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news/APA/Dienstag, 04.05.21, 14:34:48

Bun­des­re­gie­rung star­tet Nach­denk­pro­zess zu Standortstrategie

Öster­reich soll 2040 einer der Top-10-Wirt­schafts­stand­or­te welt­weit sein. Dazu will die Bun­des­re­gie­rung wie im Regie­rungs­pro­gramm vor­ge­se­hen eine Stand­ort­stra­te­gie ent­wi­ckeln, die sich um sie­ben Kern­the­men grup­piert. Heu­te Diens­tag gaben Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz (ÖVP), Vize­kanz­ler Wer­ner Kog­ler (Grü­ne) und Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Mar­ga­re­te Schram­böck (ÖVP) den Start­schuss für die Stra­te­gie­ent­wick­lung. Ers­te Zwi­schen­er­geb­nis­se soll es im Herbst beim Forum Alp­bach geben.
APA/APA/dpa/Uwe Zuc­chi

Die sie­ben Kern­the­men für die Stand­ort­stra­te­gie sind die Digi­ta­li­sie­rung der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on, Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft in ein­zel­nen Indus­trie­be­rei­chen, der Aus­bau von digi­ta­len und Ser­vice-Geschäfts­mo­del­len, die Ener­gie- und Mobi­li­täts­wen­de, Green Tech & Green Mate­ri­als, Life Sci­ence & Bio­tech sowie „Lebens­qua­li­tät, Krea­ti­vi­tät und Kunst”.

Ab heu­te lau­fe ein umfas­sen­der Pro­zess, bei dem alle Minis­te­ri­en, Ver­tre­ter von Wirt­schaft, Wis­sen­schaft, Sozi­al­part­nern und der Zivil­ge­sell­schaft ein­ge­bun­den wer­den, kün­dig­te Bun­des­kanz­ler Kurz an. Ziel sei es, Öster­reich „im glo­ba­len Wett­be­werb best­mög­lich zu posi­tio­nie­ren”. Kurz­fris­tig gehe es dar­um, in Öster­reich arbeits­los gewor­de­ne Men­schen wie­der in Beschäf­ti­gung zu brin­gen, vor allem mit nach­hal­ti­gen Arbeits­plät­zen. Dafür müs­se Öster­reich defi­nie­ren, wel­che Sek­to­ren der Wirt­schaft aus­ge­baut oder neue erschlos­sen werden.

Für Vize­kanz­ler Kog­ler ist der Wett­be­werb der Zukunft „jener um die grüns­ten Pro­duk­te und die nach­hal­tigs­ten Pro­duk­ti­ons­wei­sen”. Man müs­se die wegen dem Kli­ma­wan­del not­wen­di­ge Trans­for­ma­ti­on als Chan­ce sehen und abklä­ren, in wel­chen Berei­chen Euro­pa an Chi­na oder den USA vor­bei­zie­hen kön­ne. „Wer vor­an ist, wird die Vor­tei­le neh­men. Wer hin­ten dran ist, hat die Kos­ten”, so Kog­ler. Statt der gro­ßen Depres­si­on sei nun die gro­ße Trans­for­ma­ti­on nötig – mit dem Ziel der Kli­ma­neu­tra­li­tät in Öster­reich und in Euro­pa vor Augen.

Die für das Pro­jekt ver­ant­wort­li­che Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Schram­böck will „Öster­reich vom Hid­den Cham­pion in die Cham­pions League füh­ren”. Am Wirt­schafts­stand­ort Öster­reich gebe es „noch eini­ges an unge­nütz­tem Poten­zi­al”, es gel­te die Stär­ken zu ent­wi­ckeln. Es sei mög­lich, die Digi­ta­li­sie­rung vor­an­zu­trei­ben und gleich­zei­tig Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­schutz in den Vor­der­grund zu stel­len. Als bei­spiel­haf­te öster­rei­chi­sche Fir­men nann­te die Minis­te­rin in die­sem Zusam­men­hang den Tiro­ler Speck-Spe­zia­lis­ten Handl und die nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Schie­bel Elektronik.

Handl sein kein ein­fa­cher Fleisch­hau­er mehr, son­dern inno­va­tiv und digi­tal unter­wegs, „das digi­tals­te Speck­werk der Welt steht in Tirol”, sag­te Schram­böck. Die für Droh­nen bekann­te Schie­bel wie­der­um habe mit Mikro­schal­tern für Wasch­ma­schi­nen begon­nen und kön­ne nun mit pas­sen­den Sen­so­ren die Abga­se von Schif­fen messen.

Bei den sie­ben Schwer­punk­ten gehe es unter ande­rem dar­um „in smar­ten klei­nen Ein­hei­ten wie­der mehr in Öster­reich zu pro­du­zie­ren”, denn „es macht nur wenig Sinn sehr weit weg alles zu pro­du­zie­ren und über die Mee­re zu schip­pern, CO2-belas­tend”, wo doch die neu­en Tech­no­lo­gien hier zur Ver­fü­gung stünden.

Öster­reich habe welt­weit füh­ren­de Nischen­play­er, hier wer­de man sich auf die Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft kon­zen­trie­ren. Bei­spiels­wei­se sei Öster­reich beim 3D-Druck füh­rend unter den vier Top-Län­dern welt­weit. Bei „Green Mate­ri­als” sei Öster­reich eben­falls sehr weit vor­ne, viel Arbeit gebe es in die­sem Zusam­men­hang in der Auto-Zulie­fer­indus­trie. Der Schwer­punkt Life-Sci­ence bedeu­te, die vor­han­de­ne Exper­ti­se zu nut­zen, um etwa im Gesund­heits­be­reich wie­der Pro­duk­ti­on nach Öster­reich zu holen. Aber Öster­reich „ist das Land der Hoch­kul­tur”, die ein wich­ti­ger Wirt­schafts­fak­tor sei, daher der sie­ben­te Schwer­punkt „Lebens­qua­li­tät, Krea­ti­vi­tät und Kunst”. Es kön­ne kei­ne Wirt­schafts­stra­te­gie geben, wo sich Öster­reich nicht „als Gast­ge­ber prä­sen­tiert mit unse­rer Kul­tur und unse­rer Kunst”.

Die Oppo­si­ti­on wirft der Regie­rung geschlos­sen vor, ledig­lich Ankün­di­gungs­po­li­tik zu betrei­ben. Für SPÖ-Wirt­schafts­spre­cher Chris­toph Matz­net­ter gab es heu­te nur „die nächs­te der unzäh­li­gen inhalts­lo­sen Ankün­di­gungs­pres­se­kon­fe­ren­zen der öster­rei­chi­schen Bun­des­re­gie­rung”. FPÖ-Wirt­schafts­spre­cher Erwin Ange­rer schreibt in einer Aus­sendung, „das war heu­te wie­der ein­mal eine die­ser unzäh­li­gen Ankün­di­gungs­pres­se­kon­fe­ren­zen von ÖVP und Grü­nen mit wenig Inhalt und noch weni­ger Infor­ma­ti­ons­ge­halt. Über­dies müss­te – wegen der Coro­na-Kri­se – zumin­dest schon in gro­ben Zügen eine Stand­ort­stra­te­gie exis­tie­ren.” Und auch NEOS-Wirt­schafts­spre­cher Sepp Schell­horn ver­merkt, dass Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Schram­böck bereits im Jän­ner „vie­le wohl­klin­gen­de Ankün­di­gun­gen gemacht” habe. „Heu­te sind die­se um sie­ben Über­schrif­ten rei­cher. Wich­tig wäre aber, dass die Bun­des­re­gie­rung end­lich ins Tun kommt und sich nicht mona­te­lang in Arbeits­grup­pen und Sitz­krei­sen ver­kriecht, um zu simu­lie­ren, sie wür­de über den Som­mer ihre Haus­auf­ga­ben brav erledigen”.

Posi­ti­ve Reak­tio­nen kamen von den Ver­tre­tun­gen von Wirt­schaft und Indus­trie. Der Start­schuss für die Stand­ort­stra­te­gie 2040 sei „ein not­wen­di­ges Zei­chen”, schreibt WKÖ-Prä­si­dent Harald Mah­rer. WKÖ-Gene­ral­se­kre­tär Karl­heinz Kopf for­der­te umge­hend eine Ent­las­tung von Betrie­ben und Mit­ar­bei­tern, die Ver­bes­se­rung der Eigen­ka­pi­tal­struk­tur sowie geziel­te Anrei­ze für die Stär­kung von Digi­ta­li­sie­rung und Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen, für die Absi­che­rung des hei­mi­schen Fach­kräf­te­be­darfs und des Güter- und Dienstleistungsexports.

IV-Chef Georg Knill lobt, dass die rich­ti­gen Kern­the­men adres­siert wor­den sei­en. Man müs­se den Blick mit­tel- bis lang­fris­tig nach vor­ne rich­ten. Dass Öster­reich bis 2040 zu den Top-10-Wirt­schafts­stand­or­ten auf der Welt zäh­len soll, sei ein ambi­tio­nier­tes Ziel, das von der Indus­trie „voll und ganz mit­ge­tra­gen wird”.