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news/APA/Samstag, 17.10.20, 21:31:33

Ent­set­zen nach Ent­haup­tung eines Leh­rers bei Paris

Schock und tie­fes Ent­set­zen in Frank­reich: Wie­der hat ein Angrei­fer wegen Moham­med-Kari­ka­tu­ren auf bru­tals­te Wei­se zuge­schla­gen. Der Täter hat in einem Pari­ser Vor­ort einem Leh­rer auf­ge­lau­ert und ihn anschlie­ßend ent­haup­tet. Die Repu­blik sei vom isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus in ihrem Her­zen getrof­fen wor­den, erklär­te Pre­mier­mi­nis­ter Jean Castex. Es gab meh­re­re Fest­nah­men. Zahl­rei­che Men­schen gin­gen am Sams­tag im gan­zen Land aus Soli­da­ri­tät mit dem Getö­te­ten auf die Stra­ße.
APA/APA/AFP/BERTRAND GUAY

Bei dem mut­maß­li­chen Angrei­fer han­delt es sich laut Staats­an­walt Jean-Fran­çois Ricard um einen 2002 gebo­re­nen Mann rus­si­scher und tsche­tsche­ni­scher Her­kunft. Er sei als Flücht­ling nach Frank­reich gekom­men und habe seit die­sem Früh­jahr eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung. Dem Geheim­dienst sei der in Mos­kau gebo­re­ne Mann bis­her nicht auf­ge­fal­len. Die Poli­zei erschoss den Mann kurz nach der Tat.

Nach der Ermor­dung des Leh­rers Samu­el Paty hat­te der Angrei­fer noch ein Foto des Opfers im Netz ver­öf­fent­licht und rich­te­te eine Nach­richt an Frank­reichs Prä­si­dent Emma­nu­el Macron, den er als „Anfüh­rer der Ungläu­bi­gen” bezeich­ne­te. „Ich habe einen Ihrer Höl­len­hun­de hin­ge­rich­tet, der es wag­te, Moham­med her­ab­zu­set­zen.” Twit­ter teil­te mit, der Bei­trag sei rasch ent­fernt, der Account sei gesperrt wor­den.

Der Vor­fall hat­te sich am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag im Pari­ser Vor­ort Con­flans-Sain­te-Hono­ri­ne ereig­net. Dort töte­te der Angrei­fer den 47 Jah­re alten Leh­rer – sei­ne Lei­che wur­de ent­haup­tet mit zahl­rei­chen Wun­den an Ober­kör­per und Kopf auf­ge­fun­den. In der Nähe des Tat­orts fan­den die Ermitt­ler zudem ein rund 30 Zen­ti­me­ter lan­ges blut­ver­schmier­tes Mes­ser.

Staats­an­walt Ricard berich­te­te, dass der Täter auf der Stra­ße Schü­ler ange­spro­chen habe, damit sie ihm den Leh­rer zeig­ten, auf den er es abge­se­hen hat­te. Dem Angriff sei­en bereits Dro­hun­gen gegen den Leh­rer und die Schu­le vor­aus­ge­gan­gen. Der Leh­rer hat­te Anfang Okto­ber im Rah­men des Unter­richts das The­ma Mei­nungs­frei­heit auf­ge­grif­fen. Anlass war die erneu­te Ver­öf­fent­li­chung von Moham­med-Kari­ka­tu­ren sei­tens des Sati­re­ma­ga­zins „Char­lie Heb­do”. Der Leh­rer zeig­te im Unter­richt ent­spre­chen­de Kari­ka­tu­ren.

Dar­auf­hin ver­öf­fent­lich­te ein Vater Posts in sozia­len Netz­wer­ken, beschwer­te sich bei der Schul­lei­tung und mach­te gegen den Leh­rer mobil. Der Vater wur­de Medi­en zufol­ge von einem bekann­ten Isla­mis­ten in die Schu­le beglei­tet, der nun wie der Vater eben­falls in Poli­zei­ge­wahr­sam ist.

Erst vor weni­gen Wochen hat­te es vor dem ehe­ma­li­gen Redak­ti­ons­ge­bäu­de von „Char­lie Heb­do” in Paris eine Mes­ser­at­ta­cke gege­ben. Dabei wur­den zwei Men­schen ver­letzt – auch hier hat­te der Täter Moham­med-Kari­ka­tu­ren als Motiv ange­ge­ben. Auf die Redak­ti­on von „Char­lie Heb­do” hat­te es im Jän­ner 2015 einen ver­hee­ren­den Mord­an­schlag gege­ben, bei dem die wich­tigs­ten Zeich­ner des Blat­tes getö­tet wur­den. Aktu­ell läuft in Paris der Pro­zess gegen mut­maß­li­che Hel­fer der isla­mis­ti­schen Ter­ror­se­rie, bei der ins­ge­samt 17 Men­schen getö­tet wur­den. Die Redak­ti­on befin­det sich heu­te aus Sicher­heits­grün­den an einem gehei­men Ort.

Bil­dungs­mi­nis­ter Jean-Michel Blan­quer bezeich­ne­te die Tat als Angriff auf die Tren­nung zwi­schen Reli­gi­on und Kir­che. „Es gibt ein­deu­tig Fein­de der Repu­blik, sie sind gegen die Repu­blik und damit gegen die Schu­le, denn die Schu­le ist das Rück­grat der Repu­blik”, sag­te er. Frank­reich hat eine lan­ge lai­zis­ti­sche Tra­di­ti­on, Kir­che und Staat sind seit mehr als 100 Jah­ren getrennt. In der Ver­fas­sung für die fünf­te Repu­blik von 1958 ist zudem die Reli­gi­ons­frei­heit fest­ge­schrie­ben.

Prä­si­dent Macron hat­te bereits kurz nach der Tat von einem isla­mis­ti­schen Ter­ror­akt gespro­chen. Es sei kein Zufall, dass ein Ter­ro­rist aus­ge­rech­net einen Leh­rer ermor­det habe, weil er das Land in sei­nen Wer­ten habe angrei­fen wol­len, sag­te der sicht­lich getrof­fe­ne Staats­chef in der Nähe des Tat­orts. Eine natio­na­le Gedenk­ver­an­stal­tung sei geplant, hieß es aus dem Prä­si­di­al­amt.

Im Kampf gegen radi­ka­len Isla­mis­mus hat­te Macron zuletzt vor allem auf die Bil­dung als zen­tra­les Ele­ment gesetzt. Der Fern­un­ter­richt von Kin­dern, die zu Hau­se blei­ben, soll etwa vom kom­men­den Som­mer an strikt ein­ge­grenzt wer­den. Unter­richt sei vom Alter von drei Jah­ren an ver­pflich­tend. „Die Schu­le bil­det den frei­en Geist, auf­ge­klär­te Bür­ger – und genau das ist es, was die Isla­mis­ten, die von Dumm­heit, Unwis­sen­heit, Indok­tri­na­ti­on und Hass leben, nicht tole­rie­ren kön­nen”, sag­te die Bei­geord­ne­te Minis­te­rin im Innen­mi­nis­te­ri­um, Mar­lè­ne Schiap­pa dem Sen­der Fran­ce­info.

Auch inter­na­tio­nal gab es nach dem bru­ta­len Angriff gro­ße Anteil­nah­me. In Öster­reich ver­ur­teil­te Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz (ÖVP) auf Twit­ter „den bar­ba­ri­schen isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­griff” in Frank­reich „auf das Schärfs­te. Mein auf­rich­ti­ges Bei­leid gilt den Ange­hö­ri­gen des Opfers und unse­re vol­le Soli­da­ri­tät Frank­reich.” „Mei­ne Gedan­ken sind auch bei den Leh­rern, in Frank­reich und in ganz Euro­pa. Ohne sie gibt es kei­ne Bür­ger. Ohne sie gibt es kei­ne Demo­kra­tie”, schrieb EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en. Der deut­sche Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas beton­te: „Von Ter­ror, Extre­mis­mus und Gewalt dür­fen wir uns nie ein­schüch­tern las­sen.”

Der tsche­tsche­ni­sche Repu­blik­chef Ram­san Kady­row hat die Ent­haup­tung eines Leh­rers in Frank­reich ver­ur­teilt und zugleich jede Ver­ant­wor­tung sei­ner Lands­leu­te für die Tat zurück­ge­wie­sen. „Ich kann Ihnen ver­si­chern, dass die Tsche­tsche­nen damit nichts zu tun haben”, schrieb Kady­row am Sams­tag auf Tele­gram.

Frank­reich wird seit Jah­ren von isla­mis­ti­schen Anschlä­gen erschüt­tert – dabei star­ben mehr als 250 Men­schen. Daher ist die Ter­ror­ge­fahr fast stän­dig im Bewusst­sein der Men­schen. Die fran­zö­si­sche Regie­rung hat den Kampf gegen den Ter­ror zu einer Prio­ri­tät gemacht und warnt immer wie­der, dass die Gefahr von Ter­ror­an­grif­fen sehr hoch sei.