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news/APA/Freitag, 05.08.22, 20:33:28

Erdo­gan und Putin beschlie­ßen enge­re Zusammenarbeit

Erdo­gan schien das Ram­pen­licht bei sei­nem Besuch in Russ­land nicht unan­ge­nehm. „Jetzt schaut die Welt wie­der auf Sot­schi”, sag­te er zu Beginn des Tref­fens mit Staats­chef Wla­di­mir Putin am Frei­tag. Stun­den spä­ter hieß es abends in einer gemein­sa­men Erklä­rung, man habe sich auf einen Aus­bau der Bezie­hun­gen etwa im Bereich Han­del, der Indus­trie und im Tou­ris­mus geei­nigt. Bei­de Sei­ten hät­ten auch ver­ein­bart, dass die Tür­kei rus­si­sches Gas künf­tig in Rubel zah­len wer­de, hieß es.
APA/APA/TURKISH PRE­SI­DEN­TI­AL PRESS SERVICE/MURAT KULA

Die Tür­kei – enger Part­ner Russ­lands und gleich­zei­tig NATO-Mit­glied – scheu­te auch dies­mal nicht die Nähe zu Mos­kau. Die Tür­kei und Russ­land pfle­gen eine Part­ner­schaft, die vor allem von stra­te­gi­schen Inter­es­sen geprägt ist. Daria Isa­chen­ko von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik nennt sie „ein sehr emp­find­li­ches Netz von Ver­bin­dun­gen”. Die Tür­kei ist von Getrei­de, Ener­gie und Tou­ris­ten aus Russ­land abhän­gig. 2020 stamm­ten fast 34 Pro­zent der tür­ki­schen Gas­im­por­te von dort. Über die Tür­kei ver­lau­fen rus­si­sche Gas­pipe­lines. Die Tür­kei betei­ligt sich zudem nicht an den west­li­chen Sank­tio­nen gegen Russ­land – was die Bedeu­tung des Lan­des etwa für rus­si­sche Fir­men steigert.

Der rus­si­sche Außen­po­li­ti­ker Ale­xej Pusch­kow etwa lob­te Erdo­gan dafür, dass die­ser „im Gegen­satz zu den Euro-Poli­ti­kern” die Inter­es­sen des eige­nen Lan­des ver­tre­te und sich nicht fürch­te, dazu auch ein­mal „dem kol­lek­ti­ven Wes­ten ent­ge­gen zu tre­ten.” Bei­de Län­der ste­hen zeit­gleich in Kon­flik­ten wie in Syri­en, Liby­en oder in Berg-Kara­bach auf unter­schied­li­chen Sei­ten, ohne direkt gegen­ein­an­der vorzugehen.

Auch des­halb dürf­te die Tür­kei auf grü­nes Licht zu einer wei­te­ren Syri­en-Offen­si­ve ange­wie­sen sein. Hüs­eyin Bag­ci, Vor­sit­zen­der des tür­ki­schen For­eign-Poli­cy-Insti­tuts, sag­te der dpa, Erdo­gan sei nach Russ­land gereist, weil er bis­her nicht das bekom­men habe, was er woll­te – näm­lich ein Ein­ver­ständ­nis für eine wei­te­re Offen­si­ve in Syri­en. Mit der droht der tür­ki­sche Prä­si­dent bereits seit meh­re­ren Wochen. Ohne die Zustim­mung Russ­lands – im syri­schen Bür­ger­krieg auf der Sei­te des Regimes – dürf­te Anka­ra die­sen Schritt jedoch nicht wagen. Nach dem Tref­fen deu­te­te zunächst nichts dar­auf hin, dass Russ­land sei­ne ableh­nen­de Hal­tung gegen­über dem Vor­ha­ben auf­ge­ge­ben hatte.

Die Tür­kei argu­men­tiert, die Offen­si­ve sei not­wen­dig, um gegen die Bedro­hung durch „Ter­ro­ris­ten” vor­zu­ge­hen. Beob­ach­ter hin­ge­gen ver­mu­ten wahl­stra­te­gi­sches Vor­ge­hen hin­ter einer erneu­ten Offen­si­ve. So auch der Ana­lyst Deniz Kaly­on­cu: „2023 wer­den Wah­len in der Tür­kei abge­hal­ten und die Umfra­gen sagen, dass Erdo­gan eine neue Geschich­te braucht, um die Men­schen zu berüh­ren. Das ist einer der Grün­de, war­um er den Syri­en-Ein­satz für so drin­gend hält.”

Putin lob­te sei­nen Gast vor Beginn der Gesprä­che für die tür­ki­schen Ver­mitt­lun­gen in der Getrei­de-Kri­se – und spiel­te dabei beson­ders auf die zusätz­lich ver­fass­te Absichts­er­klä­rung mit der UN ab, die den Export von rus­si­schen Lebens- und Dün­ge­mit­teln för­dern soll. Bei­de Sei­ten hät­ten den Deal zum ukrai­ni­schen Getrei­de-Export bekräf­tigt, hieß in der Eklä­rung am Abend.

Agrar­ex­por­te über die ukrai­ni­schen Schwarz­meer­hä­fen waren wegen des rus­si­schen Angriffs­krie­ges zuletzt mona­te­lang blo­ckiert gewe­sen. Die Kriegs­geg­ner Ukrai­ne und Russ­land hat­ten am 22. Juli unter UN-Ver­mitt­lung jeweils getrennt mit der Tür­kei ein Abkom­men unter­zeich­net, um von drei Häfen Getrei­de­aus­fuh­ren aus der Ukrai­ne zu ermöglichen.

Es ist das zwei­te per­sön­li­che Tref­fen der bei­den Staats­chefs inner­halb eines Monats. Ins­be­son­de­re in Putins Fall ist das bemer­kens­wert, führt der in der Welt zuneh­mend iso­lier­te Kreml­chef doch vie­le sei­ner Gesprä­che nur am Tele­fon oder per Videoschalte.

Anka­ra pflegt auch zu Kiew enge Bezie­hun­gen. Erdo­gan hat den Ein­marsch Russ­lands zwar scharf kri­ti­siert, aber immer auch betont, kei­nen der Part­ner auf­ge­ben zu wollen.

Des­halb hat­te beson­ders ein vor­aus­sicht­li­ches Gesprächs­the­ma Auf­merk­sam­keit erregt. Laut dem Kreml soll­te bei dem Tref­fen auch über mili­tär­tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit gespro­chen wer­den. Mos­kau hat­te kürz­lich Inter­es­se an der im Krieg auch von Kiew erfolg­reich ein­ge­setz­ten tür­ki­schen Kampf­droh­ne Bay­raktar TB2 gezeigt. Putin habe vor­ge­schla­gen, gemein­sam mit der Tür­kei an den Droh­nen des Unter­neh­mens Bay­kar zu arbei­ten, zitier­te der Sen­der CNN Türk Erdo­gan. Soll­te Russ­land die Droh­nen gemein­sam mit der Tür­kei ent­wi­ckeln, bekä­me Mos­kau damit auch Zugriff auf die Tech­nik eines Nato-Mit­glied­staa­tes. Ob das The­ma zur Spra­che kam, wur­de vor­erst nicht bekannt.

Erdo­gan hat­te bereits kurz nach Beginn des rus­si­schen Angriffs­krie­ges gesagt, er schlie­ße Waf­fen­ge­schäf­te mit Russ­land nicht aus. Der Vor­sit­zen­de von Bay­kar aller­dings, Hal­uk Bay­raktar, hat­te Mit­te Juli dem Sen­der CNN Inter­na­tio­nal gesagt, man habe Russ­land kei­ne Droh­nen gelie­fert und wer­de das „nie tun”. „Wir unter­stüt­zen die Ukraine.”

Waf­fen­ge­schäf­te mit Russ­land haben der Tür­kei bereits in der Ver­gan­gen­heit schar­fe Kri­tik ein­ge­bracht. 2017 etwa hat­te Anka­ra das rus­si­sche Rake­ten­ab­wehr­sys­tem S‑400 erwor­ben. Die USA hat­ten aus dem Grund unter dem dama­li­gen Prä­si­den­ten Donald Trump Sank­tio­nen ver­hängt. Die Tür­kei wur­de zudem von einem wich­ti­gen Rüs­tungs­vor­ha­ben ausgeschlossen.