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news/APA/Mittwoch, 21.07.21, 13:37:50

75. Bre­gen­zer Fest­spie­le eröffnet

Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len hat am Mitt­woch in sei­ner gewohnt lau­ni­gen Art die 75. Bre­gen­zer Fest­spie­le eröff­net. Die Fest­gäs­te spen­de­ten wie­der­holt gro­ßen Applaus, gera­de auch für sein Ver­hal­ten hin­sicht­lich des „Ibiza”-Untersuchungsausschusses. Den künst­le­ri­schen Auf­takt des Fes­ti­vals – das unter „3G-Bedin­gun­gen” statt­fin­det – bil­det am Abend die Pre­mie­re von Arri­go Boitos „Nero” im Fest­spiel­haus. Bis 22. August gibt es ins­ge­samt 80 Ver­an­stal­tun­gen zu sehen.
APA/DIETMAR STI­PLOV­SEK

Wie bereits 2019 mach­te der Bun­des­prä­si­dent die Kunst nur am Ran­de sei­ner in der Anmo­de­ra­ti­on als „Pre­digt” ange­kün­dig­ten Anspra­che zum Inhalt sei­ner Rede. Viel­mehr sprach er nach vie­len Mona­ten der Pan­de­mie („Las­sen Sie uns gemein­sam hof­fen, dass wir das Gröbs­te hin­ter uns haben”) über Zusam­men­halt, Gleich­be­rech­ti­gung, den respekt­lo­sen Umgang man­cher Poli­ti­ker mit den Insti­tu­tio­nen des Staa­tes und – eben­falls wie 2019 – über die Kli­ma­kri­se. Es tue gut, wenn er nun wie­der per­sön­lich durch Öster­reich rei­sen und das eine oder ande­re im per­sön­li­chen Kon­takt mit den Men­schen bespre­chen kön­ne, sag­te das Staats­ober­haupt. Es gebe doch eini­ges, was man direkt aus dem Mund der Men­schen hören sollte.

Die Pan­de­mie habe an vie­len Frau­en „wirk­lich gezehrt”, Betreu­ungs­ar­beit und Home­schoo­ling sei­en im Wesent­li­chen an den Frau­en hän­gen geblie­ben. „Das soll­ten wir nicht hin­neh­men. Es braucht eine Ände­rung in den Köp­fen aller und den Geld­bör­sen der Frau­en”, stell­te Van der Bel­len fest. Er ver­ste­he nicht, war­um man es Frau­en mög­lichst schwer mache, Chan­cen auf dem Arbeits­markt wahr­zu­neh­men. In Sachen Poli­tik sag­te der Bun­des­prä­si­dent – ohne kon­kret zu wer­den, aber ganz offen­sicht­lich in Anspie­lung auf den Unter­su­chungs­aus­schuss zum Ibi­za-Video bzw. auf das Ver­hal­ten von Finanz­mi­nis­ter Ger­not Blü­mel (ÖVP) -, dass die Leu­te sehr unzu­frie­den sei­en, wie mit den Insti­tu­tio­nen des Staa­tes umge­gan­gen wer­de, ins­be­son­de­re mit der Ver­fas­sung. Er sei selbst erstaunt gewe­sen, „dass mich ein über 100 Jah­re alter Arti­kel der Ver­fas­sung zu Tätig­kei­ten ver­an­lasst hat”, so Van der Bellen.

Am meis­ten Sor­ge berei­te aber die Kli­ma­kri­se mit all den schreck­li­chen Hit­ze- und Über­flu­tungs­bil­dern der ver­gan­ge­nen Wochen. „Wir müs­sen uns Sor­gen machen. […] Zu den Men­schen­pflich­ten gehört es, fin­de ich, unser Haus den nächs­ten Genera­tio­nen in Ord­nung zu über­ge­ben”, unter­strich der Prä­si­dent. Man dür­fe aber nicht in einen Fata­lis­mus ver­fal­len oder all­zu pes­si­mis­tisch wer­den, „wir wis­sen schon, dass wir das Zeug haben, mit Kri­sen fer­tig zu wer­den”. Es müs­se aber jeder das Sei­ne bei­tra­gen, und: „Wir wer­den unse­re Lebens­wei­se umstel­len müs­sen.” Die Zie­le sei­en defi­niert, er wol­le aber Maß­nah­men sehen. „Wir müs­sen schnel­ler ins Tun zu kom­men, das schaf­fen wir auch”, so Van der Bel­len. Die Bre­gen­zer Fest­spie­le, denen er zum 75. Geburts­tag gra­tu­lier­te, wür­dig­te er als „das” Fes­ti­val der Zwei­ten Repu­blik, das das Kul­tur­ver­ständ­nis der Repu­blik widerspiegle.

Fest­spiel­prä­si­dent Hans-Peter Metz­ler war als Ers­ter ans Red­ner­pult getre­ten und hat­te Eröff­nun­gen als „immer etwas Beson­de­res” bezeich­net – gera­de in der aktu­el­len Zeit. Im Zen­trum sei­ner Gedan­ken stand das 75-Jahr-Jubi­lä­um des Fes­ti­vals. „Aber 75 Jah­re Bre­gen­zer Fest­spie­le heißt auch, 75 Jah­re wis­sen wir, was wir tun, was wir wol­len und was wir kön­nen”, so Metz­ler. 75 Jah­re Bre­gen­zer Fest­spie­le bedeu­te­ten 75 Jah­re „ein höchst enga­gier­tes Aben­teu­er”. Die Bre­gen­zer Fest­spie­le bedien­ten das Grund­be­dürf­nis des Men­schen nach künst­le­ri­scher Erfah­rung, sowohl in der Aus­übung als auch im Genie­ßen. Dabei ver­wies er auch auf das ver­brief­te Recht auf Kunst und Kul­tur in der „All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te”. Kul­tur blei­be sinn­voll, zweck­voll, brauch­bar, ja unver­zicht­bar, unter­strich der Festspielpräsident.

Er wol­le im Hin­blick auf das 75-jäh­ri­ge Bestehen nicht das Heu­te mit dem Damals ver­glei­chen. Aber er kön­ne nach­voll­zie­hen, was viel­leicht unbe­wusst in den Köp­fen der Fest­spiel­grün­der vor­ge­gan­gen sei, sag­te Metz­ler. Die dama­li­gen Pro­po­nen­ten hät­ten schein­bar Unmög­li­ches geschaf­fen, dazu müs­se vie­les zusam­men­kom­men. „In einem Wort: Enga­ge­ment. Auch von Sei­ten der Poli­tik, von Spon­so­ren und von Ihnen, unse­rem geschätz­ten Publi­kum”, beton­te der Fest­spiel­prä­si­dent. Es gehe auch um die nächs­ten 25 Jah­re. „Wir sind ver­nünf­tig und ver­ant­wor­tungs­voll, weil wir heu­te zu „Unver­nünf­ti­gem” ste­hen, uns dazu beken­nen: Ja, wir wol­len Fest­spie­le!”, so Metzler.

Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin Andrea May­er (Grü­ne) unter­strich in ihrer Anspra­che eben­so die Bedeu­tung von Kunst und Kul­tur. „Wir brau­chen das Schö­ne, das Mensch­li­che, den Wider­spruch, die Rei­bung, das Ver­blüf­fen­de, die Fan­ta­sie, den kri­ti­schen Blick. Ohne Kunst kön­nen wir über­le­ben, aber unser Mensch­sein kann das nicht”, stell­te sie fest. Aus der See­büh­nen-Pro­duk­ti­on „Rigo­let­to” zitier­te sie den Her­zog von Man­tua: „Ohne Frei­heit gibt es kei­ne Lie­be.” In den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jah­ren sei­en wir nicht frei gewe­sen, „man­che wis­sen erst jetzt, was wir ver­lo­ren hat­ten”, so die Staats­se­kre­tä­rin. Ohne Frei­heit aber gebe es die Kunst nicht.

Die Bre­gen­zer Fest­spie­le sym­bo­li­sier­ten, „was das Bes­te an unse­rem Land, an Öster­reich aus­macht”, sag­te May­er. Die Grün­dung vor 75 Jah­ren sei ein Signal für die Los­lö­sung von den dunk­len Zei­ten des Natio­nal­so­zia­lis­mus gewe­sen, die Abwen­dung vom „Ende der Kul­tur” hin zur Wie­der­ge­win­nung von Froh­sinn und Glück. Ein­ge­bet­tet in die Wei­te des Sees eröff­ne die Bre­gen­zer See­büh­ne die gro­ße Perspektive.

Beson­ders erwähnt wur­de von Metz­ler und May­er die Zusam­men­ar­beit der Fest­spie­le mit den Wie­ner Sym­pho­ni­kern, die seit Anbe­ginn der Fest­spie­le 1946 Bestand hat. Die­se könn­ten sich zu einem Sechs­tel auch „Bre­gen­zer Sym­pho­ni­ker nen­nen, ver­le­gen sie doch in den Som­mer­mo­na­ten neben ihrem musi­ka­li­schen Enga­ge­ment auch die gesam­te Ver­wal­tung aus dem Wie­ner Stadt­bü­ro an den See”, fand die Staats­se­kre­tä­rin, die von einem Zwi­schen­ap­plaus für die Sym­pho­ni­ker unter­bro­chen wur­de. Metz­ler beton­te, dass die Sym­pho­ni­ker die 1946 in die Bun­des­haupt­stadt geschla­ge­ne Brü­cke „von Anfang an tat­kräf­tig mit hohem Enga­ge­ment […] mit­ge­stal­tet und mit­ge­baut haben”.

Nach ein­jäh­ri­ger Coro­na-Pau­se – und ent­spre­chen­den Ein­bu­ßen auf der Ein­nah­men­sei­te – zeig­ten sich die Fest­spiel-Ver­ant­wort­li­chen im Vor­feld der Eröff­nung sehr zufrie­den mit dem Ticket-Absatz. Ins­ge­samt ste­hen 80 Ver­an­stal­tun­gen auf dem Pro­gramm, für die 212.000 Kar­ten auf­ge­legt wur­den. Min­des­tens 85 Pro­zent der Tickets waren zu Fest­spiel-Beginn bereits gebucht. Für die 28 Auf­füh­run­gen von Giu­sep­pe Ver­dis „Rigo­let­to” auf der See­büh­ne gelang­ten 192.000 Kar­ten in den Ver­kauf. Die „Rigoletto”-Premiere wird am Don­ners­tag­abend gefeiert.

Die live im TV über­tra­ge­ne Eröff­nung pro­fi­tier­te vom Humor des Bun­des­prä­si­den­ten und den Dar­bie­tun­gen der Fest­spiel-Künst­ler. Van der Bel­len ging in sei­ner belieb­ten Art immer wie­der in direk­ten Kon­takt mit dem Publi­kum und sorg­te mit Zwi­schen­be­mer­kun­gen für Lacher. Beson­ders gut kam wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Mode­ra­tor Niko­laus Hab­jan an, der mit sei­ner Hand­pup­pe (der Diva „Lady Bug”) und sub­ver­si­ven Ansa­gen für bes­te Unter­hal­tung sorg­te und Georg Kreis­lers „Alles nicht wahr” sang. Eben­so prä­gend wie die Reden waren für die Eröff­nungs­ze­re­mo­nie aber die Aus­zü­ge von Künst­le­rin­nen und Künst­lern aus dem Fest­spiel­pro­gramm. So gab es unter ande­rem Dar­bie­tun­gen aus „Rigo­let­to” und „Nero”. Die Wie­ner Sym­pho­ni­ker prä­sen­tier­ten einen Aus­zug aus Richard Wag­ners „Das Rhein­gold”. Zu sehen und zu hören waren außer­dem Ein­drü­cke aus ande­ren Pro­duk­tio­nen wie Michel van der Aas Film­oper „Upload” oder den Thea­ter­stü­cken „Micha­el Kohl­haas” (Hein­rich von Kleist) und „Lohn der Nacht” (Bern­hard Stud­lar). Von Gio­a­chi­no Ros­si­nis Oper „Die Ita­lie­ne­rin in Algier” wur­de das Fina­le des ers­ten Akts gezeigt, einen ers­ten Ein­blick gab es auch in Alex­an­der Moos­brug­gers Oper „Wind”, die in Bre­genz urauf­ge­führt wird. Eine Urauf­füh­rung bei der Eröff­nung war auch „In frei­er Natur” von Mar­cus Nigs­ch, „eine Schwär­me­rei zum 75-jäh­ri­gen Jubi­lä­um der Festspiele”.

Wäh­rend die Eröff­nung im Fest­spiel­haus ihren gewohn­ten Gang nahm, muss­te der tra­di­tio­nel­le Emp­fang für die Vor­arl­ber­ger Bevöl­ke­rung auf dem Vor­platz des Fest­spiel­hau­ses Coro­na-bedingt ent­fal­len. Der Fest­spiel­be­zirk war aller­dings für Gene­se­ne, Getes­te­te und Geimpf­te geöff­net, Fla­nie­ren über den Platz der Wie­ner Sym­pho­ni­ker – so der offi­zi­el­le Name des Vor­plat­zes – war also möglich.

(S E R V I C E – 75. Bre­gen­zer Fest­spie­le 2021 von 21. Juli bis 22. August, Spiel auf dem See: „Rigo­let­to” von Giu­sep­pe Ver­di; Haus­oper: „Nero” von Arri­go Boi­to; Wei­te­re Infor­ma­tio­nen, gesam­tes Pro­gramm und Tickets unter )