news/APA/Dienstag, 21.07.20, 10:57:38

EU-Gip­fel einigt sich auf 1,8 Bil­lio­nen schwe­res Finanz­pa­ket

Die EU-Staats- und Regie­rungs­chefs haben sich Diens­tag­früh auf das 1,8 Bil­lio­nen Euro schwe­re Finanz­pa­ket aus dem Auf­bau­fonds „Next Genera­ti­on EU” und Bud­get von 2021 bis 2027 geei­nigt. Der schul­den­fi­nan­zier­te Auf­bau­fonds „Next Genera­ti­on EU” ist 750 Mil­li­ar­den Euro schwer. Das Volu­men der Zuschüs­se beträgt 390 Mrd. Euro (in Prei­sen von 2018). 360 Mrd. Euro sind als Kre­di­te vor­ge­se­hen.
APA/APA (AFP)/STEPHANIE LECOCQ

„Deal”, teil­te Rats­prä­si­dent Charles Michel Diens­tag­früh nach einem fünf­tä­gi­gen Ver­hand­lungs­ma­ra­thon auf Twit­ter mit. Das im Zuge der Coro­na­kri­se geschnür­te Finanz­pa­ket ist das größ­te in der Geschich­te der Euro­päi­schen Uni­on.

Mit dem Finanz­pa­ket will sich die EU gemein­sam gegen den his­to­ri­schen Wirt­schafts­ein­bruch stem­men und den EU-Bin­nen­markt zusam­men­hal­ten. Gleich­zei­tig soll in den Umbau in eine digi­ta­le­re und kli­ma­freund­li­che­re Wirt­schaft inves­tiert wer­den. Dafür wer­den erst­mals im gro­ßen Stil im Namen der EU Schul­den auf­ge­nom­men, das Geld umver­teilt und gemein­sam über Jahr­zehn­te getilgt.

Über das Ver­hält­nis von Volu­men und Kre­di­ten war lan­ge gestrit­ten wor­den. Die Grup­pe der „Spar­sa­men” bzw. der „Fru­ga­len” (Öster­reich, Nie­der­lan­de, Däne­mark, Schwe­den und Finn­land) setz­te eine Absen­kung der nicht rück­zahl­ba­ren Zuschüs­se durch, ursprüng­lich waren 500 Mil­li­ar­den Euro von der EU-Kom­mis­si­on, Deutsch­land und Frank­reich vor­ge­schla­gen wor­den.

Für den Auf­bau­fonds nimmt die EU ab nächs­tem Jahr gemein­sam Schul­den auf, die­se sol­len bis 2058 getilgt sein. Öster­reich muss für den Zeit­raum Haf­tun­gen in der Höhe von geschätz­ten 10,53 Mil­li­ar­den Euro über­neh­men. Größ­te Emp­fän­ger wer­den laut Diplo­ma­ten Ita­li­en, Spa­ni­en und Frank­reich sein, Öster­reich kann mit 3,7 Mil­li­ar­den Euro rech­nen.

Sei­nen Bud­ge­tra­batt konn­te Öster­reich unter­des­sen deut­lich erhö­hen. Er sieht für Öster­reich von 2021 bis 2027 eine jähr­li­che Pau­schal­sum­me in Höhe von 565 Mil­lio­nen Euro (in Prei­sen von 2020 und brut­to) vor. Der öster­rei­chi­sche Rabatt ver­vier­facht sich somit von 137 Mil­lio­nen Euro in der lau­fen­den Peri­ode.

Einig wur­den sich die Staats- und Regie­rungs­chefs auch in der hoch umstrit­te­nen Fra­ge, ob EU-Gel­der künf­tig bei Ver­stö­ßen gegen die Rechts­staat­lich­keit gekürzt wer­den kön­nen. Dazu ist ein Beschluss im Rat der Mit­glied­staa­ten mit soge­nann­ter qua­li­fi­zier­ter Mehr­heit nötig.

„Das ist ein guter Deal, das ist ein star­ker Deal, und vor allem ist dies der rich­ti­ge Deal für Euro­pa jetzt”, sag­te Michel. EU-Kom­mis­si­ons­chefin Ursu­la von der Ley­en erklär­te, Euro­pa habe immer noch den Mut und die Fan­ta­sie, groß zu den­ken. „Wir sind uns bewusst, dass dies ein his­to­ri­scher Moment in Euro­pa ist.” Ähn­lich äußer­te sich Frank­reichs Prä­si­dent Emma­nu­el Macron. Er wür­dig­te auf Twit­ter die Eini­gung als einen „his­to­ri­schen Tag für Euro­pa”.

Mer­kel zeig­te sich unter­des­sen erleich­tert über die Eini­gung. Es sei dar­um gegan­gen, Ent­schlos­sen­heit zu zei­gen. „Das war nicht ein­fach”, sag­te Mer­kel. Für sie zäh­le aber, „dass wir uns am Schluss zusam­men­ge­rauft haben”. Gleich­zei­tig sag­te sie „sehr schwie­ri­ge Dis­kus­sio­nen” mit dem Euro­pa­par­la­ment vor­aus.

Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz (ÖVP) begrüß­te das Ergeb­nis. „Ich bin mitt­ler­wei­le etwas müde, aber inhalt­lich sehr zufrie­den”, sag­te der Kanz­ler in den frü­hen Mor­gen­stun­den. „Wir haben ein gutes Ergeb­nis erreicht für die Euro­päi­sche Uni­on, und wir haben ein gutes Ergeb­nis erreicht für die Repu­blik Öster­reich.” Es sei gelun­gen, sich auf den Finanz­rah­men zu eini­gen und „eine adäqua­te Reak­ti­on auf die Coro­na­kri­se zustan­de­zu­brin­gen”. Durch den star­ken Zusam­men­halt der „fru­ga­len” Län­der sei es auch gelun­gen, vie­le inhalt­lich wich­ti­ge Punk­te durch­zu­set­zen.

Ent­täu­schung bekun­de­ten die bei­den füh­ren­den öster­rei­chi­schen Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten, Oth­mas Karas (ÖVP) und Andre­as Schie­der (SPÖ). „Von den Staats- und Regie­rungs­chefs habe ich mir mehr erhofft: Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen in For­schung, Bil­dung und Sicher­heit wer­den gekürzt, der Rechts­staat­lich­keits­me­cha­nis­mus ver­wäs­sert”, schrieb Karas auf Twit­ter.

Schie­der beklag­te, dass die Zuschüs­se im EU-Coro­na­fonds „zusam­men­ge­stri­chen” wor­den sei­en, weil sie doch „die öko­no­misch sinn­volls­te Waf­fe gegen die Wirt­schafts­kri­se” sei­en. „Für den Erhalt natio­na­ler Rabat­te muss­ten Abstri­che in zen­tra­len Zukunfts­be­rei­chen wie Kli­ma­schutz, Gesund­heits- und For­schungs­po­li­tik gemacht wer­den. Das reicht ein­fach nicht”, quit­tier­te der SPÖ-Poli­ti­ker das Ergeb­nis.

Finanz­mi­nis­ter Ger­not Blü­mel und Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Eli­sa­beth Kös­tin­ger (bei­de ÖVP) begrüß­ten die Finanz­ei­ni­gung wie­der­um und stri­chen die Rol­le von Kurz her­vor. „Der Bun­des­kanz­ler hat gezeigt, dass sorg­sa­mer Umgang mit Steu­er­geld, soli­da­ri­sche Hil­fe und die Stär­kung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit kei­ne Wie­der­sprü­che sind”, so Blü­mel. Kös­tin­ger zeig­te sich hoch erfreut über das Ergeb­nis im Land­wirt­schafts­be­reich. „Die­ser Ver­hand­lungs­er­folg von Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz ist ein Mei­len­stein in der öster­rei­chi­schen Agrar­po­li­tik”, teil­te sie mit. Auch Euro­pa­mi­nis­te­rin Karo­li­ne Edt­stad­ler (ÖVP) begrüß­te das Ergeb­nis und streu­te dem Kanz­ler Rosen. Es tra­ge „dank Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz eine star­ke öster­rei­chi­sche Hand­schrift und kann sich sehen las­sen”, so Edt­stad­ler.

SPÖ-Che­fin Pame­la Ren­di-Wag­ner bezeich­ne­te die Eini­gung als „über­fäl­li­gen Schritt”, übte zugleich aber Kri­tik an den Mit­tel­kür­zun­gen, ins­be­son­de­re bei den Pro­gram­men für Gesund­heit, For­schung und Kli­ma­schutz. Kri­tik kam auch von der FPÖ. Öster­reich wer­de näm­lich in den kom­men­den Jah­ren mehr Geld nach Brüs­sel zah­len müs­sen, teil­te Par­tei­chef Nor­bert Hofer mit. Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz (ÖVP) „wur­de über den Tisch gezo­gen”, der höhe­re Bud­ge­tra­batt sei eine „Mogel­pa­ckung”.

NEOS-Che­fin Bea­te Meinl-Rei­sin­ger stimm­te in den Tenor der öster­rei­chi­schen Oppo­si­ti­ons­par­tei­en ein: Beim Gip­fel sei „eine gro­ße Chan­ce ver­tan” wor­den, dass Euro­pa gestärkt aus der Kri­se her­vor­ge­he, beklag­te Meinl-Rei­sin­ger. Sie warf dem Bun­des­kanz­ler eine „Erpres­sungs­tak­tik” vor, außer­dem stieß sie sich am „pein­li­chen Geran­gel um Zah­len und Auf­merk­sam­keit der Staats- und Regie­rungs­chefs”.