news/APA/Mittwoch, 24.06.20, 08:26:24

Busi­ness: Ex-Wire­card-Chef Mar­kus Braun kommt auf Kau­ti­on frei

Nach einer Nacht im Gefäng­nis kommt der im Mil­li­ar­den­skan­dal um den DAX-Kon­zern Wire­card unter Ver­dacht gera­te­ne Ex-Vor­stands­chef Mar­kus Braun auf frei­en Fuß. Gegen Zah­lung von fünf Mil­lio­nen Euro Kau­ti­on und einer wöchent­li­chen Mel­de­pflicht bei der Poli­zei hat das Amts­ge­richt Mün­chen den Haft­be­fehl außer Voll­zug gesetzt. Das teil­te die Staats­an­walt­schaft Mün­chen am Diens­tag mit.
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Braun war am Vor­abend in Mün­chen fest­ge­nom­men wor­den. Der öster­rei­chi­sche Mana­ger war frei­wil­lig aus dem hei­mi­schen Wien ange­reist – mut­maß­lich weil er erfah­ren hat­te, dass ihn die Staats­an­walt­schaft per Haft­be­fehl such­te. Die Ermitt­ler wer­fen Braun vor, die Bilanz­sum­me und die Umsät­ze sei­nes Unter­neh­mens durch vor­ge­täusch­te Ein­nah­men auf­ge­bläht zu haben. „Er hat im ers­ten Gespräch sei­ne Mit­ar­beit zuge­sagt”, sag­te die Spre­che­rin der Ermitt­lungs­be­hör­de, Anne Lei­ding. Offen ist bis­her, ob sich Braun selbst zu den Vor­wür­fen inhalt­lich geäu­ßert hat. Die Wire­card-Akti­en, die seit ver­gan­ge­nem Mitt­woch an der Frank­fur­ter Bör­se über 10 Mil­li­ar­den Euro Wert ver­lo­ren haben, leg­ten am Diens­tag wie­der etwas zu.

Im Bun­des­tag gerät unter­des­sen die Finanz­auf­sicht BaFin immer stär­ker unter Beschuss: „Wenn schon der BaFin-Prä­si­dent von einem Skan­dal spricht, dann muss dies auch Kon­se­quen­zen für sei­ne Behör­de nach sich zie­hen”, sag­te die Finanz­aus­schuss-Vor­sit­zen­de Kat­ja Hes­sel (FDP) der Fun­ke-Medi­en­grup­pe. Der Aus­schuss soll sich in der letz­ten Sit­zung vor der Som­mer­pau­se mit dem Skan­dal befas­sen. Die Lin­ke ging noch wei­ter: „Auch per­so­nel­le Kon­se­quen­zen an der Spit­ze der BaFin sind zu prü­fen”, sag­te Frak­ti­ons­vi­ze Fabio de Masi.

Brauns Fest­nah­me und die anste­hen­de Frei­las­sung sind neu­er­li­che Wen­dun­gen in dem dra­ma­ti­schen Kri­mi­nal­fall um mut­maß­li­che Luft­bu­chun­gen in Höhe von 1,9 Mil­li­ar­den Euro. Vor­ge­wor­fen wer­den Braun der­zeit „unrich­ti­ge Anga­ben” in den Wire­card-Bilan­zen und Markt­ma­ni­pu­la­ti­on, doch kom­men auch ande­re Straf­ta­ten in Betracht – etwa gewerbs­mä­ßi­ger Betrug. „Wir füh­ren unse­re Ermitt­lun­gen ergeb­nis­of­fen”, sag­te Lei­ding dazu.

In dem Skan­dal könn­te noch zumin­dest eine wei­te­re Fest­nah­me dro­hen. Auf die Fra­ge, ob Ex-Wire­card-Vor­stand Jan Mar­sa­lek nun eben­falls per Haft­be­fehl gesucht wer­de, sag­te Ober­staats­an­wäl­tin Lei­ding: „Das kann ich weder bestä­ti­gen noch demen­tie­ren.” Die Fra­ge, ob Mar­sa­lek sich auf der Flucht befin­de, beant­wor­te­ten die Ermitt­ler nicht. Mar­sa­lek galt bei Wire­card als Brauns rech­te Hand, war für das Tages­ge­schäft ver­ant­wort­lich und ist inzwi­schen gefeu­ert wor­den.

Die Münch­ner Staats­an­walt­schaft ermit­telt bereits seit Wochen gegen Braun und Mar­sa­lek, aller­dings ursprüng­lich ledig­lich wegen des Ver­dachts, Anle­ger in zwei Ad-hoc-Mit­tei­lun­gen falsch infor­miert zu haben. Auch zwei wei­te­re Wire­card-Vor­stän­de sind zumin­dest in die­ser Hin­sicht unter Ver­dacht.

Den Vor­wurf sys­te­ma­ti­scher Bilanz­ma­ni­pu­la­ti­on bei Wire­card hat­te vor über einem Jahr zuerst die Lon­do­ner „Finan­cial Times” erho­ben. Braun hat­te dies über Mona­te eisern demen­tiert und der bri­ti­schen Zei­tung sei­ner­seits halt­lo­se Unter­stel­lun­gen vor­ge­wor­fen. Im Zen­trum des Skan­dals ste­hen der frü­he­re Wire­card-Finanz­chef in Süd­ost­asi­en und ein ehe­ma­li­ger Treu­hän­der, der das mut­maß­lich zum Groß­teil gar nicht exis­tie­ren­de Geschäft mit Dritt­fir­men betreu­te.

Wire­card wickelt als Dienst­leis­ter elek­tro­ni­sche und bar­geld­lo­se Zah­lun­gen an Laden­kas­sen und im Inter­net ab, über das Unter­neh­men lau­fen die Zah­lungs­strö­me zwi­schen Kre­dit- und EC-Kar­ten­fir­men auf der einen und den ange­schlos­se­nen Händ­lern auf der ande­ren Sei­te.

Im Mitt­le­ren Osten und in Süd­ost­asi­en betrieb Wire­card die­ses Geschäft jedoch zum gro­ßen Teil nicht selbst, son­dern hat­te Dritt­fir­men damit beauf­tragt – so jeden­falls die offi­zi­el­le Dar­stel­lung bis vor weni­gen Tagen. Die­ses Dritt­part­ner­ge­schäft mach­te einen erheb­li­chen Teil der bilan­zier­ten Gewin­ne aus und lief über die Treu­hand­kon­ten, auf denen die 1,9 Mil­li­ar­den Euro ver­bucht waren.

Doch nach der­zei­ti­gem Stand sieht es so aus, als ob es sich um frei erfun­de­ne Schein­ge­schäf­te han­del­te. Nach Ein­schät­zung der Münch­ner Ermitt­ler gerie­ten kei­nes­wegs nur Wire­card-Mit­ar­bei­ter in Süd­ost­asi­en auf Abwe­ge, son­dern auch Mit­tä­ter in der Unter­neh­mens­zen­tra­le im Münch­ner Vor­ort Asch­heim – ein­schließ­lich Braun. „Wir gehen davon aus, dass es einen hin­rei­chen­den Tat­ver­dacht gibt”, sag­te Lei­ding dazu.

Auf die Staats­an­walt­schaft kom­men jeden­falls lang­wie­ri­ge Ermitt­lun­gen zu. Wesent­li­che Vor­gän­ge spiel­ten sich in Sin­ga­pur und auf den Phil­ip­pi­nen ab, dort hat die deut­sche Jus­tiz weder Zugriff auf Ver­däch­ti­ge noch auf Zeu­gen oder Akten. Des­we­gen prüft die Staats­an­walt­schaft Rechts­hil­fe­er­su­chen.

Die Anzei­chen deu­ten jeden­falls dar­auf hin, dass der kom­mis­sa­ri­sche Wire­card-Chef James Freis auf­räu­men will. Seit Freis am ver­gan­ge­nen Frei­tag beru­fen wur­de, hat das Unter­neh­men die mut­maß­li­che Nicht­exis­tenz der 1,9 Mil­li­ar­den offen ein­ge­räumt und Mar­sa­lek gefeu­ert, der weni­ge Tage vor­her noch unter Brauns Regie ledig­lich sus­pen­diert wor­den war.

Der US-Mana­ger Freis ist vom Fach: Er lei­te­te von 2007 bis 2012 im Washing­to­ner Finanz­mi­nis­te­ri­um die Ein­heit zur Bekämp­fung der Finanz­kri­mi­na­li­tät. Ob der neue Wire­card-Chef auch bei den Ermitt­lun­gen gegen Braun mit kon­kre­ten Hin­wei­sen behilf­lich war, ließ Lei­ding offen: „Ich kann natür­lich ins­be­son­de­re in die­sem Ver­fah­rens­sta­di­um noch nichts so genau zu unse­ren Ermitt­lungs­maß­nah­men sagen.”