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news/APA/Samstag, 06.08.22, 10:52:09

Bay­reuth: Buh­kon­zert für öster­rei­chi­schen Regis­seur Schwarz

Es müs­sen har­te Minu­ten gewe­sen sein für Valen­tin Schwarz und sein Team. Nach­dem am Frei­tag der letz­te Ton der „Göt­ter­däm­me­rung”, dem letz­ten Teil von Wag­ners „Ring des Nibe­lun­gen”, im Fest­spiel­haus von Bay­reuth ver­klun­gen war, setz­te es ein bei­spiel­lo­ses Buh­kon­zert für den öster­rei­chi­schen Jung­re­gis­seur. Der 33-Jäh­ri­ge hat­te seit Sonn­tag gleich­sam eine Neu­deu­tung der vier Opern ent­wor­fen – und bei allen Schwä­chen damit den ers­ten ech­ten „Ring” des 21. Jahr­hun­derts vorgelegt.
APA/APA/Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Zuletzt war in Bay­reuth der „Ring” von Frank Cas­torf zu sehen, ein viel zu spät im Lebens­lauf des Regis­seurs ange­sie­del­tes Spät­werk über den Fall des Kom­mu­nis­mus und den Ver­fall des Kapi­ta­lis­mus, wäh­rend davor Tank­red Dorst pri­mär den mys­ti­schen Aspekt der Tetra­lo­gie beleuch­tet. Schwarz hin­ge­gen bricht den mythi­schen Macht­kampf zwi­schen Göt­tern, Zwer­gen und Men­schen her­un­ter auf eine zutiefst mensch­li­che Fami­li­en­sa­ga im Sti­le gro­ßer Strea­ming­se­ri­en. Dra­chen, Bären, Tarn­kap­pen oder welt­mäch­ti­ge Rin­ge haben bei ihm kei­nen Platz.

Statt­des­sen lenkt die Insze­nie­rung des 16-stün­di­gen Mam­mut­werks im Bin­ge­watching­mo­dus den Blick auf supra­ge­nera­tio­na­le Geschich­ten und folgt hier­bei dem brei­ten Erzähl­ges­tus der Strea­ming­an­bie­ter. Schwarz bedient die­se neue Erzähl­wei­se, die gleich­sam an die Tra­di­ti­on der gro­ßen Gesell­schafts­ro­ma­ne des 19. Jahr­hun­derts anknüpft. Und die­sen Weg geht der aus Alt­müns­ter stam­men­de Thea­ter­ma­cher radi­kal. Er setzt sich auch über Gren­zen des Libret­tos hin­weg, führt Figu­ren und Gescheh­nis­se ein, die der alte Wag­ner so nicht vor­ge­se­hen hatte.

Das gro­ße Ver­dienst die­ses Ansat­zes ist, dass der neue Bay­reu­ther „Ring” jenen Cha­rak­te­ren des Werks eine eige­ne Geschich­te gibt, die sonst unter­be­lich­tet blei­ben. Wer hät­te sich nicht stets gefragt, was für eine Gene­se Erz­bö­se­wicht Hagen hat, der mit einem Male in der „Göt­ter­däm­me­rung” auf­taucht? Wer hät­te sich nicht über den kur­zen, aber bedeu­ten­den Auf­tritt von Göt­tin Freia gewun­dert, die im „Rhein­gold” letzt­lich sang- und klang­los verschwindet?

In der „Göt­ter­däm­me­rung” sind es nun etwa die Gibichun­gen Gun­ther (ein her­vor­ra­gen­der Micha­el Kup­fer-Rade­cky) und Schwes­ter Gutru­ne (Eli­sa­beth Tei­ge), zwei sonst blas­se Figu­ren, die nun Tie­fe bekom­men. Bei Schwarz sind sie neu­rei­che Erben der eins­ti­gen Göt­ter, Socie­ty­f­atz­kes im Trash-TV-Stil anstel­le des dege­ne­rier­ten Alta­dels. Hagen als Halb­bru­der die­ses sprich­wört­li­chen Nat­ter­ge­züchts ist in Per­son des spä­ter umju­bel­ten Albert Doh­men indes ein pro­le­ten­haf­ter, ehr­li­cher Michel, der wenig Wert auf Äuße­res legt und sei­ne Rache unbe­irrt ver­folgt. Vie­le Sequen­zen sind gut durch­dacht und funk­tio­nie­ren dann, wenn Sän­ger­schau­spie­ler ihre Rol­len auch spie­len kön­nen. Das ist über den Ver­lauf der Tre­t­ra­lo­gie aber nicht immer der Fall.

Der Nach­teil des fami­li­en­chro­ni­ka­len Ansat­zes ist eine ein­di­men­sio­na­le Les­art, die vie­le der phi­lo­so­phi­schen Aspek­te und mytho­lo­gi­schen Schich­ten des Werk schlicht igno­riert. Auch erschaf­fen Schwarz und Büh­nen­bild­ner Andrea Coz­zi bei aller nar­ra­ti­ven Strin­genz visu­ell eine etwas inkon­gru­en­te Welt. Zeigt sich das „Rhein­gold” dyna­misch mit schnel­len Sze­nen wech­selnd, fal­len „Wal­kü­re” und „Sieg­fried” im Ver­gleich eher sta­tisch aus. Die „Göt­ter­däm­me­rung” indes ist der ers­te der vier Tei­le, der auch dezi­diert star­ke Bil­der schafft, wenn etwa die Gibichun­gen-Man­nen schwarz­ge­wan­det mit roten Mas­ken im Nebel auf Hagens Rufe zum ver­meint­li­chen Krieg schrei­ten oder Hagen inmit­ten eines wei­ßen Rau­mes auf sei­nen Vater Albe­rich und einen Sand­sack trifft.

Ambi­va­lent zeig­te sich heu­er auch die Sän­ger­aus­wahl in Bay­reuth. Zur Frak­ti­on der siche­ren Bank gehör­ten etwa Klaus Flo­ri­an Vogt als Sieg­mund in der „Wal­kü­re” mit bekannt lyrisch-leich­tem, wort­deut­li­chem Tenor, Georg Zep­pen­feld mit beweg­li­chem Bass als Hun­ding oder ein in der Titel­par­tie des „Sieg­fried” gefei­er­ter Nie­der­ös­ter­rei­cher Andre­as Schager, der als tes­to­ste­ron­ge­la­de­ner Held die gesam­te Oper durch­power­te. Auf der Gegen­sei­te führt Iré­ne Theo­rin die Trup­pe an, die nach einer schwä­che­ren „Wal­kü­re” in der „Göt­ter­däm­me­rung” letzt­lich ans Ende ihrer stimm­li­chen Kräf­te kam – und dafür zum Schluss gar Buhs ein­ste­cken muss­te, was bei Sin­gen­den in Bay­reuth kei­nes­wegs eine Selbst­ver­ständ­lich­keit darstellt.

Eini­ge Ableh­nung kas­sier­te dies­mal auch Cor­ne­li­us Meis­ter, der als Ein­sprin­ger am Pult spät für den coro­na­er­krank­ten Pie­ta­ri Inki­nen an Bord gekom­men war. Auf der Haben­sei­te sind hier nach wie vor eine trans­pa­ren­te Füh­rung des Orches­ters zu ver­zeich­nen, der aller­dings schlich­te Into­na­ti­ons­schwä­chen, eine Unaus­ge­wo­gen­heit und man­geln­der Schmelz gegenüberstanden.

Unfäl­le gab es über die vier Aben­de hin­weg auch auf der Büh­ne, allen vor­an ein unter Wotan zusam­men­bre­chen­der Ses­sel, der den Sän­ger Tomasz Konie­cz­ny für einen Auf­zug außer Gefecht setz­te. Aber auch Gara­gen­to­re, die sich schon schlos­sen, als Auto­tü­ren dem noch im Weg stan­den oder ein auf dem Trank des Ver­ges­sens aus­rut­schen­der Ein­sprin­ger Clay Hil­ley reih­ten sich hier ein. Hil­ley war kurz­fris­tig, nach­dem er am Vor­tag noch in Ita­li­en am Strand gele­gen hat­te, für den erkrank­ten Ste­phen Gould in der „Göt­ter­däm­me­rung” als Sieg­fried ein­ge­sprun­gen und fei­er­te mit metal­li­schem Tim­bre in die­ser har­ten Par­tie gleich sein Bayreuth-Debüt.

Es kom­men eben nur die Har­ten in den Gar­ten. Das gilt auch für die Welt des „Rings” im Schwarz’schen Uni­ver­sum. Bei der Neu­deu­tung am Bay­reu­ther Hügel gibt es den die Welt­macht ver­hei­ßen­den Ring letzt­lich nicht, ihn ver­kör­pern jeweils die Kin­der, die die dynas­ti­sche Macht fort­füh­ren sol­len und doch pri­mär trans­ge­nera­tio­nal die Sün­den und Trau­ma­ta der Eltern­ge­nera­ti­on wei­ter­tra­gen. Dies­be­züg­lich gelingt der Insze­nie­rung nach einer lei­der voll­ends bana­li­sier­ten, schwa­chen Gestal­tung des viel­leicht bedrü­ckends­ten Fina­les der Opern­ge­schich­te tat­säch­lich ein packen­des Schluss­bild. Hier umar­men sich die bei­den Föten, die sich im Film­auf­takt der Tetra­lo­gie noch gegen­sei­tig blu­tig gekratzt hat­ten. Ein ver­söhn­li­ches, star­kes Bild.

Und doch hat man, wie man es auch von guten Seri­en kennt, irgend­wann deren Welt aus­ge­mes­sen und das Gefühl, dass es jetzt aber auch mal gut ist. Ob der Schwarz-„Ring” es unge­ach­tet des nie­der­ge­buh­ten Auf­takts eines Tages in die Liga der legen­dä­ren Tetra­lo­gie­ar­bei­ten am Grü­nen Hügel schaf­fen wird, wird man sehen. Als para­dig­ma­ti­sches Kind sei­ner Zeit ist es jeden­falls nicht ausgeschlossen.

(S E R V I C E – Richard Wag­ners „Der Ring des Nibe­lun­gen: Göt­ter­däm­me­rung” bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len. Musi­ka­li­sche Lei­tung – Cor­ne­li­us Meis­ter, Regie – Valen­tin Schwarz, Büh­ne – Andrea Coz­zi, Kos­tü­me – Andy Besuch. Mit Sieg­fried – Clay Hil­ley, Gun­ther – Micha­el Kup­fer-Rade­cky, Albe­rich – Olafur Sigur­dar­son, Hagen – Albert Doh­men, Brünn­hil­de – Iré­ne Theo­rin, Gutru­ne – Eli­sa­beth Tei­ge, Wal­trau­te – Chris­ta May­er, 1. Norn – Okka von der Damerau, 2. Norn – Sté­pha­nie Müt­her, 3. Norn – Kel­ly God, Wog­lin­de – Lea-ann Dun­bar, Well­gun­de – Ste­pha­nie Hout­ze­el, Floß­hil­de – Kat­ie Ste­ven­son. Wei­te­re Auf­füh­run­gen am 15. und 30. August. )