apa.at
news/APA/Dienstag, 14.09.21, 12:26:46

Frank Cas­torf insze­niert Hand­ke: Über den Bal­kan nach Prag

Frank Cas­torf ist der­zeit auf öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger abon­niert. Nach Elfrie­de Jelin­eks „Lärm” im Aka­de­mie­thea­ter insze­niert er am Burg­thea­ter Peter Hand­kes „Zdenĕk Ada­mec”. „So unter­schied­lich sie sind, fin­de ich bei­de Nobel­prei­se sehr berech­tigt. Und einen drit­ten soll­te es post­hum geben.” Nein, er meint nicht Tho­mas Bern­hard. „Georg Dan­zer”, grinst er. Des­sen Lied­gut habe er sogar sei­ner fran­zö­si­schen Freun­din nahe gebracht. „Nun ist sie ein tota­ler Fan.”
APA/APA/HERBERT PFARRHOFER/HERBERT PFARRHOFER

Inter­views mit dem 70-Jäh­ri­gen, der ein Vier­tel­jahr­hun­dert die Ber­li­ner Volks­büh­ne lei­te­te und danach „von Ber­lin die Flucht nach Öster­reich ange­tre­ten” hat, sind ein eige­nes Gen­re. Es sind Mono­lo­ge, in die man ver­sucht, mit gele­gent­li­chen Ein­wür­fen das Gespräch in eine bestimm­te Rich­tung zu len­ken. „Ich weiß, ich kom­me vom Hun­derts­ten ins Tau­sends­te. Ich möch­te das nicht redi­gie­ren müs­sen”, grinst er. Doch ein­mal in Fahrt gera­ten, lässt er sich ungern von der Aus­for­mu­lie­rung eines Gedan­kens abbrin­gen. Was zuge­ge­be­ner­ma­ßen ja wirk­lich inter­es­sant ist. Der deut­sche Regis­seur ist schließ­lich eine leben­de Legen­de, hat viel erlebt, viel gele­sen und viel insze­niert. Das alles schlägt sich in Thea­ter­ar­bei­ten nie­der, die seit vie­len Jah­ren „die obli­ga­ten Ingre­di­en­zi­en einer über­flüs­si­gen Cas­torf-Insze­nie­rung” (O‑Ton Cas­torf) beinhal­ten: viel Ori­gi­nal­text aus umfang­rei­chem asso­zia­ti­ven Quel­len­stu­di­um, eine mög­lichst von Alek­san­dar Denić stam­men­de Büh­nen­land­schaft aus unter­schied­lichs­ten Ver­satz­stü­cken, Live-Video aus Hin­ter­stüb­chen sowie groß pro­ji­zier­te Video-Ein­spie­lun­gen, viel Geschrei und viel Energieaufwand.

Die Hand­ke-Rezep­ti­on an deutsch­spra­chi­gen Büh­nen ist dage­gen von den vie­len Urauf­füh­run­gen durch Claus Pey­mann geprägt. „Pey­mann hat sich immer hin­ter dem Papier ver­steckt. Dage­gen ist an sich nichts zu sagen, am Thea­ter wird das nur schnell lang­wei­lig.” Wäh­rend für Pey­mann das Dich­ter­wort sakro­sankt war und er auch stets die Nähe zum Autor such­te, sagt Cas­torf: „So kann ich nicht arbei­ten.” Lie­ber macht er sein eige­nes Ding. Kon­takt zu Hand­ke, der zur zwei­ten Vor­stel­lung kom­men wol­le, hal­te der Dra­ma­turg. „Bei ihm hat sich Hand­ke ges­tern mal vor­sich­tig erkun­digt, wie lan­ge es denn dau­ern wird. Des­sen sehr kon­ser­va­ti­ve Schät­zung lau­te­te: vier Stun­den. Und Hand­ke: Oh!”

Cas­torfs Weg nach Tsche­chi­en, wo „Zdenĕk Ada­mec” eigent­lich ange­sie­delt ist, führt über den Bal­kan. Über Hand­kes „Win­ter­li­che Rei­se” nach Ser­bi­en hat der Hand­ke-Debü­tant Cas­torf, der aus­führ­lich über des­sen Erzäh­lung „Die Angst des Tor­manns beim Elf­me­ter” (1970) refe­rie­ren kann, sei­nen Zugang zu dem Stück gefun­den. Er erzählt im APA-Inter­view dar­über, wie er und sein aus Ser­bi­en stam­men­der Büh­nen­bild­ner Alek­san­dar Denić nach Titos Tod zu Titois­ten gewor­den sei­en, in Bewun­de­rung für den kom­mu­nis­ti­schen Son­der­weg Jugo­sla­wi­ens, mit dem Tito Sta­lin die Stirn gebo­ten habe, und erkennt in Hand­kes Sehn­sucht nach dem „Neun­ten Land” gro­ße Gemein­sam­kei­ten. „Dar­in lag eini­ge Hoff­nung für mich – und für Hand­ke schein­bar auch.” Die eigen­sin­ni­ge Par­tei­nah­me des Wan­de­rers, der auf­ge­bro­chen war, sei­ne eige­nen Wahr­hei­ten zu fin­den und sich dabei gegen den media­len und poli­ti­schen Main­stream zu stel­len, impo­nie­re ihm.

Sei das nicht aber, mit Ver­laub, aus Öster­reich gese­hen die fal­sche Him­mels­rich­tung? Hand­kes Stück spie­le doch nicht in Ser­bi­en, son­dern in Prag und im süd­öst­lich davon auf hal­bem Weg nach Brünn gele­ge­nen Städt­chen Hum­polec? Es gehe um einen pan­sla­wi­schen Groß­raum, hält Cas­torf unbe­irrt ent­ge­gen. Es gehe um eine all­ge­mei­ne Pro­vin­zia­li­tät, die er im Osten so gut ken­ne. „Wir woll­ten ja nach Hum­polec fah­ren, um dort zu dre­hen. Das hat aber die Pan­de­mie ver­ei­telt. Wenn Sie sich aber Fotos von dort anschau­en: Genau die­se Tris­tesse, die­se Trost­lo­sig­keit ken­ne ich nur zu gut aus Anklam.” In die­sem ost­deut­schen Pro­vinz­nest erreg­te Cas­torf Anfang der 80er-Jah­re als Regis­seur und Ober­spiel­lei­ter erst­mals Auf­se­hen und wur­de auf Betrei­ben der SED entlassen.

Es gehe in dem Stück aber auch um Medi­en­kri­tik, die Hand­ke immer schon – und spe­zi­ell im Fall der Bal­kan­krie­ge – sehr beschäf­tigt habe. Der Fall des Zde­nek Ada­mec, der sich 18-jäh­rig im Jahr 2003 am Pra­ger Wen­zels­platz ver­brann­te und in sei­nem Abschieds­brief gegen „Geld und Macht” wand­te, die die Welt und sein Land nach der Wen­de unein­ge­schränkt regier­ten, sei von der Poli­tik als Tat eines Ver­rück­ten abge­tan und von den Medi­en weit­ge­hend tot­ge­schwie­gen wor­den. „Und in Paris sitzt einer, dem das auf­fällt, und der was dage­gen tun möchte.”

Was der jun­ge Tsche­che damals getan habe, sei ein Auf­schrei gewe­sen, der Ver­such, das eige­ne Lei­den als Fackel zum weit­hin sicht­ba­ren Leuch­ten zu brin­gen. „Es hat ja auch ganz star­ke psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Züge, wenn sich jemand selbst ver­brennt. Das ist die schlimms­te Todes­art, die man wäh­len kann. Damals haben im wei­te­ren Ver­lauf 17 Men­schen ver­sucht, es dem Zde­nek Ada­mec gleich­zu­tun. Das muss man sich ein­mal vorstellen!”

Wäh­rend Frie­de­ri­ke Hel­lers Urauf­füh­rung des Stücks vor einem Jahr bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len an einem unde­fi­nier­ten Kunst­ort ange­sie­delt war, ließ Jos­si Wie­ler das Stück am Deut­schen Thea­ter Ber­lin in einer Art Pil­ger-Rast­stät­te mit Hei­li­gen an den Wän­den spie­len. In Wien wird eine rea­lis­ti­sche Bus­hal­te­stel­le der Schau­platz sein. „Hand­ke liebt ja den Bus als Fort­be­we­gungs­mit­tel. In trost­lo­sen Klein­städ­ten ist der Bus­bahn­hof immer der Treff­punkt der Jugend. Doch es geht ihnen wie in „War­ten auf Godot”: Der Bus kommt nie!” In Hand­kes Stück tritt die Haupt­fi­gur selbst nie auf, ist nur in Erin­ne­run­gen prä­sent. Er wer­de die sie­ben Figu­ren wie Wie­der­gän­ger aus einer ande­ren Welt spre­chen las­sen, den eige­nen Tod stets mit­re­flek­tie­rend, sagt der Regis­seur. „Der Blick in die Zukunft ist wich­tig. Es braucht Seher wie Kas­san­dra oder Tere­si­as, um uns auf­zu­rüt­teln – auch, wenn sie sich gele­gent­lich irren.”

Auch künf­tig wird der „Ber­lin-Flücht­ling” Cas­torf Öster­reich erhal­ten blei­ben. Sei­ne zwei­te Coro­na-Imp­fung habe er kürz­lich in St. Pöl­ten erhal­ten, erzählt er stolz. Am dor­ti­gen Lan­des­thea­ter wird er Ende Jän­ner 2022 den Mono­log „Schwar­zes Meer” von Iri­na Kas­tri­ni­dis zur Urauf­füh­rung brin­gen. Wie kommt es dazu? „So etwas ent­steht immer pri­vat. Ich bin ja jemand, den man zu sei­nem Glück zwin­gen muss. Mei­ne frü­he­re Lebens­ge­fähr­tin hat ein Stück über ihre Fami­lie und das Schick­sal der Pon­tus-Grie­chen geschrie­ben, das weit­ge­hend ver­ges­sen ist, obwohl von ihnen annä­hernd so vie­le wie die Arme­ni­er ver­trie­ben oder getö­tet wur­den. Ich hät­te es ihr nie zuge­traut – aber es ist ein tol­les Stück gewor­den. Immer unter­schätzt man die Frau­en!” Der 12-jäh­ri­ge gemein­sa­me Sohn Mikis Kas­tri­ni­dis wird mit­spie­len. „Ich hab ja eini­ge Kin­der, aber nie­mand von ihnen liebt das Thea­ter so wie er!”

Mit Staats­oper, Burg­thea­ter, Salz­bur­ger Fest­spie­len, Wie­ner Fest­wo­chen und dem Lan­des­thea­ter Nie­der­ös­ter­reich wird Frank Cas­torf dann schon eini­ge Sta­tio­nen in der öster­rei­chi­schen Büh­nen­land­schaft absol­viert haben. Aber längst nicht alle. Könn­te Cas­torf etwa dem­nächst auf den Spu­ren sei­nes Kol­le­gen Claus Pey­mann wan­deln? „Ertappt”, lacht der Regis­seur: „Ich umkrei­se das Thea­ter in der Josef­stadt bereits in immer enge­ren Radi­en. Aber vor 2024 hab” ich ohne­dies kei­ne Zeit.”

(Das Gespräch führ­te Wolf­gang Huber-Lan­g/A­PA)

(S E R V I C E – Peter Hand­ke: „Zdenĕk Ada­mec”, Regie: Frank Cas­torf, Büh­ne: Alek­san­dar Denić, Kos­tü­me: Adria­na Bra­ga Peretz­ki, Musik: Wil­liam Min­ke, Mit Meh­met Ate­sci, Mar­cel Heu­per­man, Han­na Hils­dorf, Mavie Hör­bi­ger, Franz Pät­zold, Marie-Lui­se Sto­ckin­ger und Flo­ri­an Teicht­meis­ter. Burg­thea­ter, Pre­mie­re: 18.9., 18 Uhr, Wei­te­re Vor­stel­lun­gen. 19.9., 26.10., 1.11., )