schat­ten der titel­ge­ben­den, toten Vor­gän­ge­rin tritt. Als Gegen­spie­le­rin in der iko­ni­schen Par­tie der dia­bo­li­schen Mrs. Dan­vers, die der ver­stor­be­nen Rebec­ca in unver­brüch­li­cher Treue nach­trau­ert, steht ihr Lands­frau Will­emi­jn Ver­ka­ik gegen­über, die heu­er bei der Oscar­ga­la den „Frozen”-Song mit­per­form­te und nun eine eis­kal­te Haus­häl­te­rin gibt, die mit star­ker, nicht über­bor­den­der Stim­me für sich einnimmt.

Den bei­den Damen gegen­über steht der deut­sche Gen­re­star Mark Sei­bert, der bei sei­ner sechs­ten Show im Rai­mund Thea­ter die schwie­ri­ge Rol­le des ver­stock­ten Wit­wers Maxim de Win­ter ange­nom­men hat. Er absol­viert die Par­tie so sou­ve­rän, wie sich dies bei dem nicht all­zu facet­ten­rei­chen Cha­rak­ter gestal­ten lässt. Etwas ein­fa­cher hat es da der Wie­ner Publi­kums­lieb­ling Ana Mil­va Gomes als schril­le Mrs. Van Hop­per. Die Vor­la­ge der durch­ge­knall­ten Ame­ri­ka­ne­rin wird von der Wahl­wie­ne­rin mit Schwung aufgegriffen.

Am Ende ist und bleibt „Rebec­ca” kein Event­mu­si­cal, kei­ne Kli­scheeschleu­der des Gen­res, gestrickt nach Sche­ma F. Statt­des­sen prä­sen­tiert sich im Rai­mund Thea­ter nun wie­der ein Thea­ter­abend mit fil­mi­scher Atti­tü­de, der auf Cha­rak­ter­zeich­nung und Kri­mi­hand­lung setzt. Und auf die Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te einer jun­gen Frau, die aus dem Schat­ten der Ver­gan­gen­heit tritt.

(S E R V I C E – „Rebec­ca” von Micha­el Kun­ze – Buch und Syl­ves­ter Levay – Musik. Regie: Fran­ce­s­ca Zam­bel­lo, Cho­reo­gra­fie: Simon Eichen­ber­ger, Büh­nen­bild: Peter J. Davi­son, Kos­tü­me: Bir­git Hut­ter, Musi­ka­li­sche Lei­tung: Her­bert Pich­ler. Mit Nien­ke Lat­ten – Ich, Mark Sei­bert – Maxim de Win­ter, Will­emi­jn Ver­ka­ik – Mrs. Dan­vers, Boris Pfei­fer – Jack Favell, Ana Mil­va Gomes – Mrs. Van Hop­per, James Park – Frank Craw­ley, Anne­mie­ke van Dam – Beatrice/Mrs. Dan­vers, Aris Sas – Ben, Ulrich All­rog­gen – Ober July­an, u.a. Wei­te­re Auf­füh­run­gen im Rai­mund Thea­ter fixiert bis 25. März 2023. )