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news/APA/Donnerstag, 18.11.21, 17:07:32

Autor Oswald Wie­ner mit 86 Jah­ren verstorben

„kunst ist pro­pa­gan­da für die wirk­lich­keit und wird daher ver­bo­ten!”, ver­kün­de­te Oswald Wie­ner in sei­nem Roman „die ver­bes­se­rung von mit­tel­eu­ro­pa”. Mit der Kunst, der Wirk­lich­keit und der Künst­lich­keit spiel­te er selbst gern. Am heu­ti­gen Don­ners­tag ist der Dich­ter, Erkennt­nis­theo­re­ti­ker und kyber­ne­ti­sche Vor­den­ker der künst­li­chen Intel­li­genz im Alter von 86 Jah­ren gestor­ben. Einen ent­spre­chen­den Bericht des „Stan­dard” bestä­tig­te sei­ne Toch­ter Sarah Wie­ner gegen­über der APA.
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Oswald Wie­ner galt nicht nur als theo­re­ti­scher Kopf der „Wie­ner Grup­pe”, son­dern neben Fried­rich Ach­leit­ner, Ger­hard Rühm, Kon­rad Bay­er und H. C. Art­mann auch als prä­gen­des lite­ra­ri­sches Mit­glied. Sei­nen Roman „die ver­bes­se­rung von mit­tel­eu­ro­pa” (1969) bezeich­ne­te die „F.A.Z.” ein­mal als „eines der beun­ru­hi­gends­ten Doku­men­te der deut­schen Spra­che überhaupt”.

„Der Tod von Oswald Wie­ner macht mich sehr trau­rig”, reagier­te Kunst- und Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin Andrea May­er (Grü­ne) in einer Aus­sendung. „Mit Oswald Wie­ner ver­lie­ren wir einen streit­ba­ren Phi­lo­so­phen, einen erfolg­rei­chen Wis­sen­schaft­ler und vor allem einen lei­den­schaft­li­chen Künst­ler, der Kunst­ge­schich­te geschrie­ben hat – denn mit ihm ist die öster­rei­chi­sche Kunst und Lite­ra­tur in die radi­ka­le Moder­ne auf­ge­bro­chen.” Sei­ne „ver­bes­se­rung von mit­tel­eu­ro­pa, roman” sei und blei­be in ihrer Radi­ka­li­tät unüber­trof­fen. Auch die Wie­ner Kul­tur­stadt­rä­tin Vero­ni­ca Kaup-Has­ler reagier­te betrof­fen: „Kunst und Revo­lu­ti­on gehör­ten für Oswald Wie­ner zusam­men. Ob als pro­vo­kan­ter Visio­när beim „Wie­ner Aktio­nis­mus”, als Jazz­trom­pe­ter oder frü­her Pio­nier in der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie: Oswald Wie­ner war sei­ner Zeit oft vor­aus”, heißt es in dem State­ment. „Heu­te sind wir in der Lage, die Bedeu­tung sei­nes viel­ge­stal­ti­gen Wir­kens für die gesamt­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung zu ermes­sen: Wir haben einen höchst ori­gi­nel­len und beein­dru­ckend viel­sei­ti­gen Dich­ter und Den­ker ver­lo­ren”, so Kaup-Hasler.

Oswald Wie­ner wur­de am 5. Okto­ber 1935 in Wien gebo­ren, stu­dier­te Rechts- und Musik­wis­sen­schaf­ten, afri­ka­ni­sche Spra­chen und Mathe­ma­tik. Der radi­ka­le ästhe­ti­sche Zugriff der „Wie­ner Grup­pe”, die mit Col­la­gen und Mon­ta­gen, Sprach­ex­pe­ri­men­ten und lite­ra­ri­schen Kaba­retts eine Brü­cke zwi­schen Anar­chie und Phi­lo­so­phie, Kunst und Lite­ra­tur schlug, sorg­te für Auf­se­hen. 1959 ver­nich­te­te Wie­ner sein kom­plet­tes lite­ra­ri­sches Werk und arbei­te­te in den fol­gen­den Jah­ren als Com­pu­ter­ex­per­te der Wie­ner Olivetti-Niederlassung.

1968 war er bei der Uni-Akti­on „Kunst und Revo­lu­ti­on” betei­ligt, die für einen Skan­dal sorg­te und ihn vor einer sechs­mo­na­ti­gen Gefäng­nis­stra­fe schließ­lich nach Ber­lin flüch­ten ließ. Dort eröff­ne­te er die Gast­stät­te „Exil” und beleg­te im Fern­stu­di­um Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. Ab die­sem Zeit­punkt wur­de es ihm zum Prin­zip, natur­wis­sen­schaft­li­che und kyber­ne­ti­sche Ansät­ze auch in Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie zu übertragen.

Die Beschäf­ti­gung mit künst­li­cher Intel­li­genz und den Grund­la­gen der Mathe­ma­tik, das Fas­zi­niert­sein von den Arbeits­wei­sen von Maschi­nen beherrsch­te daher auch Wie­ners lite­ra­ri­sches Schaf­fen, für das er mit dem Gro­ßen öster­rei­chi­schen Staats­preis für Lite­ra­tur 1989 aus­ge­zeich­net wurde.

In sei­nem zwei­ten Roman, „Nicht schon wie­der…!”, 1990 unter dem Pseud­onym Evo Prä­kog­ler erschie­nen, ver­misch­ten sich die Gren­zen zwi­schen mensch­li­cher und künst­li­cher Exis­tenz. Sei­ne Wer­ke, von den „Lite­ra­ri­schen Auf­sät­zen” bis zu sei­nen Publi­ka­tio­nen zu den Turing Tests für künst­lich intel­li­gen­te Sys­te­me, tru­gen zu allen Dis­zi­pli­nen, die sie strei­fen – Lite­ra­tur, künst­li­che Intel­li­genz, Kyber­ne­tik – eigen­stän­di­ge Ansät­ze bei.

Der Ehren­dok­tor der Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt (1995), der neben dem Lite­ra­tur-Staats­preis auch mit dem Lite­ra­tur-Preis der Stadt Wien (1987), dem Grill­par­zer-Preis der „Anony­men Aktio­nis­ten” (1993) und dem „manuskripte”-Preis des Lan­des Stei­er­mark (2006) aus­ge­zeich­net wur­de, war von 1992 bis 2004 Pro­fes­sor für Ästhe­tik an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf. Sei­ne Toch­ter mit der bil­den­den Künst­le­rin Lore Heu­er­mann, die EU-Poli­ti­ke­rin, Köchin und Autorin Sarah Wie­ner, wuchs bei der Mut­ter in Wien auf.