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news/APA/Dienstag, 16.02.21, 19:46:01

Deutsch­land ver­län­ger­te Ein­rei­se­ver­bot aus Tirol

Die stren­gen Regeln für Ein­rei­sen in Deutsch­land aus soge­nann­ten Virus­va­ri­an­ten­ge­bie­ten wie etwa Tirol sind bis 3. März ver­län­gert wor­den. Die Rege­lung war bis Mitt­woch befris­tet gewe­sen. Kri­tik kam von den Lan­des­haupt­män­nern Vor­arl­bergs und Tirols, Mar­kus Wall­ner und Gün­ther Plat­ter (bei­de ÖVP). Wall­ner bezeich­ne­te das Ver­hal­ten Bay­erns als „indis­ku­ta­bel”. Plat­ter erklär­te, er wol­le von Bay­ern kei­ne „Schi­ka­nen” mehr sehen.
APA/APA (dpa)/Matthias Balk

Deutsch­lands Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn hat­te am Mon­tag­abend eine ent­spre­chen­de Kabi­netts­vor­la­ge an die ande­ren Regie­rungs­mit­glie­der ver­schickt. Die Beschrän­kung von Ein­rei­sen nach Deutsch­land sei für wei­te­re 14 Tage „erfor­der­lich”, so Spahn. 

In der vom Bun­des­ka­bi­nett in Ber­lin beschlos­se­nen Vor­la­ge heißt es, die „deut­lich leich­te­re Über­trag­bar­keit” der mutier­ten Viren sei dabei eben­so zu berück­sich­ti­gen wie mög­li­che, noch nicht sicher beleg­te „Eigen­schafts­än­de­run­gen der Muta­tio­nen”. Sie betrifft Län­der, in denen sich mutier­te Vari­an­ten des Coro­na­vi­rus bereits stark ver­brei­tet haben. Die stren­gen Regeln betref­fen vor allem Län­der wie Groß­bri­tan­ni­en, Süd­afri­ka und Bra­si­li­en. Die Ver­ord­nung gilt aber auch für Por­tu­gal, Tsche­chi­en oder Tei­le von Öster­reich. Des­we­gen hat­te Deutsch­land am Wochen­en­de straf­fe Grenz­kon­trol­len zu den bei­den Nach­bar­län­dern angeordnet.

Die Regeln hat­ten zu War­nun­gen aus Wirt­schaft und Poli­tik geführt, dass Lie­fer­ket­ten nicht unter­bro­chen wer­den dürf­ten. „Ich hal­te Grenz­schlie­ßun­gen für kein adäqua­tes Mit­tel, eine Pan­de­mie zu bekämp­fen”, kri­ti­sier­te etwa Nord­rhein-West­fa­lens Minis­ter­prä­si­dent Armin Laschet. Mit den Kon­trol­len „zeigt die deut­sche Regie­rung, dass sie aus den anfäng­li­chen Feh­lern unko­or­di­nier­ter Grenz­schlie­ßun­gen aus dem Früh­jahr 2020 lei­der nicht gelernt hat”, erklär­te die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Arbeit­ge­ber­ver­bän­de (BDA) mit. Der deut­sche Ein­zel­han­dels­ver­band HDE spürt die Grenz­kon­trol­len zu Tsche­chi­en und Tirol noch nicht. Wirt­schafts­mi­nis­ter Peter Alt­mai­er beton­te, Ziel sei es, dass die Lie­fer­ket­ten nicht gestört werden.

Kri­tik kam am Diens­tag von Vor­arl­bergs Lan­des­haupt­mann Mar­kus Wall­ner (ÖVP). Er fin­det das Ver­hal­ten Bay­erns rund um die seit Sonn­tag gel­ten­den strik­ten Kon­trol­len an den Gren­zen zu Tirol „indis­ku­ta­bel”. Die mas­si­ven Ein­schrän­kun­gen im Berufs­ver­kehr müss­ten sofort been­det wer­den, sag­te er bei der Pres­se­kon­fe­renz nach der Vor­arl­ber­ger Regie­rungs­sit­zung am Diens­tag. Er appel­lie­re an die Ver­ant­wort­li­chen in Bay­ern, sich zurück­zu­neh­men – „auch in der Ton­la­ge, unter Nach­barn redet man anders.”

Tirols Lan­des­haupt­mann Gün­ther Plat­ter (ÖVP) erklär­te am Abend, er erwar­te sich vom „Nach­barn Bay­ern eine ver­hält­nis­mä­ßi­ge Vor­gangs­wei­se anstatt dis­kri­mi­nie­ren­der Schi­ka­nen” für Arbeit­neh­mer in Bay­ern und Tirol. Dass die Grenz­schlie­ßun­gen nicht mit EU-Grund­sät­zen ver­ein­bar sei­en, zei­ge auch der Pro­test der EU-Kom­mis­si­on. Brüs­sel hat­te am Mon­tag sei­nen Pro­test gegen die Maß­nah­men Deutsch­lands bekräf­tigt. Man habe sich erst kürz­lich auf gemein­sa­me Emp­feh­lun­gen für das Rei­sen in Coro­na­zei­ten geei­nigt und erwar­te, dass alle Län­der danach han­del­ten, beton­te ein Spre­cher der EU-Kommission.

Plat­ter bekräf­tig­te, dass Tirol „hart gegen die Pan­de­mie und alle Virus­va­ri­an­ten” vor­ge­he. Tirol wer­de die gesetz­ten Maß­nah­men – die von Simu­la­ti­ons­for­scher Niki Pop­per gar als „Erfolgs­ge­schich­te” bezeich­net wur­den – „ent­schlos­sen” wei­ter­hin umsetzen.

Spahn argu­men­tier­te, dass die Infek­ti­ons­zah­len in Deutsch­land leicht rück­läu­fig sei­en. Aller­dings dürf­ten „die hart errun­ge­nen Fort­schrit­te der letz­ten Wochen” nicht durch „eine unge­brems­te Aus­brei­tung der Virus­va­ri­an­ten in Deutsch­land gefähr­det wer­den”. Des­we­gen sei eine „Limi­tie­rung des Ein­trags durch Rei­se­be­we­gun­gen aus Virus­va­ri­an­ten­ge­bie­ten gebo­ten”. Laut Robert Koch-Insti­tut (RKI) lag die Sie­ben-Tage-Inzi­denz in Deutsch­land bei 58,7. In Öster­reich stieg die­ser Wert auf 112,9, somit infi­zier­ten sich seit der Vor­wo­che bei­na­he 113 Men­schen pro 100.000 Einwohner.

Laut EU-Gesund­heits­be­hör­de ECDC ist die süd­afri­ka­ni­sche Muta­ti­on pri­mär in Öster­reich ver­brei­tet. Laut dem Bericht der ECDC wur­de bis 11. Febru­ar die süd­afri­ka­ni­sche Muta­ti­on B.1.251 in 40 Län­dern welt­weit nach­ge­wie­sen, ins­ge­samt gab es unge­fähr 1.400 Fäl­le. Auf den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum ent­fie­len rund 350 Fäl­le. Der Groß­teil davon fand sich in Öster­reich bzw. in Tirol – 295 bestä­tig­te Fäl­le bis ver­gan­ge­nen Don­ners­tag. Somit machen die bestä­tig­ten Muta­ti­ons­fäl­le in Öster­reich 21 Pro­zent aller welt­wei­ten Fäl­le und 84 Pro­zent aller nach­ge­wie­se­nen Muta­tio­nen in der EU aus. Ins­ge­samt wur­den 318 Fäl­le nachgewiesen.

For­mal hand­le es sich bei der deut­schen Ver­ord­nung um ein Beför­de­rungs­ver­bot, das zum Bei­spiel Flug­li­ni­en ver­bie­tet, Pas­sa­gie­re aus den Risi­ko­ge­bie­ten nach Deutsch­land zu flie­gen. Aus­nah­men gel­ten der­zeit nur für deut­sche Staats­bür­ger, Per­so­nen mit Auf­ent­halts­recht und Tran­sit­pas­sa­gie­re, die in Deutsch­land nur umstei­gen. Sach­sen und Bay­ern wol­len zudem streng begrenzt auch Berufs­pend­ler aus Tsche­chi­en und Öster­reich pas­sie­ren las­sen. Bis­her gel­ten Aus­nah­men für medi­zi­ni­sches Per­so­nal, für Lkw-Fah­rer und land­wirt­schaft­li­che Sai­son­kräf­te sowie für bestimm­te Berufs­pend­ler, wenn sie gebraucht wer­den, um den Betrieb in sys­tem­re­le­van­ten Bran­chen auf­recht zu erhal­ten. Öster­reich for­dert eine genau Defi­ni­ti­on, wer dar­un­ter fällt.

Innen­mi­nis­ter Karl Neham­mer (ÖVP) lob­te unter­des­sen die am Mon­tag bekannt gewor­de­nen Erleich­te­run­gen für das Deut­sche Eck. Die Aus­nah­men vom Ein­rei­se­ver­bot für das soge­nann­te klei­ne Deut­sche Eck (Mel­leck-Stein­pass – Wal­ser­berg) und gro­ße Deut­sche Eck (Kie­fers­fel­den – Wal­ser­berg) für Per­so­nen, die im Güter- und Waren­ver­kehr tätig sind, Berufs­pend­ler, Schü­ler, Stu­den­ten und Aus­zu­bil­den­de sei ein „wich­ti­ger und abso­lut not­wen­di­ger Schritt hin zu einer prak­ti­ka­blen Lösung”. Er habe die Dring­lich­keit auch mit sei­nem deut­schen Innen­mi­nis­ter Horst See­hofer bespro­chen, sag­te Neham­mer: „Ziel muss es sein, Cha­os zu ver­mei­den, und Ver­sor­gungs­si­cher­heit zu gewährleisten.”