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news/APA/Freitag, 11.06.21, 10:16:33

Fins­ter­nis und Feder­kleid: „Mac­beth” an der Staatsoper

Die Augen gewöh­nen sich bekannt­lich rasch an die Dun­kel­heit. Und der Stern strahlt umso hel­ler am schwar­zen Fir­ma­ment. Bei Bar­rie Kos­kys Insze­nie­rung des „Mac­beth”, die am Don­ners­tag­abend an der Wie­ner Staats­oper Pre­mie­re fei­er­te, stim­men sol­che Volks­weis­hei­ten nur ein­ge­schränkt: Die alles beherr­schen­de Fins­ter­nis die­ser mono­chro­men Deu­tung der Ver­di-Oper schließt auch das Leuch­ten einer Anna Netreb­ko oder eines Luca Sal­si in die Schran­ken eines schma­len Lichtkegels.
APA/APA/WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Kos­ky, der sich als Opern­ma­cher nicht zuletzt als Fach­mann für Opu­lenz, Witz und Detail­reich­tum eta­bliert hat, setz­te für sei­nen „Mac­beth”, der 2016 tri­um­phal in Zürich her­aus­kam, auf Radi­kal­di­ät. Nichts als ein schwar­zer, ins Unend­li­che akzen­tu­ier­ter Gang und zwei Decken­leuch­ten, die Kam­mern aus Licht auf den Boden wer­fen. Gefäng­nis­se für die Mör­der, Schau­fens­ter für ihren Kampf mit dem Gewis­sen. Die zwei schlich­ten Stüh­le an der Büh­nen­ram­pe sind Schau­platz eines ehe­li­chen Kam­mer­spiels: Mac­beth und sei­ne Lady, schul­dig, ver­strickt, dem Wahn­sinn ver­spro­chen. Aus den Lei­chen drin­gen schwar­ze Federn, sie sind bedeckt mit toten Krähen.

Doch was als psy­cho­lo­gisch dich­ter Hor­ror­trip gebaut und mit herm­aphro­di­ti­schen Hexen sowie einem im Dun­kel lau­ern­den, ver­schlei­er­ten Chor packend aus­ge­stat­tet ist, löst sich in der Umset­zung nicht über den gan­zen Abend hin­weg ein und gerät immer wie­der unter Steh­thea­ter-Ver­dacht. Luca Sal­si und Anna Netreb­ko sind ein Traum­paar – und in die­sem gei­fern­den, häss­li­chen Alb­traum eigent­lich eine Fehl­be­set­zung. Netreb­ko, die denk­bar über­zeu­gends­te Sän­ge­rin in so gut wie jeder Sopran­rol­le, wirkt gehemmt und ein­ge­sperrt im schwe­ren, grau­en Kleid der bösen Köni­gin, selbst ihre Wun­der­stim­me wider­setzt sich vor allen in den tie­fe­ren Lagen dem gewohn­ten Samt.

Sal­sis Mac­beth ist vokal über­ra­gend, die alles ver­schlin­gen­de Echo­kam­mer sei­nes Irr­sinns kommt dabei aber nicht recht zum Klin­gen. Mit Fred­die De Tom­ma­so hat im sons­ti­gen Ensem­ble vor allem Macduff einen star­ken gesang­li­chen Auf­tritt und letzt­lich auch der Chor, als er sich end­lich offen revol­tie­rend aus dem Hin­ter­halt wagt – wo er die längs­te Zeit nicht nur zur Schat­ten­haf­tig­keit, son­dern auch zur Kaum­hör­bar­keit ver­ur­teilt war. Gru­se­lig, aber auch schade.

Die ursprüng­li­che Zür­cher Pro­duk­ti­on die­ses „Mac­beth” ent­stand gemein­sam mit Teo­dor Cur­r­ent­zis, einem hals­bre­che­ri­schen Erkun­der musi­ka­li­scher Abgrün­de. Wüst und unschön soll es da zuge­gan­gen sein im Orches­ter­gra­ben, Ver­di mit Stöh­nen und Schürf­wun­den. An der Staats­oper greift Musik­di­rek­tor Phil­ip­pe Jor­dan die viel­schich­ti­ge Par­ti­tur dage­gen mit dem plan­vol­len Anspruch an idea­le Mikro­kos­men an, kom­bi­niert Edel­klang und irr­lich­tern­de Stör­feu­er, melan­cho­li­sche Blä­ser­kan­ti­le­nen und don­nern­de Chor­wut zu einem prä­zis geschnit­te­nen und ver­näh­ten Mus­ter. Das macht Ein­druck, hat aber zu der grell­schwar­zen Ein­far­big­keit der Büh­nen­deu­tung wenig Eksta­ti­sches beizutragen.

Gefei­ert wur­den Orches­ter und Sän­ger natür­lich sehr wohl mit Eksta­se, ist doch das Wie­der­se­hen mit der Pri­ma­don­na nach dem lan­gen Kul­tur­lock­down für vie­le Fans ein glück­haf­ter Moment ganz für sich. Ob Bar­rie Kos­ky, der in den 15 Jah­ren seit sei­nem ver­un­glück­ten Staatsopern-„Lohengrin” über­all sonst gro­ßes Opern­ge­schick unter Beweis gestellt hat, sich mit die­sem „Mac­beth” das Wie­ner Publi­kum zurück­er­obert, bleibt abzu­war­ten. Ein Ver­trau­ens­vor­schuss für sei­ne in den kom­men­den Spiel­zei­ten anste­hen­de Da-Pon­te-Tri­lo­gie könn­te jeden­falls nicht schaden.

(S E R V I C E – „Mac­beth” von Giu­sep­pe Ver­di. Musi­ka­li­sche Lei­tung: Phil­ip­pe Jor­dan. Regie: Bar­rie Kos­ky. Büh­ne und Licht: Klaus Grün­berg. Mit Luca Sal­si, Anna Netreb­ko, Rober­to Taglia­vi­ni, Fred­die De Tom­ma­so, Car­los Osu­na. Wei­te­re Ter­mi­ne am 14., 17. und 21. Juni sowie am 24. und 28. Juni mit Piroz­zi statt Netrebko. )