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news/APA/Sonntag, 13.09.20, 10:06:54

Gol­de­ner Löwe für US-Dra­ma „Nomad­land”

Eine jun­ge Regis­seu­rin aus Chi­na hat bei den Film­fest­spie­len Vene­dig Geschich­te geschrie­ben. Das US-Dra­ma „Nomad­land” der in Peking gebo­re­nen Chloé Zhao gewann am Sams­tag­abend den Gol­de­nen Löwen für den bes­ten Film. Es ist das erst fünf­te Mal seit 1949, dass der Haupt­preis des Fes­ti­vals an das Werk einer Regis­seu­rin geht. Zuletzt gewann Sofia Cop­po­la 2010 mit „Some­whe­re”.
APA/APA (AFP/Getty)/Arnold Tur­ner

In ihrem Spiel­film „Nomad­land” erzählt die 38-jäh­ri­ge Zhao von einer Frau, die nach dem wirt­schaft­li­chen Kol­laps einer klei­nen Stadt in Neva­da ihre Sachen in ihr Auto packt und als Noma­din lebt. In der Haupt­rol­le als Fern ist Oscar­preis­trä­ge­rin Fran­ces McDor­mand („Far­go”, „Three Bill­boards Out­side Ebbing, Mis­sou­ri”) zu sehen.

„Wir kön­nen die Din­ge nicht nur aus einer Per­spek­ti­ve sehen”, sag­te Zhao nach der Preis­ver­lei­hung über die Wich­tig­keit von Fil­me­ma­che­rin­nen. „Ich habe viel Hoff­nung für die Zukunft – für mehr Regis­seu­rin­nen.” Wegen der Coro­na-Pan­de­mie konn­te sie nicht nach Vene­dig rei­sen und wur­de online zum Film­fest geschal­tet. Im Fes­ti­val­pro­gramm hat­te sie im Vor­aus erklärt, sie selbst sei in Städ­ten in Chi­na und Eng­land auf­ge­wach­sen und habe sich von wei­ten Stra­ßen schon immer ange­zo­gen gefühlt. „Eine Idee, die ich als typisch ame­ri­ka­nisch emp­fin­de – die end­lo­se Suche nach dem, was jen­seits des Hori­zonts liegt.”

Die deut­schen und öster­rei­chi­schen Hoff­nun­gen wur­den bei dem Fes­ti­val dage­gen ent­täuscht: Das Polit­dra­ma „Und mor­gen die gan­ze Welt” von Julia von Heinz über eine jun­ge, lin­ke Akti­vis­tin ging leer aus – genau­so wie die deutsch-öster­rei­chi­sche Kopro­duk­ti­on „Quo vadis, Aida?” der in Ber­lin leben­den Regis­seu­rin Jas­mi­la Žba­nić über das Mas­sa­ker in Sre­bre­ni­ca sowie die Gesell­schafts­sa­ti­re „Never Gon­na Snow Again” der pol­ni­schen Regis­seu­re Mał­gorz­a­ta Szu­mow­s­ka und Mich­ał Eng­lert.

Der Gro­ße Preis der Jury, die zweit­wich­tigs­te Aus­zeich­nung des Fes­ti­vals, ging an „Nue­vo orden”. Der mexi­ka­ni­sche Regis­seur Michel Fran­co ent­wirft dar­in ein düs­te­res Bild sei­nes Lan­des in der nahen Zukunft und fokus­siert sich auf die Kluft zwi­schen Arm und Reich.

Als bes­te Schau­spie­le­rin ehr­te die Jury die 32-jäh­ri­ge Bri­tin Vanes­sa Kir­by für „Pie­ces of a Woman”. In dem Dra­ma des unga­ri­schen Regis­seurs Kor­nél Mun­druc­zó spielt sie eine Frau, die ihr Kind Momen­te nach der Geburt ver­liert. Die Aus­zeich­nung für den bes­ten Schau­spie­ler ging an den Ita­lie­ner Pier­fran­ces­co Favi­no für sei­ne Leis­tung in „Pad­ren­o­s­tro”, das von einer trau­ma­ti­schen Kind­heit im Ita­li­en der 70er-Jah­re erzählt.

Mit dem Sil­ber­nen Löwen für die bes­te Regie wur­de der Japa­ner Kiyo­shi Kuro­sa­wa für das 1940 spie­len­de Dra­ma „Spy no Tsu­ma (Wife of a Spy)” geehrt. Den Preis für das bes­te Dreh­buch bekam der indi­sche Fil­me­ma­cher Chai­tanya Tam­ha­ne für „The Discip­le” über einen jun­gen Musi­ker. Das in Schwarz­weiß gedreh­te „Doro­gie Tova­ri­schi! (Dear Com­ra­des!)” des rus­si­schen Regis­seurs And­rei Kon­cha­l­ovs­ky erhielt den Spe­zi­al­preis der Jury.

In die­sem Jahr kon­kur­rier­ten 18 Bei­trä­ge im Wett­be­werb um die Haupt­prei­se. Die Aus­zeich­nun­gen wur­den von einer inter­na­tio­na­len Jury unter Vor­sitz der aus­tra­li­schen Schau­spie­le­rin Cate Blan­chett ver­ge­ben. Zur Jury gehör­ten auch die öster­rei­chi­sche Regis­seu­rin Vero­ni­ka Franz, der deut­sche Regis­seur Chris­ti­an Pet­zold sowie der US-ame­ri­ka­ni­sche Schau­spie­ler Matt Dil­lon. Das Film­fes­ti­val Vene­dig ist das ältes­te Film­fest der Welt.

Es war außer­dem das ers­te der welt­weit gro­ßen Fes­ti­vals, das seit Beginn der Coro­na-Pan­de­mie wie geplant statt­fand. Es gal­ten stren­ge Regeln: So muss­te etwa auf dem Gelän­de ein Mund-Nasen-Schutz getra­gen wer­den, auch die gesam­te Zeit im Kino. Jury­prä­si­den­tin Blan­chett lob­te nach der Preis­ver­lei­hung die Orga­ni­sa­ti­on. Es sei alles rei­bungs­los gelau­fen, auch an das Tra­gen der Mas­ken habe man sich schnell gewöhnt. „Eine gute Dis­kus­si­on ist eine gute Dis­kus­si­on – mit Mas­ke oder ohne”, sag­te sie über die Gesprä­che der Jury.

Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te der Psy­cho­thril­ler „Joker” des US-Ame­ri­ka­ners Todd Phil­lips und mit Joa­quin Phoe­nix in der Haupt­rol­le den Gol­de­nen Löwen der Fest­spie­le gewon­nen.